„Elena, er ist tot. Mein Sohn Stefan. Stefan hat uns verlassen. “ Ingrids Stimme brach am anderen Ende der Leitung, ihr Schluchzen war so heftig, dass ich den Hörer ein Stück vom Ohr weghielt.

Mein Blick blieb auf der Excel-Tabelle haften, auf den Wahrscheinlichkeiten, die ich jeden Tag berechnete. Ein 35-jähriger Mann, der beim Tauchen verschwindet – wie hoch war diese Wahrscheinlichkeit? Genau null in meinen Modellen. Ich war Versicherungsmathematikerin.
Für mich war das Leben eine Reihe von kalkulierbaren Risiken. Aber Stefan, mein Ehemann, war auf einer Geschäftsreise auf der Insel Sölt gewesen, kombiniert mit einem Urlaub, wie er gesagt hatte. Jetzt war er angeblich in der Piratenbucht ertrunken, seine Sauerstoffflasche das einzige, was die Polizei gefunden hatte. Ingrid drängte mich, sofort loszufahren.
„Du musst seine Sachen identifizieren, die Papiere für die Überführung unterschreiben. Fahr noch heute hin, Elena. “
Ich wollte gerade die Bahntickets buchen, als mein Handy summte. Eine SMS von einer unbekannten Nummer.
Fahr noch nicht. Schau in der Holztruhe auf dem Dachboden nach. Mein Puls beschleunigte sich. Ich kannte diese Truhe.
Stefan hatte mir immer gesagt, sie sei voller alter Kindheitserinnerungen, aber er hatte mich nie hineinsehen lassen. Etwas an dieser Nachricht ließ mich nicht mehr los. Ich stieg die steilen Stufen zum Dachboden hinauf, öffnete den Deckel und fand keine Spielzeuge oder Fotoalben. Stattdessen lagen da zwei gefälschte Pässe, ein kariertes Notizbuch voller handschriftlicher Notizen und Bankunterlagen, die ich nie gesehen hatte.
Mein Herz schlug schwer, als ich die Seiten umblätterte. Stefan hatte ein zweites Leben geführt. Einen gefälschten Pass. Geheime Konten.
Und dann fand ich die Einträge über eine Frau namens Miriam. Er hatte sie betrogen, ihr all ihre Ersparnisse für eine angebliche Investition abgenommen und sie dann gnadenlos verlassen, als sie schwanger wurde. Ich blätterte weiter. Da waren die Kredite – dreifällige Privatkredite bei zwei verschiedenen Banken, insgesamt 25.
000 Euro. Und dann die Notiz: „Ingrids Ersparnisse – 150. 000 Euro. “ Er hatte also nicht nur mich betrogen.
Er hatte seine eigene Mutter bestohlen. Mein Kopf raste. Stefan sollte tot sein, aber nichts an dieser Geschichte ergab Sinn. Ich schloss die Truhe, ging zurück ins Arbeitszimmer und öffnete seine Schreibtischschublade.
Da lag eine weitere SMS, diesmal von einer Nummer, die ich kannte. Christian. Ein alter Freund, der mir einmal gesagt hatte, ich solle Stefan nie trauen. „Elena, bist du das?
Du musst vorsichtig sein. Stefan ist nicht der, der er zu sein scheint. “ Seine Stimme klang ernst, fast ängstlich. „Ich habe Sachen gesehen, die ich dir lieber nicht am Telefon erzählen sollte.
Aber glaub mir: Fahr nicht allein nach Sölt. “
Ich war verwirrt, aber auch entschlossen. Wenn Stefan tatsächlich noch am Leben war, dann hatte er seinen eigenen Tod inszeniert. Und wenn er wirklich tot war, dann würde ich trotzdem die Wahrheit herausfinden.
Ich steckte die Bankunterlagen, die gefälschten Pässe und das Notizbuch in eine Tasche. Zusammen mit meinen eigenen Ersparnissen, die ich vor Stefan immer versteckt hatte. Dann rief ich meine Schwiegermutter zurück. „Ingrid, ich brauche einen Gefallen.
Kannst du mir alle Unterlagen über Stefans Finanzen geben? Alles, was du hast. “
Sie zögerte. „Warum?
Was ist los? “
„Ich muss etwas überprüfen, bevor ich die Papiere für die Überführung unterschreibe. Vertrau mir einfach. “
Am nächsten Tag saß ich in der Bankfiliale, die in Stefans Notizbuch aufgelistet war.
Ich legte seine Geburtsurkunde, unsere Heiratsurkunde und einen gefälschten Pass vor, den ich aus der Truhe genommen hatte. Die Angestellte blinzelte, prüfte die Unterlagen und nickte dann. „Wie viel möchten Sie abheben, Frau Sommer? “
Ich lächelte ruhig.
„Alles. Überweisen Sie alles auf dieses Konto. “
150. 000 Euro.
Das Geld war in wenigen Minuten transferiert. Ich verließ die Bank mit leichtem Schritt, während mein Handy erneut summte. Es war Christian. „Elena, ich habe gehört, was du getan hast.
Bist du sicher, dass das eine gute Idee war? “
„Er hat mich betrogen“, antwortete ich leise. „Er hat seine eigene Mutter bestohlen. Er hat versucht, mich in den Wahnsinn zu treiben.
Und jetzt soll ich um seinen Tod trauern? Nein. Ich spiele sein Spiel nicht mehr. “
Christian schwieg einen Moment.
Dann sagte er langsam: „Es gibt noch etwas, das du wissen solltest. Stefan hat einen zweiten Pass. Einen, den ich vor zwei Wochen gesehen habe. Und er hat ein Ticket nach Thailand gekauft.
“
Ich erstarrte. „Wann? “
„Vor drei Tagen. Er sollte schon längst geflogen sein, wenn er noch lebt.
Und wenn er tot ist, dann war jemand anderes auf dem Flug. “
Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken. Alles drehte sich. Die SMS, die Truhe, die Bankkonten, der falsche Pass.
Und jetzt ein Flugticket. Wer war dieser Mann, den ich geheiratet hatte? Und wo war er wirklich? Mein Blick fiel auf das Notizbuch, das noch in meiner Tasche lag.
Auf der letzten Seite stand eine Adresse. Eine Wohnung in Frankfurt, im vierten Stock, keine zwei Kilometer von unserem Haus entfernt. Ich wusste, dass ich dorthin musste. Nicht zur Polizei, nicht zu Ingrid.
Zuerst wollte ich sehen, was sonst noch in diesem zweiten Leben meines Mannes versteckt war. Ich steckte das Notizbuch ein und verließ die Bank. Die Sonne schien, aber mir war kalt bis in die Knochen.


