Der Therapeut der Angeklagten schildert ein schweres Krankheitsbild – doch ihr Alltag mit Pferden und Turnieren wirft große Fragen auf.
Rostock – Sie soll einen Achtjährigen erstochen und seine Leiche angezündet haben – und leidet selbst an einer schweren psychischen Erkrankung. Am 19. Verhandlungstag im Mordprozess um den kleinen Fabian aus Güstrow trat am Donnerstag (9. Juli 2026) vor dem Landgericht Rostock der langjährige Psychotherapeut der Angeklagten Gina H. als sachverständiger Zeuge auf. Sein Urteil ist klar: „Es ist ein schweres Störungsbild“, sagte Friedrich Oschkinat aus Güstrow, der Gina H. seit 2018 behandelt.
Fortsetzung im Prozess wegen Mordes im Fall Fabian
Die Angeklagte will sich erst im August zu den Vorwürfen äußern. © Danny Gohlke/dpa
Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie diagnostizierte bei ihr eine psychisch instabile Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Anteilen, eine posttraumatische Belastungsstörung sowie eine soziale Phobie – letztere habe im Laufe der Jahre aber abgenommen. Wegen ihrer psychischen Erkrankungen bezog die 30-Jährige eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Über den neuen Prozesstag berichten unter anderem der Nordkurier und Bild.
Fabian war für die Angeklagte Gina H. laut Therapeut „wie ihr eigenes Kind“
Die Erwerbsunfähigkeit sorgte im Gerichtssaal für Stirnrunzeln. Gina H. gab an, weder Leistungsdruck noch große Menschenansammlungen ertragen zu können – versorgte aber täglich fünf Pferde und nahm an Reitturnieren teil. Richter Holger Schütt sprach das offen an, und auch Oschkinat räumte ein: „Ich sehe da schon einen Widerspruch.“ Dass seine Patientin am Ende fünf Tiere besaß, war dem Therapeuten gar nicht bekannt – er kannte nur einen Teil davon. Insgesamt habe er den Eindruck, dass der Reitsport sie stabilisiert habe.
In den Therapiegesprächen war auch der getötete Junge Thema. Gina H. habe sehr viel für Fabian empfunden – „als wäre es ihr eigenes Kind“, berichtete Oschkinat. Das Verhältnis zu dem Jungen sei liebevoll und fürsorglich gewesen. Auch mit ihrem eigenen Sohn habe er sie als gute Mutter erlebt. Laut Staatsanwaltschaft soll Gina H. den achtjährigen Fabian am 10. Oktober 2025 an einem Tümpel bei Klein Upahl mit sechs Messerstichen getötet und den Leichnam anschließend angezündet haben. Damit soll sie versucht haben, die Beziehung zu Fabians Vater, der sich von ihr getrennt hatte, wiederzubeleben.
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Gina H. hat ihrem Therapeuten nach dessen Aussage von mehreren Vergewaltigungen erzählt. Einmal sei sie ins Gebüsch gezerrt worden, ein anderes Mal habe ihr jemand aufgelauert. Der Therapeut erklärte vor Gericht, er habe den Wahrheitsgehalt solcher Erzählungen nie überprüft – das sei in der Psychotherapie nicht üblich, weil es zu Flashbacks führen könne. Nebenklage-Anwältin Christine Habetha, die Fabians Mutter vertritt, hakte kritisch nach: Die Angaben ihrer Mandantin seien widersprüchlich gewesen. „Die Anzahl der Vergewaltigungen sollte schon stabil sein“, sagte sie. Der Therapeut räumte ein, dass Gina H. ihre Biografie im Laufe der Jahre immer wieder anders geschildert habe.
Auch Audioaufnahmen aus der Justizvollzugsanstalt wurden am Donnerstag abgespielt. Darin ist zu hören, wie Gina H. bei einem Besuch von Fabians Vater Matthias R. über ihre Lage spricht. Sie beklagte, dass ihre Anwesenheit allein im Wald in Tatortnähe „gegen mich verwendet“ werde. Außerdem behauptete sie, ihr sei gesagt worden: Rede sie, drohe ihr eine Strafe von 18 Jahren; schweige sie, seien es 25.
Nach 19 Verhandlungstagen geht der Prozess nun in eine vierwöchige Sommerpause. Der nächste Termin am Landgericht Rostock ist für den 6. August angesetzt. Gina H. will sich am 24. August erstmals zu den Vorwürfen äußern. Ein Urteil wird für Anfang September erwartet. (Quellen: dpa, Nordkurier, BILD) (cgsc)



