Allein in Deutschland leben mehr als 1,8 Millionen Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform, und die Prognosen sind düster: Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl auf drei Millionen ansteigen. Was die wenigsten wissen, so der renommierte Neurologe Dr. Klaus Müller, ist, dass diese verheerende Krankheit nicht plötzlich mit dem Vergessen beginnt, sondern sich über Jahre hinweg leise und unbemerkt im Gehirn ausbreitet.
Der erste Dominostein fällt dabei an einem Ort, den die meisten von uns nie mit Gedächtnis oder Denken in Verbindung bringen würden: in der Nase. In einem aufsehenerregenden Vortrag, der aktuell in medizinischen Fachkreisen und sozialen Netzwerken die Runde macht, erklärt Dr. Müller die erschreckende und gleichzeitig hoffnungsvolle Verbindung zwischen dem Riechvermögen und der Alzheimererkrankung.
Die entscheidende Erkenntnis, die Dr. Müller seinen Zuhörern vermittelt, basiert auf jahrelanger Forschung: Das Gehirn hat eine direkte, fast schon privilegierte Verbindung zur Nase. Während alle anderen Sinneseindrücke wie Sehen, Hören oder Fühlen auf ihrem Weg zur Verarbeitung mehrere Umwege und Schaltstellen im Gehirn passieren müssen, genießen Gerüche einen Direktflug.
Die Riechnerven führen ohne Umleitung über den Riechkolben direkt zur entorhinalen Rinde und zum Hippocampus, dem zentralen Gedächtniszentrum unseres Gehirns. Es ist die evolutionär älteste und tiefste Verbindung, ein archaisches Warnsystem, das unsere Vorfahren vor Gefahren schützte. Heute jedoch, so Dr.
Müller, wird diese direkte Leitung zum Verhängnis, denn genau hier, in der entorhinalen Rinde, beginnt die Alzheimererkrankung ihren zerstörerischen Lauf.
Wenn sich die typischen Eiweißablagerungen, die sogenannten Plaques und Tangles, in dieser empfindlichen Region ansammeln, beschädigen sie unweigerlich auch diese direkte Nervenverbindung zur Nase. Die Folge ist ein schleichender, leiser Verlust des Geruchssinns, ein Phänomen, das von den Betroffenen oft als normaler Alterungsprozess oder als Folge einer harmlosen Erkältung abgetan wird. Doch Dr.
Müller warnt eindringlich: Dieser Verlust kann bis zu 15 Jahre vor dem ersten offensichtlichen Symptom des Gedächtnisverlusts auftreten. Ein dänisches Forschungsteam konnte in Langzeitstudien nachweisen, dass Menschen, die in standardisierten Riechtests von Jahr zu Jahr schlechter abschnitten, in den folgenden Jahren ein signifikant erhöhtes Risiko hatten, an Alzheimer zu erkranken. Der Geruchssinn, so die Botschaft, ist der stille Bote, der den nahenden Sturm ankündigt, lange bevor am Horizont die ersten Wolken des Vergessens sichtbar werden.
Damit aber nicht genug. Dr. Müller enthüllt ein ganzes Bündel an stillen Signalen, die viele Menschen übersehen, weil sie sie nicht mit einer beginnenden Demenz in Verbindung bringen.
An fünfter Stelle steht eine subtile Veränderung der Persönlichkeit. Ein Mensch, der früher neugierig und gesellig war, zieht sich plötzlich zurück. Eine zuvor gelassene Person reagiert nun dünnhäutig und reizbar.
Der Grund liegt in der räumlichen Nähe der entorhinalen Rinde zum emotionalen Kontrollzentrum des Gehirns. Frühzeitige Ablagerungen in der Rinde streuen in dieses Areal und führen zu einer emotionalen Dysregulation, die Ärzte und Angehörige fälschlicherweise als schlechte Laune oder Altersdepression deuten, obwohl sie neurochemische Ursachen hat.
Das vierte Signal, so der Neurologe, ist besonders trügerisch, weil es oft körperlichen Ursachen wie dem Rücken oder dem Kreislauf zugeschrieben wird. Es sind kleine Unsicherheiten beim Gehen, eine leicht veränderte Schrittlänge oder ein kaum merkliches Zögern auf unebenem Boden. Studien haben gezeigt, dass diese Mikrostörungen in Gang und Gleichgewicht frühe Hinweise auf einen beginnenden neurologischen Abbau sein können.
Es gehe nicht um Stürze, sondern um die winzigen, fast unsichtbaren Veränderungen im Bewegungsablauf, die den Beginn eines tiefgreifenden Prozesses markieren, bevor das Gedächtnis überhaupt nachlässt.
An dritter Stelle der stillen Warnsignale steht eine veränderte Schlafqualität. Dr. Müller erklärt dies mit einem faszinierenden Mechanismus: Unser Gehirn betreibt nachts eine Art Müllabfuhr.
Im Tiefschlaf weiten sich spezielle Kanäle, und eine Reinigungsflüssigkeit spült giftige Proteine, darunter jene, die bei Alzheimer entstehen, aus dem Gewebe. Ein schlechter Schlaf führt dazu, dass mehr dieser Schadstoffe im Gehirn verbleiben. Gleichzeitig stören frühe Ablagerungen aktiv die Schlafarchitektur, ein gefährlicher Teufelskreis, bei dem immer mehr Ablagerungen zu immer schlechterem Schlaf führen.
An zweiter Stelle des Rankings steht ein Problem, das viele Menschen kennen, aber selten richtig einordnen: Geht man in einen Raum und vergisst im selben Moment, was man dort wollte. Dr. Müller betont den entscheidenden Unterschied: Normales Vergessen betrifft meist Unwichtiges, wie den Ort des Autoschlüssels, während man sich noch gut an das geführte Gespräch erinnert.
Alzheimer-typisches Vergessen hingegen betrifft bevorzugt ganz neue Informationen, den Inhalt eines Gesprächs, das gerade erst stattgefunden hat. Es ist, als ob die Festplatte des Gehirns neue Daten nicht mehr richtig speichern kann, während alte Erinnerungen noch intakt sind.
Und dann, an erster Stelle, steht das machtvollste Frühzeichen: der nachlassende Geruchssinn. Dr. Müller ist jedoch ein Arzt der klaren Worte und warnt vor voreiligen Schlüssen.
Ein nachlassender Geruchssinn allein sei noch kein Beweis für Alzheimer. Erkältungen, Allergien, Nasenpolypen oder eine Covid-19-Infektion können die Riechfähigkeit ebenfalls beeinträchtigen. Es gehe um den chronischen, schleichenden Verlust, der mit keiner akuten Erkrankung zusammenhängt.
Und es gehe um die Kombination. Tritt Signal Nummer 1 allein auf, so Dr. Müller, sei das kein Grund zur Panik, aber ein Grund zum Handeln.
Treten Signal Nummer 1 zusammen mit zwei oder drei weiteren Warnsignalen auf, dann sei der Gang zum Neurologen dringend angeraten.
Doch hier liegt die entscheidende Wende in Dr. Müllers Botschaft: Der Mensch ist dieser tückischen Krankheit nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt eine einfache, kostenlose und wissenschaftlich validierte Methode, mit der jeder aktiv werden kann.
Die Rede ist vom sogenannten olfaktorischen Training, dem Riechtraining. Professor Thomas Hummel von der Technischen Universität Dresden, einer der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet, hat diese Methode gründlich erforscht. Seine Studien belegen, dass das tägliche Riechen an vier definierten Duftstoffen die Regeneration der Riechrezeptoren stimuliert.
Diese Rezeptoren gehören zu den wenigen Nervenzellen im erwachsenen menschlichen Körper, die sich tatsächlich neu bilden können.
Die vier klassischen Düfte, die das gesamte Spektrum der Riechrezeptoren trainieren, sind Zitrone, Eukalyptus, Gewürznelke und Rose. Sie repräsentieren die Kategorien frisch, holzig-medizinisch und blumig. Die Übung ist denkbar einfach: Morgens und abends, zweimal täglich, riecht man für etwa 20 Sekunden konzentriert an jedem der Düfte.
Der entscheidende Trick dabei ist, dass man aktiv versucht, das Bild in der eigenen Erinnerung aufzurufen, das man mit dem Duft verbindet – die Zitrone in der Hand, den Eukalyptuswald. Dies ist keine Entspannungsübung, sondern gezieltes neuronales Training. Es erfordert Geduld, mindestens zwölf Wochen, bevor messbare Effekte spürbar werden.
Doch angesichts der Tatsache, dass auf dem Spiel steht, ob man die Jahre der Gehirngesundheit retten kann, sind zwölf Wochen nichts.
Dr. Müller appelliert an die Zuschauer und Leser, die Botschaft ernst zu nehmen und zu teilen. Denn Alzheimer ist keine Diagnose, die man alleine trägt.
Die Methode des Riechtrainings könne jeder sofort beginnen, mit Zutaten aus der eigenen Küche, einfach auf den Frühstückstisch gestellt, wie Zähneputzen für das Gehirn. Die Botschaft ist klar und dringlich: Der Geruchsverlust ist kein normales Alterszeichen, sondern ein potenzielles Frühwarnsignal, das Ihnen wertvolle Jahre im Kampf gegen eine der schlimmsten Krankheiten der Menschheit schenken kann. Die Stille vor dem Sturm zu erkennen, könnte der entscheidende Schritt sein, um die Dominosteine im Gehirn rechtzeitig zu stoppen.



