Mordfall Weimar: Neue Spur in Deutschlands rätselhaftestem Cold Case? Verdächtiger nach 40 Jahren

Neue Spur im Mordfall “Weimar”: Schwager rückt nach 40 Jahren in den Fokus

12.05.26 – Ein Mordfall, der fast 40 Jahre nach seinem Geschehen immer wieder einige neue Hinweise liefert und zahlreiche Fragen aufwirft: Im August 1986 verschwanden im osthessischen Philippsthal (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) die Schwestern Melanie (7) und Karola Weimar (5). Die beiden Kinder wurden tot aufgefunden. Für die Tat wurde Mutter Monika 1999 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die beiden jungen Schwestern – die noch ihr gesamtes Leben vor sich hatten, dieser Chance aber beraubt wurden – wurden wenige Tage nach ihrem Verschwinden tot auf Parkplätzen gefunden. Die beiden Leichen lagen vier Kilometer voneinander entfernt. Auch heute noch erhält dieser bekannte Kriminalfall Deutschlands neue Brisanz. Erst sorgte der Wiederaufnahmeantrag des Hamburger Strafverteidigers Gerhard Strate für neuen Wirbel- jetzt bringt ein Bericht der BILD‑Zeitung zusätzliche Details ans Licht. Dabei wird ein Name genannt, der auch beim Wiederaufnahmeantrag als einer der Verdächtigen enttarnt wurde: Raymond E. – komplett: Raymond Allen Elliott. Er war der damalige Schwager von Monika Weimar.

Elliott lebte 1986 im selben Haus wie die Familie Weimar, nur eine Etage darüber. In der Tatnacht war er einer der wenigen Erwachsenen vor Ort. Dennoch konzentrierten sich die Ermittlungen über Jahre hinweg fast ausschließlich auf die Eltern der Mädchen. Strafverteidiger Strate kritisiert diese einseitige Fokussierung seit Langem – und sieht in Elliott eine mögliche, bislang vernachlässigte Spur.

Für die Tat wurde Mutter Monika 1999 zu lebenslanger Haft verurteilt.Archivbilder: O|N / Martin Angelstein

BILD-Reporter spricht mit Verdächtigem

Dieser Spur folgte ein BILD-Reporter – sogar soweit, bis er den Verdächtigen schließlich in Sacramento (Kalifornien in den USA) aufspürt und direkt mit den Vorwürfen konfrontiert. Elliott reagierte laut Bericht heftig und wies jede Verbindung zur Tat zurück. “Ich lasse meinen Namen nicht so verleumden. Man kann nicht jemanden wie mich beschuldigen für etwas, womit ich nichts zu tun hatte”, äußerte er wütend. “Wie soll ich ein Verdächtiger sein, wenn ich nie zu Hause war? Ich war immer weg, ich war beim Militär.” Und weiter: “An dem Tag, als die verschwanden, war ich auf der Basis und habe gekocht.” Ob dieses Alibi jemals überprüft wurde, ist laut Aktenlage unklar.

Die beiden jungen Schwestern – die noch ihr gesamtes Leben vor sich hatten, dieser Chance …

Elliotts Vergangenheit: Er hat Kinder missbraucht und war deshalb 16 Jahre in Haft

Besonders brisant sind die Informationen zu Elliotts Vergangenheit, die nun erstmals in dieser Ausführlichkeit öffentlich werden. Der Amerikaner wurde 1999 in Kalifornien wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu 16 Jahren Haft verurteilt. Mehrere Opfer schildern im BILD‑Bericht detailliert, wie Elliott über Jahre hinweg Kinder missbrauchte – teils bereits in den 1970er‑Jahren.Jetzt bringt ein Bericht der BILD‑Zeitung zusätzliche Details ans Licht. Dabei …

So schilderte eines seiner amerikanischen Opfer, Angelina Broughton, heute 38, eindringlich, wie Elliott vorging, als er sie 1998 missbrauchte. “Wir sollten ihn ‘Onkel Tigger’ nennen. Er hatte ein Tigger-Tattoo auf dem Arm und sang uns das Tigger-Lied von Winnie Puuh vor”, sagte sie dem BILD-Reporter vor Ort. Die Melodie hat sich von dort an tief in das Gedächtnis der zweifachen Mutter eingebrannt. “Er ließ uns auf seinem Schoß sitzen, kam abends in unser Schlafzimmer und fing an, uns zu missbrauchen.”

Zwei Schwestern gaben in dem beim Landgericht Darmstadt eingereichten Wiederaufnahmeantrag ihre Erlebnisse mit Elliott Anfang der 1970er Jahre schriftlich zu Protokoll. Sie seien als Kinder häufig in seinem Elternhaus in der kalifornischen Stadt Dorris zu Besuch gewesen. Elliott, damals Jugendlicher, habe sie dort sexuell missbraucht. Als ich eine von ihnen besuche, wiederholt sie ihren Vorwurf: “Er hat mich an meinen intimen Stellen berührt.” Die Aussagen zeichnen ein Muster: gezielte Nähe zu Kindern, Übergriffe in unbeobachteten Situationen, wiederholte Taten über Jahrzehnte hinweg.

Für Monika Weimars Strafverteidiger ergibt sich daraus ein mögliches Motiv, das …

Unklar, wie es jetzt weitergeht

Für Monika Weimars Strafverteidiger ergibt sich daraus ein mögliches Motiv, das bislang nie ernsthaft in Betracht gezogen wurde. Die Theorie: Was, wenn es auch 1986 in der Wohnung der Weimars zu einem Übergriff kam? Was, wenn dieser aus dem Ruder lief? Und was, wenn diesmal zwei Kinder starben? Eine Hypothese – aber eine, die nach Ansicht der Verteidigung nie gründlich geprüft wurde. Elliott selbst weist alle Vorwürfe entschieden zurück. “Dieser Anwalt verschwendet nur Zeit und Geld.” Dann sei er noch deutlicher geworden: “Diese Leute liegen falsch, sie beschuldigen die falsche Person und verfolgen die falsche Spur. Ich werde dafür nicht ins Gefängnis gehen. Mein Fall in den USA war etwas völlig anderes”, behauptete er. “Wenn sie mich jagen wollen, dann sollen sie es tun.” Kurz darauf beendete er das Gespräch mit der BILD-Zeitung.Das Landgericht Darmstadt hat inzwischen bestätigt, dass die Akten zum Wiederaufnahmeantrag angefordert wurden. Wie es weitergeht, ist offen. Doch die neuen Recherchen werfen ein anderes Licht auf eine Person, die im ursprünglichen Verfahren kaum eine Rolle spielte – und könnten den Blick auf den Fall noch einmal grundlegend verändern. Ob dies ausreicht, um das Verfahren neu aufzurollen, müssen nun die Gerichte entscheiden. (Mia Schmitt) +++