Der Mann in dem abgetragenen Mantel steht unsicher auf den Beinen, als das Mädchen auf ihn zurennt. Ihre Arme sind schon nach vorne gestreckt, noch bevor sie die Distanz überwunden hat. Es ist Januar 1956, und dieses Foto wird als Symbol für eine ganze Generation deutscher Familien stehen – für die Männer, die der Krieg nicht freigab, und für die Kinder, die ohne Väter aufwuchsen.
Das Mädchen auf dem berühmten Bild, das der Fotograf Helmuth Pirath als „Die Spätheimkehrer“ betitelte und das später zum World Press Photo des Jahres gekürt wurde, war zwölf Jahre alt. Sie hatte ihren Vater seit ihrem ersten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Elf Jahre Krieg und Gefangenschaft lagen zwischen dem Augenblick, in dem er seine kleine Tochter das letzte Mal in den Armen hielt, und dem Moment, in dem er sie als junge Frau wiedersah.
Der Mann gehörte zu den letzten deutschen Kriegsgefangenen, die aus der Sowjetunion zurückkehrten. Während die meisten europäischen Nationen den Zweiten Weltkrieg im Mai 1945 für beendet erklärten, dauerte die Gefangenschaft für Hunderttausende deutsche Soldaten noch ein Jahrzehnt an. Die Rote Armee hatte bis April 1945 nach sowjetischen Aufzeichnungen etwa 2,8 Millionen Angehörige der Wehrmacht in ihre Gewalt gebracht.
Die Bedingungen in den sowjetischen Lagern waren von einer Härte, die sich westlichen Vorstellungen von Kriegsgefangenschaft entzog. Männer, die bei Stalingrad kapituliert hatten, wurden in sibirische Wälder zum Holzfällen gebracht, mussten Kohle fördern oder die Trümmer der Städte räumen, die ihre Armee zuvor zerstört hatte. Von den 91.
000 Soldaten, die sich im Januar 1943 bei Stalingrad ergaben, überlebten nur etwa 6. 000 die Gefangenschaft.
Während die Väter im Osten verschwunden blieben, veränderte sich Deutschland radikal. Die Kinder, die 1945 ohne Vater aufwuchsen, erlebten den Zusammenbruch der Währung, den Wiederaufbau aus Ruinen und die Teilung des Landes in zwei verfeindete Staaten. Ein Kind, das 1945 ein Jahr alt war, wurde bis 1948 vier, bis 1951 sieben und bis 1954 zehn Jahre alt – jedes dieser Jahre ohne den Mann, der in einem fernen Lager auf seine Freilassung wartete.
Die Kommunikation zwischen den Gefangenen und ihren Familien war minimal. Postkarten brauchten bis zu einem Jahr, um ihr Ziel zu erreichen, manche Briefe kamen nie an. Viele Familien wussten jahrelang nicht, ob der Ehemann und Vater noch lebte.
Diese Ungewissheit, so dokumentiert der Historiker Frank Bästlein in seinen Forschungen zur deutschen Nachkriegsgesellschaft, strukturierte den Alltag ganzer Haushalte. Die Mütter führten die Familien allein, trafen alle Entscheidungen und erzogen die Kinder, während sie gleichzeitig auf einen Mann warteten, dessen Rückkehr niemand garantieren konnte.
Die Unterschiede zwischen den Besatzungsmächten wurden nach Kriegsende zum entscheidenden Faktor für das Schicksal der Familien. Die USA entließen den Großteil ihrer über drei Millionen Gefangenen bereits innerhalb eines Jahres. Großbritannien repatriierte die letzten deutschen Soldaten 1948.
Frankreich hielt seine Gefangenen teils bis 1948 als Arbeitskräfte zurück. Doch die Sowjetunion verfolgte eine grundlegend andere Politik. Das Land, das selbst über acht Millionen Soldaten verloren hatte, integrierte die deutschen Gefangenen in den Wiederaufbau der zerstörten sowjetischen Infrastruktur.
Erst die politischen Umwälzungen nach Stalins Tod im März 1953 öffneten die Tür für Verhandlungen. Konrad Adenauer reiste im September 1955 als erster westdeutscher Regierungschef nach Moskau. Die Gespräche standen mehrfach vor dem Scheitern.
Erst nach einem gemeinsamen Abend in der Bolschoi-Theater, wo die Delegationen Romeo und Julia sahen, näherten sich die Seiten an. Das Ergebnis: diplomatische Beziehungen gegen die Freilassung der letzten Gefangenen.
Die Zahlen, die am Ende dieses Abkommens standen, sind präzise dokumentiert: 9. 262 Männer kehrten in den Monaten nach Adenauers Moskau-Reise zurück, darunter etwa 3. 000 Zivilinternierte.
Es war ein Bruchteil der fast drei Millionen Gefangenen, die einst in sowjetischer Hand gewesen waren. Doch für die Familien, die am Bahnhof standen, zählte nur diese eine Zahl.
Im Oktober 1955 begannen die ersten Transporte. Die Züge rollten durch Frankfurt an der Oder, dem ersten Halt im geteilten Deutschland, und weiter nach Westen. Der letzte Transport überquerte die Grenze am 14.
Januar 1956. Der zentrale Ankunftspunkt war das Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen, das seit September 1945 Hunderttausende Heimkehrer, Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen hatte.
Die Bilder von den Bahnsteigen in Friedland und an anderen Stationen zeigen Frauen, die stundenlang Schilder mit Namen hochhielten, in der Hoffnung, ein heimkehrender Gefangener könnte den Namen eines Vermissten erkennen. Manche fanden, wonach sie suchten. Viele nicht.
Die offizielle sowjetische Ankündigung von Mai 1950, die Repatriierung sei abgeschlossen, hatte sich als falsch erwiesen – doch rund 10. 000 Männer, die von sowjetischen Militärtribunalen zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren, blieben weiter in Lagern, manche mit Urteilen von 25 Jahren.
Die Männer, die 1955 und 1956 zurückkehrten, kamen in ein Land, das sie nicht wiedererkannten. Die Städte, die sie verlassen hatten, waren zerstört und in veränderter Form wiederaufgebaut worden. Die politische Landschaft hatte sich durch Besatzung, Währungsreform und NATO-Beitritt fundamental gewandelt.
Und ihre Kinder waren erwachsen geworden, ohne dass sie einen einzigen dieser Entwicklungsschritte miterlebt hatten.
Der Fotograf Pirath hielt mit seiner Kamera den Moment fest, in dem diese Realität zum ersten Mal aufeinanderprallte. Das Mädchen auf dem Bild läuft nicht auf einen Vater zu, den sie kennt. Sie läuft auf eine Vorstellung zu, die man ihr beschrieben hat, auf ein Gesicht von einem Foto, das sie vielleicht ihr Leben lang angeschaut hat.
Der Mann sieht eine Zwölfjährige, wo er ein Kleinkind erwartet hatte. Beide treffen sich in einer Gegenwart, die durch ein Jahrzehnt der Abwesenheit unwiderruflich verändert wurde.
Für viele der Rückkehrer, das zeigen die Aufzeichnungen der Lazarette und die Berichte der Ärzte, war die körperliche Wiederherstellung nur der erste Schritt. Die Ärzte der Nachkriegszeit beschrieben ein Phänomen, das sie „Stacheldrahtkrankheit“ nannten – eine psychische Erschöpfung, eine emotionale Abstumpfung, die aus jahrelanger Isolation und dem Verlust jeder Handlungsmacht entstand. Diese Krankheit ließ sich nicht auf einem Formular dokumentieren, aber sie prägte das Verhalten der Männer noch Jahre nach ihrer Rückkehr.
Wie integriert man sich in einen Haushalt, der gelernt hat, ohne einen zu funktionieren? Wie wird man Vater für ein Kind, das einen nicht kennt, und Ehemann für eine Frau, die jahrelang alle Entscheidungen allein getroffen hat? Diese Fragen stellten sich in Zehntausenden Haushalten gleichzeitig, doch sie wurden selten öffentlich diskutiert.
Die westdeutsche Presse betonte in ihren Berichten über die Heimkehrer vor allem deren gute Verfassung und ihre Bereitschaft, wieder ihre Rolle als Versorger zu übernehmen.
Die Realität war komplexer. Manche Väter kamen zu Kindern, die zurückwichen statt nach vorne zu stürmen. Kinder, die alt genug waren, um Fremdheit zu empfinden, die nicht wussten, wie man einen Mann anspricht, den man nie kennengelernt hat.
Manche Ehefrauen hatten aus Notwendigkeit neue Beziehungen aufgebaut, weil ein Jahrzehnt eine sehr lange Zeit ist, um in der Schwebe zu leben. Die Wiedereingliederung gelang manchen Familien schnell, anderen nie vollständig.
Die historische Forschung hat sich mit diesem Thema erst spät beschäftigt. Die Verbrechen der Wehrmacht im Osten, die Millionen Toten der sowjetischen Bevölkerung durch deutsche Besatzung und Vernichtungspolitik, stehen zu Recht im Zentrum der historischen Aufarbeitung. Die sowjetische Gefangenschaft war die Konsequenz eines Angriffskrieges, den Deutschland begonnen hatte.
Gleichzeitig bleibt wahr, dass die Söhne und Töchter der Gefangenen – die keine Wahl hatten, in welchem System ihre Väter kämpften – faktisch ohne diese Väter aufwuchsen, Jahre über das Kriegsende hinaus.
Was die sowjetischen Lager an langfristigen psychologischen Kosten produzierten, lässt sich in keiner Statistik erfassen. Bis heute gibt es keine Zahl, die misst, wie viele Kindheitsjahre durch die späte Rückkehr verloren gingen. Die offiziellen Todeszahlen – die Sowjetunion registrierte bis zu 381.
000 deutsche Tote in ihrer Gefangenschaft, deutsche Historiker vermuten die tatsächliche Zahl eher bei einer Million – erfassen nur die, die nicht zurückkehrten. Diejenigen, die zurückkamen, aber die prägenden Jahre ihrer Kinder verpasst hatten, erscheinen in keiner offiziellen Verlustliste.
Feldforschung und Interviews mit Betroffenen, die Jahrzehnte später geführt wurden, zeichnen ein Bild von Beziehungen, die oft zeitlebens von einer formalen Distanz geprägt blieben. Männer, die die ersten Worte, die ersten Schritte, die Einschulung ihrer Kinder verpasst hatten, fanden selten den Weg zu der Intimität, die andere Väter selbstverständlich entwickelten. Es war nicht ihre Schuld, und es war nicht die Schuld der Kinder.
Es war die schiere Menge an verlorener Zeit, die sich durch keine spätere Anstrengung vollständig wiedergutmachen ließ.
Der Mann auf dem Foto von Pirath hat überlebt. Die Tochter, die ihm entgegenlief, hat überlebt. Was sie beide an diesem Januartag in Friedland begannen, war weniger eine Wiedervereinigung als eine erste Begegnung mit einem Vertrauten, der zwölf Jahre lang nur eine Abwesenheit gewesen war.
Die Kamera hielt die Sekunde des Aufeinandertreffens fest, doch was danach kam – die Jahre des langsamen Kennenlernens, der gestelzten Gespräche, der vorsichtigen Annäherungsversuche – blieb unsichtbar für die Öffentlichkeit.
Die Heimkehr von 1955 und 1956 war kein Schlusspunkt, sondern der Anfang eines zweiten, leisereren Prozesses. Die deutsche Gesellschaft feierte die Rückkehrer als Helden und erwartete von ihnen, sofort wieder in ihre alten Rollen zu finden. Die Männer selbst trugen die Last einer Erfahrung, über die sie kaum sprachen, und die ihre Familien nicht verstehen konnten.
Der Krieg hatte 1945 aufgehört, aber für die Männer, die den Zügen aus dem Osten entstiegen, endete er erst Jahre später – und für ihre Kinder, die in der Zwischenzeit erwachsen geworden waren, begann er in gewisser Weise erst in dem Moment, als ihr Vater vor ihnen stand.
Die Zahl der Familien, die von diesem Schicksal betroffen waren, lässt sich nur schätzen. Die 9. 262 Männer, die nach 1955 zurückkehrten, hatten vielfach mehrere Kinder.
Hunderttausende Familien im gesamten Bundesgebiet hatten bereits früher mit ähnlichen Verzögerungen zu kämpfen gehabt – Männer, die 1948 oder 1949 aus sowjetischer Haft zurückkehrten und Kinder vorfanden, die sie nicht wiedererkannten. Die Bundesrepublik der 1950er Jahre war geprägt von solchen leisen Dramen, die selten öffentlich wurden.
Der Historiker Bästlein beschreibt in seinen Studien, wie die gesellschaftliche Erwartung an die Heimkehrer lautete, schnell zu vergessen und nach vorne zu schauen. Der wirtschaftliche Aufschwung, das Wirtschaftswunder, verlangte von allen Bürgern, sich auf die Zukunft zu konzentrieren. Die Vergangenheit – ob als Täter, als Mitläufer oder als Opfer der Umstände – sollte nicht thematisiert werden.
Die Heimkehrer, die monatelang im Lager Friedland betreut wurden, wurden mit neuer Kleidung, warmer Verpflegung und einer neuen Identität ausgestattet, bevor man sie entließ.
Doch unter der Oberfläche der erfolgreichen Integration arbeitete die Zeit weiter. Kinder, die 1956 ihren Vater zum ersten Mal bewusst wahrnahmen, waren 1966 erwachsen, 1976 selbst Eltern. Die Beziehung zu dem fremden Mann, der eines Tages aufgetaucht war, blieb für viele von ihnen ein Leben lang von einer gewissen Distanz geprägt.
Sie hatten gelernt, ohne Vater aufzuwachsen, und dieser Zustand war ihr Normalzustand, ihre Realität. Die Rückkehr des Vaters war nicht die Rückkehr in den vorherigen Zustand – dieser Zustand existierte nicht mehr.
Es gibt Momente in der Geschichte, die in einem einzigen Bild eingefangen werden und doch eine ganze Epoche beschreiben. Das Foto des Mädchens aus Friedland ist so ein Moment. Es zeigt keine Siegesfeier und keine politische Zeremonie.
Es zeigt einen kleinen, privaten Akt der Behauptung inmitten der großen Erzählung vom Kriegsende und Wiederaufbau. Die Familie, die hier für einen Augenblick sichtbar wird, war eine von vielen – und ihr Schicksal wirft ein Licht auf eine Dimension des Krieges, die in den Akten kaum vorkommt: die gestohlene Zeit.
Was der Mann auf dem Foto in den elf Jahren seiner Gefangenschaft verloren hat, lässt sich nicht in Zahlen fassen. Er hat überlebt, aber er hat die Kindheit seiner Tochter verpasst. Keine Heimkehr, kein Gesetz, keine Entschädigung konnte ihm diese Jahre zurückbringen.
Die Tochter, die ihm entgegenlief, musste einen Vater kennenlernen, der nicht der Vater war, den sie sich vielleicht vorgestellt hatte – sondern ein Mann, der durch ein Jahrzehnt Lager gezeichnet war, mit Gewohnheiten und Erinnerungen, die sie nicht teilte.
Die deutsche Erinnerungskultur hat sich intensiv mit den Verbrechen der NS-Zeit auseinandergesetzt, und das zu Recht. Die sowjetische Gefangenschaft ist ein Thema, das in dieser Auseinandersetzung oft nur am Rande vorkommt, weil sie als Teil der Kriegsfolgen betrachtet wird, die die Deutschen selbst zu verantworten hatten. Die einfache Tatsache, dass Hunderttausende Kinder ohne ihre Väter aufwuchsen, weil die Sowjetunion die Gefangenen als Arbeitskräfte und politische Instrumente nutzte, gerät dabei leicht aus dem Blick.
Die Forschung schätzt, dass insgesamt bis zu 3,3 Millionen deutsche Soldaten in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Etwa 1,9 Millionen kehrten bis 1950 zurück, bevor die Sowjetunion die Repatriierung für abgeschlossen erklärte. Die restlichen Männer – die entweder zu langen Haftstrafen verurteilt waren oder deren Schicksal ungeklärt blieb – verschwanden aus der offiziellen Wahrnehmung.
Ihre Familien blieben in einer Schwebe, die für die Kinder bedeutete, dass sie nie wussten, ob sie Vollwaisen oder Halbwaisen waren, ob ihr Vater tot oder gefangen war.
Die Friedland-Lager, die in der Geschichte der Bundesrepublik eine zentrale Rolle für die Aufnahme von Millionen Vertriebenen und Heimkehrern spielten, wurden 1955 und 1956 zum Schauplatz der letzten großen Rückkehrbewegung. Dokumentarfilme der damaligen Zeit zeigen die Ankunft der Züge, die Gesichter der Männer, die nach Jahren der Entbehrung zum ersten Mal wieder deutsches Territorium betraten. Die Bilder ähneln sich: steife Umarmungen, zurückgehaltene Tränen, die Unsicherheit der Kinder, die ihre Väter nicht kannten.
Das Mädchen auf Piraths Foto hatte diese Unsicherheit in jenem Moment überwunden. Sie rannte, bevor sie nachdachte. Sie streckte die Arme aus, noch bevor sie sicher sein konnte, dass der Mann vor ihr wirklich ihr Vater war.
Es war ein Vertrauensvorschuss, den die Umstände nicht gerechtfertigt hatten – aber vielleicht genau deshalb so bewegend. Das Bild zeigt den Moment, in dem ein Kind beschließt, die Chance auf eine Familie zu ergreifen, auch wenn diese Familie elf Jahre lang nur aus einer Mutter und einer Erinnerung bestanden hatte.
Was aus der Familie auf dem Foto wurde, ist nicht überliefert. Die Namen der Beteiligten fehlen in den Archiven erhalten gebliebenen Aufzeichnungen. Übrig bleibt das Bild selbst, das für eine spezifische deutsche Erfahrung steht: für die Männer, die den Krieg überlebten, aber die Nachkriegszeit verpassten, und für die Kinder, die in einer halben Familie aufwuchsen, mit einem Phantom an der Seite, das erst spät Fleisch und Blut annahm.
Die Rückkehr der letzten Gefangenen im Januar 1956 war ein Ereignis, das die deutsche Öffentlichkeit bewegte. Die Presse berichtete ausführlich, die Kirchen hielten Dankgottesdienste ab, und die Politik bemühte sich, den Heimkehrern eine würdevolle Aufnahme zu bereiten. Doch die eigentliche Arbeit der Integration geschah in den Wohnzimmern, Küchen und Kinderzimmern der Republik, weit weg von den Kameras.
Dort zeigte sich, wie schwer es war, ein Jahrzehnt der Trennung zu überbrücken.
Der Vater, der 1956 zurückkam, war nicht mehr derselbe Mann, der 1944 an die Front gezogen war. Die Gefangenschaft hatte ihn verändert, körperlich wie seelisch. Die Ehefrau, die ihn empfing, war nicht mehr dieselbe Frau, die er zurückgelassen hatte – sie hatte jahrelang allein überlebt, Entscheidungen getroffen, die er nicht kannte, und war in einer Weise selbständig geworden, die in der Nachkriegsgesellschaft ungewöhnlich war.
Die Kinder schließlich waren völlig andere Menschen als die, die er in Erinnerung hatte.
Für die Familien, die diese Erfahrung machten, gab es kein Drehbuch. Sie mussten sich ihre neue gemeinsame Realität selbst erarbeiten, ohne Vorbilder, ohne therapeutische Unterstützung, ohne gesellschaftliche Anerkennung für die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Dass viele dieser Beziehungen dennoch funktionierten, dass viele Väter und Kinder nach Überwindung der ersten Fremdheit doch noch eine Verbindung zueinander fanden, ist eine Leistung, die in keiner Statistik auftaucht.
Die Überlebenden der Lager – die Männer, die gegen alle Wahrscheinlichkeit zurückkehrten – sind heute fast alle gestorben. Ihre Kinder, die 1956 noch heranwuchsen, sind heute in einem Alter, in dem sie auf ihr eigenes Leben zurückschauen. Viele von ihnen haben erzählt, wie sie im Erwachsenenalter versucht haben, die Beziehung zu ihren Vätern zu vertiefen, die Distanz zu überbrücken, die durch die verlorenen Jahre entstanden war.
Manche hatten Erfolg, manche gaben auf, manche lebten mit der Ambivalenz.
Das Foto von Pirath bleibt in dieser Hinsicht ein Dokument der Hoffnung. Es zeigt den Moment, in dem ein Kind trotz allem auf einen fremden Mann zuläuft und ihn als Vater akzeptiert, bevor irgendeine Erfahrung diese Annahme bestätigt hätte. Es ist ein Akt des Vertrauens, der in seiner Unbedingtheit bewegend ist und zugleich die Fragilität dieser Situation zeigt.
Die Arme des Mädchens sind ausgestreckt, aber ob der Mann sie fangen kann, ob er nach elf Jahren Gefangenschaft die Kraft hat, dieses Vertrauen zu erwidern, ist in dem Bild nicht zu erkennen.
Die deutsche Gesellschaft der 1950er Jahre wollte diese Frage nicht stellen. Sie feierte die Heimkehrer, integrierte sie in den Arbeitsmarkt und erwartete, dass alles wieder normal würde. Die Propaganda des Wirtschaftswunders verlangte, nach vorne zu schauen.
Die Männer, die aus den Lagern kamen, schwiegen meist über das, was sie erlebt hatten – teils aus Scham, teils aus Angst vor Unglauben, teils aus dem schlichten Bedürfnis, dieses Kapitel ihres Lebens zu beenden. Die Kinder wuchsen mit diesem Schweigen auf, mit Vätern, die an bestimmten Abenden ein bestimmtes Lied nicht hören konnten oder auf bestimmte Gerüche reagierten, die niemand erklärte.
Erst die historische Forschung der letzten Jahrzehnte hat die Dimension dieser Erfahrung systematisch aufgearbeitet. Die Aufarbeitung der deutschen Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft der Wehrmachtssoldaten bleibt allerdings ein schwieriges Terrain. Denn sie berührt die Frage nach der Verantwortung: Diese Männer hatten in einer Armee gekämpft, die einen Vernichtungskrieg führte.
Dass sie selbst Opfer wurden – als Gefangene der Sowjetunion –, entlastet sie nicht von der Schuld, die sie gemeinsam mit ihren Kriegskameraden trugen.
Die deutsche Gesellschaft hat sich in der Nachkriegszeit schwergetan, diese Gleichzeitigkeit auszuhalten: dass Verfolger und Verfolgte, Täter und Opfer, manchmal in derselben Person zusammenfallen konnten. Die Kriegsgefangenen der Sowjetunion waren Teil der Wehrmacht, sie waren an den Verbrechen im Osten beteiligt, und sie wurden zugleich von der sowjetischen Führung zum Teil genutzt und misshandelt. Beides zu benennen, ohne das eine gegen das andere auszuspielen, bleibt eine Aufgabe, die die deutsche Gesellschaft bis heute beschäftigt.
Für die Kinder der Heimkehrer, die heute im Rentenalter sind, stellt sich diese Ambivalenz oft weniger abstrakt dar. Für sie ist der Vater, der 1956 aus dem Zug stieg, vor allem ein Mensch, der zwölf Jahre ihres Lebens abwesend war. Sie haben kein Verhältnis zu der Uniform, zu der Armee, zu den Befehlen, die ihren Vater an die Front führten.
Sie haben ein Verhältnis zu einem Mann, dessen Gesicht sie von Fotos kannten, bevor sie ihn im Fleisch trafen, dessen Stimme sie zum ersten Mal auf einem Bahnsteig in Friedland oder anderswo hörten.
Die Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion ist damit auch eine Geschichte über die Grenzen der Wiedergutmachung. Der Staat konnte die Männer aus den Lagern holen, aber er konnte ihnen die Jahre nicht zurückgeben. Die Familien konnten ihre Väter aufnehmen, aber sie konnten die Leere nicht füllen, die ein Jahrzehnt der Abwesenheit gerissen hatte.
Dieses Defizit, das sich in keinem Gesetz, keiner Rente und keiner offiziellen Anerkennung ausdrücken ließ, blieb als stille Last in den Familien zurück.
Die Forschung zu den „Spätheimkehrern“, wie sie im damaligen Sprachgebrauch hießen, hat gezeigt, dass die Integration dieser Männer in den Arbeitsmarkt erstaunlich schnell gelang. Der Bedarf an Arbeitskräften in der expandierenden Wirtschaft war groß, und die Heimkehrer galten als diszipliniert und leistungsbereit. Doch die seelischen Narben, die die Gefangenschaft hinterlassen hatte, wirkten noch Jahrzehnte nach.
Viele der Männer litten an Schlafstörungen, an Misstrauen, an einer Unfähigkeit, Nähe zuzulassen.
Die Kinder dieser Männer, die als Erwachsene in Interviews über ihre Väter sprachen, beschrieben oft eine ambivalente Beziehung. Sie waren dankbar, dass der Vater überlebt hatte, aber sie hatten ihn im Alltag nicht gebraucht, haben seine Rückkehr als Störung empfunden. Sie hatten gelernt, ohne ihn zurechtzukommen, und mussten nun einen Platz für ihn finden, ohne ihre eigene Entwicklung zu verleugnen.
Diese Gratwanderung gelang nicht immer.
Das Foto von Pirath zeigt insofern einen Glücksfall: ein Kind, das ohne Zögern auf den Vater zuläuft. Die meisten Kinder in dieser Situation waren vorsichtiger, beobachteten, warteten ab. Die Kamera des Weltpressesiegers hielt einen Moment fest, der so nicht selbstverständlich war und in vielen Familien anders ablief.
Insofern ist das Bild zugleich typisch und untypisch – es steht für die Hoffnung, die mit der Heimkehr verbunden war, und für die Hoffnungen, die sich nicht erfüllten.
Die politische Dimension der Heimkehrerfrage verschwand nach 1956 allmählich aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die letzten Männer aus sowjetischen Lagern kamen 1956, und danach war das Thema offiziell abgeschlossen. Die Bundesrepublik hatte das Abkommen mit Moskau geschlossen, die Gefangenen waren zurück, die Akten geschlossen.
Dass einige Männer auch nach diesem Datum noch in Lagern saßen – zu langen Strafen Verurteilte, die erst in den 1960er Jahren freikamen –, drang kaum an die Öffentlichkeit.
Die Familie auf dem Pirath-Foto wurde Teil dieser Geschichte, ohne je ihre Identität preiszugeben. Die Töchter und Söhne, die in den 1950er Jahren ihre Väter zum ersten Mal richtig kennenlernten, sind heute alte Menschen. Manche haben über ihre Erfahrungen gesprochen, in Büchern, in oral-history-Projekten, in Fernseh-Interviews.
Andere haben geschwiegen, wie ihre Väter es getan hatten, und das Thema mit ins Grab genommen.


