Die Zahl, die keine Klinik gern ausspricht, ist so ungeheuerlich, dass sie selbst erfahrene Mediziner erschaudern lässt: Bis zu 90 Prozent der Menschen über 60 sterben bei bestimmten Notfalleingriffen, die in deutschen Krankenhäusern Tag für Tag durchgeführt werden. Der Berliner Internist und Altersmediziner Dr. Klaus Müller hat genug von der schweigenden Medizin und veröffentlicht nun eine Liste der fünf gefährlichsten Operationen für Senioren – samt einer einzigen Frage, die Patienten und Angehörige vor jeder OP stellen sollten, um das eigene Überleben zu sichern.
Es ist eine Botschaft, die viele empören, andere erschüttern wird. Müller, seit über 20 Jahren in der Begleitung älterer Menschen tätig, spricht von einer Wahrheit, die hinter dem ruhigen Lächeln von Chirurgen verborgen bleibt. „Ab dem 60.
Lebensjahr gibt es keine Routine mehr“, sagt der Arzt. Während ein junger Körper wie ein Neubau aus Stahlbeton sei, gleiche eine große Operation bei einem alten Menschen einer Großrenovierung, die das gesamte Fundament zum Einsturz bringen könne. Die moderne Alterschirurgie zeige ein erschreckendes Bild: Bei bestimmten Notfalleingriffen erreiche das Sterberisiko jenseits der sechzig tatsächlich 90 Prozent – nicht wegen mangelnder chirurgischer Fähigkeiten, sondern wegen des biologischen Alters der Patienten.
Das chronologische Alter spiele dabei fast keine Rolle. Zwei Achtzigjährige könnten biologisch völlig verschieden sein, warnt Müller: Der eine widerstandsfähig wie ein Siebzigjähriger, der andere zerbrechlich wie ein Neunzigjähriger. Diese biologische Reserve entscheide, wer eine Operation überlebe und wer nicht.
Und genau hier sieht der Mediziner einen regelrechten Skandal. Klinische Überprüfungen in Deutschland zeigen nach seinen Angaben, dass nur etwa 30 Prozent der Krankenhäuser vor einem Eingriff eine vollständige geriatrische Bewertung durchführen. Die Folge: 70 Prozent der älteren Patienten werden operiert, ohne dass geprüft wird, ob ihr Körper den Schlag überhaupt aushält.
Manche Ärzte wollten nicht beunruhigen, andere glaubten wirklich, alles reparieren zu können. Und der dunkelste Grund: finanzieller Anreiz. „Krankenhäuser werden für Eingriffe bezahlt, nicht für Zurückhaltung.
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Die erste der fünf tödlichen Gefahren ist das, was Müller den „Dominoeffekt“ nennt: der Hüftbruch. Er schildert den Fall einer 78-jährigen Frau, die über einen losen Teppich stolpert und sich die Hüfte bricht. Die Statistiken sind eindeutig: Etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen über 60 sterben innerhalb eines Jahres nach einem solchen Bruch.
Doch nicht der Bruch tötet, sondern das Bett. Der Körper, der zum Stillstand gezwungen wird, gleicht einem Fluss, dessen Wasser faulig wird. Es bilden sich Blutgerinnsel in den Beinen, Flüssigkeit sammelt sich in der Lunge, eine Lungenentzündung setzt ein.
Was für einen Dreißigjährigen eine Woche Antibiotika bedeutet, ist für einen erschöpften Senioren häufig das Ende. Prävention sei daher lebensrettend: lose Teppiche entfernen, Haltegriffe installieren, zweimal pro Woche das Stehen auf einem Bein üben. „Wer auf den Beinen bleibt, bleibt am Leben“, so der Mediziner.
Die zweite Operation betrifft das Herz – und birgt eine Gefahr, die kaum jemand kennt: den Gehirnnebel. Herzklappenersatz und Bypass klingen nach Wundern der modernen Medizin, doch bei älteren Patienten wird der Preis oft vom Gehirn bezahlt. Um am Herzen zu operieren, muss es angehalten und der Patient an eine Herzlungenmaschine angeschlossen werden.
Bei Senioren sind die Arterien wie alte verkalkte Gartenschläuche; der künstliche Blutfluss kann winzige Kalkpartikel lösen, die direkt ins Gehirn wandern. Eine Studie der Charité Berlin stellte fest, dass bei Patienten über 60 das Schlaganfallrisiko während oder nach einer Herzoperation um 400 Prozent höher liegt als bei Jüngeren. Postoperatives Delir nennen die Fachleute jenen Zustand, in dem ein Patient aufwacht und den Ehepartner nach fünfzig gemeinsamen Jahren nicht mehr erkennt.
Viele Senioren gewinnen ihre geistige Klarheit nie wieder vollständig zurück.
Die dritte Operation betrifft eine Zeitbombe im Körper: das Bauchaortenaneurysma. Wenn sich die Hauptschlagader wie ein Ballon ausdehnt, drängen Chirurgen meist auf eine sofortige Reparatur, denn ein Riss ist fast immer tödlich. Doch eine große europäische Überprüfung aus dem Jahr 2019 zeigte: Bei Patienten über 60 liegt die Sterberate innerhalb der ersten 30 Tage nach einer geplanten Aortenreparatur zwischen 15 und 25 Prozent.
Der Eingriff ist massiv, der Blutverlust enorm; manche Patienten benötigen bis zu 20 Blutkonserven. Entsetzlich ist die Folge für die Nieren, deren Blutfluss während der Operation vorübergehend unterbrochen wird. Viele Patienten wachen mit einer reparierten Aorta auf – aber mit dauerhaft geschädigten Nieren und verbringen den Rest ihres Lebens an der Dialyse.
Müllers Rat: Bei kleinen Aneurysmen überwiegt oft das Risiko des Eingriffs den Nutzen. Die entscheidende Frage an den Chirurgen laute: „Wie hoch ist mein Risiko eines Risses in den nächsten fünf Jahren im Vergleich zu meinem Risiko, heute auf dem Operationstisch zu sterben? “
Die vierte Operation stellt Patienten vor das grausamste Dilemma: die große Krebsoperation. Müller berichtet von einer 76-jährigen Patientin mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, die von ihrer Familie zum Kämpfen gedrängt wurde – und drei Wochen nach der Operation an Komplikationen auf der Intensivstation starb. „Sie starb nicht an dem Krebs, sie starb an der Behandlung“, so Müller.
Die Sterberate bei dieser Operation liegt bei Patienten über sechzig zwischen 30 und 40 Prozent. Eine wegweisende niederländische Studie verglich Operierte mit Palliativpatienten: Die Patienten ohne Operation lebten im Schnitt fast genauso lange, aber in Würde zu Hause bei der Familie, während die Operationsgruppe ihre letzten Monate an Maschinen verbrachte. „Sich gegen eine Operation zu entscheiden, ist kein Aufgeben, sondern Weisheit“, mahnt der Experte.
Die fünfte und gefährlichste Operation ist die Notfallbauchoperation – ein Wettlauf gegen die Sepsisfalle. Bei einem Darmdurchbruch gelangen Bakterien in den Bauchraum, das Immunsystem älterer Menschen antwortet mit einem unkontrollierten Entzündungssturm. Innerhalb von Stunden versagen die Organe.
Eine Studie des Journal of the American College of Surgeons stellte fest: Bei Menschen über 60 liegt die Sterberate zwischen 50 und 90 Prozent. In vielen Fällen gelingt die Operation technisch, doch der Patient stirbt Tage später, weil keine biologische Reserve mehr vorhanden ist. Der einzige Schutz: ausreichend Wasser trinken, ballaststoffreich essen und bei anhaltenden Bauchschmerzen mit Fieber sofort zum Arzt.
„Warten Sie bis zum Durchbruch, stehen die Chancen 90 Prozent gegen Sie“, warnt Müller.
Wenn man alle fünf Gefahren betrachtet, zeichnet sich ein Muster ab: ein System, das Eingriffe belohnt, nicht Vorsicht, und das am geriatrischen Denken spart. Der Satz eines Chirurgen – „Die Operation war ein Erfolg, aber der Patient starb“ – umreißt die ganze Tragödie. Technische Perfektion bedeutet nichts, wenn der Mensch das Trauma nicht überleben kann.
Doch Patienten sind nicht hilflos. Müller nennt die entscheidende Frage, die sie ihrem Chirurgen stellen müssen: „Herr Doktor, wenn das Ihre Mutter wäre, mit dem Wissen um ihre biologische Verfassung: Würden Sie ihr diese Operation wirklich empfehlen? “ Die Wahrheit zeige sich oft in den Augen, nicht in den Worten.
Zudem rät er, vor großen Eingriffen immer eine zweite Meinung einzuholen – aber nicht bei einem weiteren Chirurgen, sondern bei einem Geriater, der das gesamte Fundament sieht. Und er appelliert an die Eigenverantwortung: Patienten sollen eine Patientenverfügung verfassen, bevor das System über sie entscheidet. Denn das System wähle fast immer die Intervention – unabhängig vom Leid.
Der Körper sei wie ein Sparkonto: Jeder Spaziergang, jede gesunde Mahlzeit, jede Stunde Schlaf sei eine Einzahlung. Fangen Sie heute an, es zu füllen, denn wenn die Krise kommt, braucht es Reserven. Ärzte sind wichtige Berater – aber die Entscheidung liegt bei jedem selbst.



