Der Abend hätte ein normaler Abend sein sollen, aber nichts war mehr normal, seit das vergilbte Foto aus ihrer Tasche gefallen war. Katja saß am Frühstückstisch in der Villa, die Sonne warf lange Schatten über das polierte Holz, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie so etwas wie Frieden. Doch der Frieden war zerbrechlich, ein dünner Schleier über einer Wunde, die noch immer unter der Oberfläche pochte. Es hatte alles an einem kalten Herbsttag begonnen, als sie noch eine einfache Reinigungskraft war.

Fünf Jahre lang war sie durch die Flure dieser Villa gegangen, hatte Marmorböden poliert und Silberbesteck gesäubert, ohne jemals zu ahnen, dass ihr eigenes Schicksal in diesen Mauern verborgen lag. Walter Bergmann, der mächtige Mann, dem dieses Haus gehörte, war für sie nur ein distanzierter Arbeitgeber gewesen, ein Gesicht, das sie ab und zu im Flur sah, ein Name, den sie in den Gesprächen der anderen Angestellten aufschnappte. Die Sonne sank langsam hinter den imposanten Gebäuden Berlins und tauchte die Stadt in ein goldenes Licht, als sie an jenem Tag zum Tor der Villa ging. Die Luft war frisch, ein schwacher Wind ließ die herbstlichen Blätter über den Gehweg tanzen.
Katja zog sich die dünne Jacke enger um die Schultern. Sie war müde, aber das war sie immer. Ihr Sohn Tom war das Zentrum ihres Lebens, ein heller Punkt in einer Welt, die für Menschen wie sie nicht gemacht war. Sie tat alles, um ihm eine sichere Zukunft zu ermöglichen.
„Katja, beeil dich. Wir haben heute Gäste”, rief eine scharfe Stimme aus dem Inneren des Hauses. Es war Almut, die Haushälterin, eine Frau in den Fünfzigern mit strengem Dutt und kühlem Blick. Seit Jahrzehnten waltete sie in der Villa, und sie sah sich selbst als Herrscherin über alles, was dort geschah.
Sie hatte es auf Katja abgesehen, das spürte Katja jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen. Vielleicht, weil Walter gelegentlich freundliche Worte für Katja übrig hatte, etwas, das er sonst selten tat. Oder vielleicht, weil Almut es nicht ertrug, dass Katja trotz ihrer einfachen Herkunft eine natürliche Ausstrahlung besaß. „Ja, ich bin schon dabei”, antwortete Katja ruhig und zog ihre Handschuhe an.
Sie begann den Marmorboden zu fegen, aber ihr Blick wanderte immer wieder zu den imposanten Bildern an den Wänden. Fotos aus vergangenen Jahrzehnten, eines nach dem anderen, Walter in seiner besten Zeit, umgeben von Menschen aus der Oberschicht. Doch ein Bild stach besonders hervor. Es zeigte Walter neben einer Frau mit hellen Haaren und freundlichen Augen.
Ihr Gesicht hatte etwas Vertrautes, aber Katja konnte nicht sagen, warum. Ein Gefühl der Beklommenheit überkam sie. Sie schüttelte den Gedanken ab. Sie war müde, das war alles.
Heute stand auch Walters Büro auf ihrer Putzliste, ein Raum, den sie nur selten betreten durfte. Normalerweise ließ er keine Angestellten dort arbeiten, wenn er anwesend war. Doch heute hatte er Besprechungen außerhalb des Hauses. Als sie die schwere Tür öffnete, wehte ihr ein Geruch von Leder, Papier und altem Holz entgegen, eine Mischung aus Macht und Geschichte.
Auf dem Schreibtisch lag eine zerlesene Mappe mit Dokumenten, daneben ein gerahmtes Foto. Die Frau vom Bild im Flur. Katja betrachtete das Bild einen Moment lang und flüsterte unbewusst: „Wer bist du? ”
In diesem Moment hörte sie schnelle Schritte auf dem Flur.
Katja drehte sich um und sah Almut im Türrahmen stehen, die Arme verschränkt, der Blick berechnend. „Komm in die Küche, sofort”, befahl sie mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Katja runzelte die Stirn, legte die Putzutensilien beiseite und folgte der Haushälterin. In der Küche erwartete sie etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Zwei Polizisten standen am langen Holztisch, ihre Mienen streng. „Es gibt ein Problem”, begann Almut mit einer Mischung aus gespielter Besorgnis und eiskalter Berechnung. „Es wurden wertvolle Schmuckstücke aus Herrn Bergmanns Sammlung gestohlen. Und wir haben Grund zur Annahme, dass du etwas damit zu tun hast.
”
Katjas Herz raste. Das konnte nicht wahr sein. „Was? “, stammelte sie.
„Ich… Ich habe nichts gestohlen. ”
Die Polizisten musterten sie aufmerksam. Einer trat einen Schritt näher.
„Frau Wagner, eine Kollegin hat berichtet, dass Sie sich verdächtig verhalten haben. Wir müssen Ihre Sachen durchsuchen. ”
Katja spürte, wie ihr Blut in den Adern gefror. Almut stand daneben, ein Hauch von Zufriedenheit in ihrem Blick.
„Ich habe nichts getan”, wiederholte Katja, fester diesmal. „Dann haben Sie nichts zu befürchten”, entgegnete der Polizist und deutete auf ihre Tasche. Mit zitternden Händen griff Katja nach ihrer Tasche, öffnete sie und kippte den Inhalt auf den Tisch. Ein paar Münzen, ihre Schlüssel, ein zerknittertes Notizbuch.
Und dann fiel ein kleiner silberner Anhänger heraus. Ein Anhänger, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Almut schnappte theatralisch nach Luft. „Da ist es ja”, rief sie aus.
„Ich wusste es. Ich wusste, dass sie nicht vertrauenswürdig ist. ”
Katjas Kopf schwirrte. Das war nicht möglich.
Jemand musste es ihr untergeschoben haben. Sie wollte protestieren, doch ihr wurde bewusst, dass ihr niemand glauben würde. Sie war nur eine einfache Putzfrau. Wer würde ihr glauben, wenn das Wort einer Haushälterin gegen sie stand?
Plötzlich fiel ihr Blick auf den Boden. Zwischen den verstreuten Dingen lag ein altes vergilbtes Foto. Das Foto, das sie seit ihrer Kindheit bei sich trug. Sie wollte danach greifen, doch jemand kam ihr zuvor.
Eine Hand nahm das Bild auf. Walter Bergmann. Sein Gesicht veränderte sich augenblicklich, als er das Foto betrachtete. Seine Augen wurden groß, seine Haltung steif.
Er sah auf das Bild, dann auf Katja, und sein Gesicht verlor jegliche Farbe. „Wo… wo haben Sie das her? ”
Katja schluckte.
„Es ist das einzige, was ich von meiner Mutter habe”, antwortete sie leise. Walter starrte das Bild noch einen Moment lang an. In diesem Augenblick wurde Katjas Leben unwiderruflich verändert. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, während Walter das Foto weiterhin in den Händen hielt.
Sein Blick war starr, als ob er durch das Papier hindurchsehen könnte, als ob all die Jahre, die vergangen waren, sich plötzlich in diesem kleinen Bild verdichtet hätten. Die Sekunden zogen sich wie Stunden. Niemand sagte etwas. Die Polizisten sahen fragend zwischen Walter und Katja hin und her.
Almut hingegen wirkte angespannt, aber ihre Augen funkelten vor Genugtuung. Walter schien sich erst nach einer Ewigkeit aus seiner Starre zu lösen. Seine Finger zitterten leicht, als er das Foto langsam umdrehte und die Rückseite betrachtete. Katja wusste genau, was dort stand.
Sie hatte es unzählige Male gelesen. Für meine geliebte Tochter, möge sie immer in Liebe und Sicherheit leben. Die Schrift war alt, die Tinte leicht verblasst, aber die Worte hatten sich tief in Katjas Seele eingebrannt. Walter atmete tief ein.
Sein Blick ruhte auf Katja, als würde er sie nun mit völlig neuen Augen sehen. „Woher haben Sie das? “, fragte er, seine Stimme leise, aber voller Emotionen. Katja wich einen Schritt zurück.
Sie wusste nicht, was gerade geschah, nur dass es sich plötzlich anfühlte, als würde ihr Leben in eine Richtung taumeln, die sie nicht begreifen konnte. „Ich habe es, seit ich denken kann. Es ist das einzige, was mir von meiner Mutter geblieben ist. ”
Walters Kiefermuskeln spannten sich an.
Seine Augen verrieten, dass sich in seinem Kopf ein Sturm zusammenbraute. Er wollte etwas sagen, doch Almut trat vor und verschränkte die Arme. „Herr Bergmann, mit Verlaub, wir haben hier eine ganz andere Angelegenheit zu klären. Diese Frau wurde mit gestohlenem Schmuck erwischt.
Wir können sie nicht einfach so gehen lassen, weil sie eine alte Fotografie besitzt. ”
Walter blinzelte, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Er sah auf den kleinen silbernen Anhänger auf dem Tisch, das angebliche Diebesgut, und dann zurück zu Katja. „Ist das wahr?
”
Katjas Kehle war trocken. Ihr Instinkt schrie, dass das hier eine Falle war. Aber wie sollte sie es beweisen? „Nein”, sagte sie mit fester Stimme.
„Ich habe das noch nie in meinem Leben gesehen. Ich schwöre es. ”
Walter schwieg einen Moment, dann wandte er sich an die Polizisten. „Haben Sie irgendwelche Beweise außer einer Anschuldigung?
”
Der ältere Polizist seufzte. „Wir haben nur die Aussage von Frau Almut Krüger und den Schmuck, den wir in ihrer Tasche gefunden haben. ”
Walter sah Almut an, und für einen kurzen Moment konnte Katja einen Anflug von Unbehagen in ihren Augen sehen. Doch dann hob sie das Kinn und erwiderte seinen Blick mit gespielter Empörung.
„Herr Bergmann, ich war immer loyal zu Ihnen. Ich würde mir so etwas nicht ausdenken. ”
Katja ballte die Fäuste. „Das ist eine Lüge”, sagte sie leise, aber bestimmt.
„Jemand muss das in meine Tasche gelegt haben. ”
Almut lachte trocken. „Oh, bitte. Das ist die älteste Ausrede der Welt.
”
Walter schien über etwas nachzudenken. Dann trat er näher an Katja heran. „Ich werde diese Angelegenheit selbst klären. Sie bleibt hier, bis wir die Wahrheit herausgefunden haben.
”
Die Polizisten tauschten einen kurzen Blick aus. „Wenn Sie es wünschen, Herr Bergmann. Aber wenn sich herausstellt, dass sie tatsächlich schuldig ist, dann wird das Konsequenzen haben. ”
Walter nickte und bedeutete ihnen, dass sie gehen konnten.
Kaum waren die Polizisten verschwunden, wandte sich Almut triumphierend an ihn. „Herr Bergmann, ich verstehe nicht, warum Sie so zögern. Die Beweise liegen doch auf der Hand. ”
Doch Walter ließ sich nicht beirren.
„Ich werde selbst nachsehen, was hier wirklich passiert ist. Und Sie, Almut, bleiben mir lieber aus dem Weg, bis ich eine Entscheidung getroffen habe. ”
Katja sah, wie die Haushälterin kurz die Lippen zusammenpresste. Sie hatte eindeutig nicht damit gerechnet, dass Walter sich querstellen würde.
Walter wandte sich wieder an Katja. „Kommen Sie mit mir ins Büro. ”
Katja folgte ihm. Ihr Herz klopfte immer noch heftig, als sie das Büro betraten.
Walter schloss die Tür und bedeutete ihr, sich zu setzen. „Ich brauche ehrliche Antworten”, begann er langsam. „Wo sind Sie geboren? Was wissen Sie über Ihre Familie?
”
Katja zögerte. „Ich bin in einem Waisenhaus in Bayern aufgewachsen. Man sagte mir, meine Mutter habe mich als kleines Kind dort zurückgelassen. Mehr weiß ich nicht.
”
Walter lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ich kann es nicht fassen”, murmelte er. Katja sah ihn verwirrt an. „Was ist los?
Wer ist die Frau auf dem Foto? ”
Walter sah sie an, und in seinen Augen lag eine Mischung aus Hoffnung, Schmerz und ungläubiger Erkenntnis. „Das ist meine Frau Anja”, sagte er leise. „Und sie ist seit 25 Jahren verschwunden.
”
Ein kalter Schauer lief Katja über den Rücken. „Was? ”
Walter holte tief Luft. „Anja ist eines Tages einfach verschwunden.
Die Polizei sagte mir, sie sei vermutlich tot. Ich habe jahrelang nach ihr gesucht, aber irgendwann musste ich mich damit abfinden, dass sie nicht zurückkommt. ”
Katja fühlte, wie ihre Hände zitterten. „Aber was hat das mit mir zu tun?
”
Walter betrachtete sie lange. „Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde es herausfinden. ”
Katja konnte kaum glauben, was sie da hörte.
Ihr ganzes Leben hatte sie nie gewusst, woher sie kam. Und jetzt erzählte ihr dieser reiche Mann, dass seine verschwundene Frau genau die Frau war, die ihr dieses Foto hinterlassen hatte. Ihr Kopf drehte sich. „Was bedeutet das?
“, flüsterte sie. Walter sah sie ernst an. „Es bedeutet, dass wir beide die Wahrheit suchen. Und ich werde nicht ruhen, bis ich sie gefunden habe.
”
Katja saß regungslos auf dem Stuhl, während die Worte in ihr nachhallten. Die Luft im Raum schien sich verdichtet zu haben, als hätte sie Gewicht bekommen. Das Foto lag noch immer auf dem Schreibtisch, als wäre es ein Relikt aus einer anderen Zeit, das die Wahrheit über ihre Vergangenheit in sich trug. Walters Blick hing daran, als würde er durch das verblichene Papier hindurch in seine eigene Vergangenheit sehen.
„Mein ganzes Leben habe ich mich gefragt, was mit Anja passiert ist”, sagte er schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Jetzt sitze ich hier mit einer jungen Frau, die behauptet, dieses Foto seit ihrer Kindheit zu besitzen. Wie kann das ein Zufall sein? ”
„Ich behaupte nichts”, murmelte Katja.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich dieses Bild immer bei mir hatte. ”
Walter lehnte sich zurück und rieb sich über das Gesicht. Seine Miene war eine Mischung aus Unglauben, Hoffnung und Furcht.
„Ich erkenne dieses Foto”, sagte er dann bestimmt. „Es wurde in unserem Haus aufgenommen, kurz bevor Anja verschwand. Ich weiß noch genau, wann es gemacht wurde. ”
Katja schluckte.
„Was ist damals passiert? “, fragte sie schließlich. Walter atmete tief durch. „Es war vor 25 Jahren.
Anja und ich waren glücklich verheiratet… ” Er hielt inne, als würde ihn der Gedanke an das, was hätte sein können, schmerzen. „Eines Tages war sie weg. Einfach verschwunden.
Es gab keine Spur, keine Nachricht, nichts. Die Polizei vermutete ein Verbrechen, aber es gab keine Hinweise. Irgendwann mussten sie den Fall zu den Akten legen. ” Seine Stimme wurde bitter.
„Ich habe nicht aufgegeben. Ich habe gesucht, Nachforschungen angestellt, Detektive beauftragt. Aber es gab nichts. Es war, als hätte sich der Boden unter ihr aufgetan und sie verschluckt.
”
Katja spürte einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. „Und Sie glauben wirklich, dass ich…? ”
Walter sah sie an, sein Blick durchdringend. „Ich weiß es nicht.
Aber wenn es eine Möglichkeit gibt, dass du meine Tochter bist, dann werde ich es herausfinden. ”
Die Worte trafen Katja wie ein Schlag. Ihre Tochter. Sie hatte nie darüber nachgedacht, wer ihr Vater sein könnte.
Das Waisenhaus hatte ihr nie Informationen über ihre Herkunft gegeben, nur dass sie als kleines Kind dort abgegeben worden war. Walter griff nach seinem Telefon. „Ich werde jemanden kontaktieren, der mir helfen kann. ”
Katja sah ihn unsicher an.
„Was haben Sie vor? ”
„Ich kenne jemanden, der sich mit solchen Dingen auskennt. Einen Detektiv. Er kann herausfinden, was damals wirklich passiert ist.
”
Katja wusste nicht, ob sie bereit für diese Wahrheit war. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich nach Antworten gesehnt, aber jetzt, wo sie so nah waren, fühlte es sich plötzlich beängstigend an. Walter wählte eine Nummer und hielt das Telefon ans Ohr. Nach ein paar Sekunden nahm jemand ab.
„Martin, ich brauche deine Hilfe. Es geht um Anja. Komm so schnell wie möglich her. ”
Er legte auf und sah Katja ernst an.
„Wenn Anja wirklich noch am Leben ist, dann müssen wir sie finden. ”
Katja atmete tief durch. Doch dann klopfte es an der Tür. Almut trat ein, ihr Blick kalt und berechnend.
„Herr Bergmann, ich wollte nur sichergehen, dass alles geklärt ist. ”
Katja spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. „Nein, Almut, es ist noch nichts geklärt”, antwortete Walter mit unergründlichem Blick. Sie hob die Brauen.
„Ich verstehe nicht, warum Sie zögern. Wir haben eine Diebin im Haus, und Sie setzen sich einfach mit ihr hin und führen Gespräche. ”
Walter stand langsam auf. „Almut, ich werde herausfinden, was hier wirklich passiert ist.
Und ich werde herausfinden, wer mir in diesem Haus nicht die Wahrheit sagt. ”
Almut hielt einen Moment inne, dann nickte sie steif. „Wie Sie meinen, Herr Bergmann. ”
Doch in ihren Augen lag ein Funke Unruhe.
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, wandte sich Walter wieder an Katja. „Etwas stimmt nicht. Ich werde dieser Sache nachgehen. ”
Katja nickte langsam.
„Und was passiert jetzt? ”
Walter musterte sie lange. „Jetzt warten wir auf den Detektiv. ”
In diesem Moment klingelte es an der Tür.
Walter warf Katja einen kurzen Blick zu, bevor er aus dem Raum verschwand. Kurz darauf trat er wieder ins Büro, dicht gefolgt von einem Mann in einem dunklen Mantel mit ernstem Gesichtsausdruck. „Katja”, sagte Walter ruhig. „Das ist Martin.
Er wird uns helfen. ”
Der Detektiv musterte sie scharf, bevor er mit einem leichten Nicken auf das Foto deutete. „Also gut”, sagte er. „Dann erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.
”
Katja hatte das Gefühl, als würde sich der Boden unter ihr verschieben. Die Enthüllungen der letzten Stunden waren wie eine Flutwelle über sie hereingebrochen, und ihr Verstand hatte Mühe, alles zu verarbeiten. Martin hatte sich an Walters Schreibtisch gesetzt und betrachtete das Foto eingehend. Die Linien seines Gesichts verrieten jahrelange Erfahrung, seine Augen waren wachsam und scharf.
„Fangen wir von vorne an”, sagte er schließlich mit ruhiger Stimme. „Sie sagen, Sie haben dieses Foto seit Ihrer Kindheit und wissen nichts über Ihre Eltern. ”
Katja nickte langsam. „Ich wurde in einem Waisenhaus in Bayern abgegeben, als ich etwa drei Jahre alt war”, begann sie.
„Man hat mir nie gesagt, wer meine Eltern waren. Ich hatte keine Geburtsurkunde, keine Dokumente, nur dieses Foto. ”
Martin drehte das Bild um und las die verblasste Notiz auf der Rückseite. „Für meine geliebte Tochter, möge sie immer in Liebe und Sicherheit leben”, wiederholte er mit leiser Stimme, als wollte er ihre Bedeutung auf einer tieferen Ebene verstehen.
„Und dieses Waisenhaus, existiert es noch? ”
Katja schüttelte den Kopf. „Nein, es wurde vor ein paar Jahren geschlossen. Ich habe einmal versucht, etwas herauszufinden, aber die alten Akten waren entweder verschwunden oder zerstört worden.
Niemand konnte mir sagen, woher ich kam oder wer mich abgegeben hatte. ”
Martin seufzte leise und machte sich eine Notiz. „Das macht die Sache schwieriger, aber nicht unmöglich. ”
Walter, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, stand langsam auf und trat zum Fenster.
Seine Haltung war angespannt, seine Hände auf dem Rücken verschränkt. „Ich will wissen, was mit Anja passiert ist. Ob sie noch lebt. Und ob Katja wirklich meine Tochter ist.
”
Martin nickte. „Dann fangen wir an. ” Er zog ein kleines Notizbuch aus seiner Manteltasche. „Ich werde versuchen, Informationen über das Waisenhaus zu bekommen.
Vielleicht finde ich ehemalige Mitarbeiter oder jemanden, der sich an etwas erinnert. ” Er richtete seinen Blick auf Walter. „Aber ich brauche auch Ihre Hilfe. Erzählen Sie mir alles, was Sie über das Verschwinden Ihrer Frau wissen.
”
Walter drehte sich langsam um, seine Miene hart wie Stein. „Anja verschwand vor 25 Jahren an einem kalten Herbstabend. Ich kam nach Hause und sie war einfach weg. Keine Nachricht, keine Spur, nichts.
Ihr Mantel hing noch an der Garderobe. Ihre Tasche lag auf dem Tisch. Die Polizei nahm an, dass sie vielleicht entführt wurde, aber es gab keine Beweise. Kein Einbruch, keine Kampfspuren.
” Er schluckte schwer. „Ich habe sie überall gesucht. Detektive engagiert, die besten Anwälte beauftragt, Zeitungsanzeigen geschaltet. ” Er hielt inne, als würde es ihm schwer fallen, die nächsten Worte auszusprechen.
„Irgendwann musste ich akzeptieren, dass sie nicht mehr zurückkommen würde. ”
Martin schrieb in sein Notizbuch, dann hob er den Kopf. „Gab es damals Verdächtige? Jemanden, der einen Grund hatte, Ihrer Frau zu schaden?
”
Walter nickte langsam. „Ja. Sein Name war Friedrich Hartmann. Er war ein Geschäftsmann, ein Konkurrent von mir.
Wir hatten jahrelang Konflikte, sowohl geschäftlich als auch persönlich. Ich wusste, dass er mich hasste. Ich hatte immer das Gefühl, dass er mehr wusste, als er zugab. Aber ich konnte ihm nie etwas nachweisen.
”
Martin hob eine Augenbraue. „Und er lebt noch? ”
„Ja, er ist alt, aber immer noch aktiv in der Geschäftswelt. ”
Der Detektiv notierte sich den Namen und sah dann zu Katja.
„Was ist mit der Haushälterin Almut? ”
Katja zuckte zusammen. „Ich weiß nicht. Sie gibt mir ein schlechtes Gefühl.
Es ist, als hätte sie Angst vor dem, was wir herausfinden könnten. ”
Walter seufzte. „Almut arbeitet seit Jahrzehnten für mich. Sie ist loyal.
”
Martin sah ihn nachdenklich an. „Vielleicht. Aber ich werde mir trotzdem ansehen, was sie in den letzten Jahren gemacht hat. ” Er stand auf.
„Ich werde mit den Ermittlungen beginnen. Aber seien Sie beide vorsichtig. Wenn jemand vor 25 Jahren ein Verbrechen begangen hat, wird er nicht wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. ”
Als er das Büro verließ, legte sich eine schwere Stille über den Raum.
„Ich werde die Wahrheit herausfinden”, sagte Walter schließlich leise. Katja sah ihn an. „Und wenn die Wahrheit nicht das ist, was Sie erwarten? ”
Walter hielt ihren Blick stand.
„Dann müssen wir beide damit leben. ”
Katja wusste nicht, warum, aber diese Worte jagten ihr einen Schauer über den Rücken. Sie hatte das Gefühl, dass sich ihr Leben bald dramatisch verändern würde. Doch sie hatte keine Ahnung, dass die wahre Gefahr bereits in der Villa lauerte.
Die Stunden nach Martins Besuch verstrichen langsam, als hätte jemand die Zeit gedehnt. Katja konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so verloren gefühlt hatte. Sie saß am großen Esstisch, den Blick auf die polierte Holzoberfläche gesenkt, während ihre Gedanken wild umherwirbelten. Walter hatte sich in sein Büro zurückgezogen, doch sie konnte seine Schritte hören, das unaufhörliche Hin- und Herlaufen, das verriet, dass auch er keine Ruhe fand.
Plötzlich ertönte ein lautes Klopfen an der Tür, gefolgt von schnellen Schritten. „Ich werde nicht einfach hier rumsitzen und nichts tun”, klang Walters Stimme aus dem Flur. Er trat in die Tür, sein Gesicht angespannt, seine Hände zu Fäusten geballt. „Ich kann nicht warten, bis Martin mit Ergebnissen zurückkommt.
Ich will Antworten, und ich will sie jetzt. ”
Katja stellte ihre Tasse ab. „Was wollen Sie tun? ”
Walter fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Ich werde selbst Nachforschungen anstellen. Ich habe noch Kontakte, alte Bekannte, die mir helfen können. Wenn Anja noch lebt, dann werde ich sie finden. ”
Katja konnte nicht sagen, warum, aber die Vorstellung, dass er sich so sehr für sie und ihre Herkunft einsetzte, rührte sie.
„Aber Martin hat doch gesagt, dass er sich darum kümmern wird”, sagte sie schließlich zögernd. Walter schüttelte den Kopf. „Das reicht mir nicht. Ich habe 25 Jahre gewartet.
Ich werde nicht noch länger tatenlos bleiben. ”
Bevor sie etwas erwidern konnte, wurde die Tür aufgerissen. Almut stand im Türrahmen, ihr Gesicht beherrscht, aber in ihren Augen funkelte ein seltsames Licht, eine Mischung aus Genugtuung und Nervosität. „Herr Bergmann, es gibt ein Problem.
”
Walter wandte sich mit gerunzelter Stirn zu ihr um. „Was für ein Problem? ”
Almut trat einen Schritt näher. „Die Polizei ist wieder hier.
”
Katja spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Warum? ”
„Sie wollen mit Ihnen sprechen. ”
In der Eingangshalle standen zwei Polizisten mit ernster Miene, ihre Blicke unverwandt auf Katja gerichtet.
„Frau Wagner”, begann einer der Beamten. „Wir haben unsere Ermittlungen bezüglich des Diebstahls weitergeführt. Es gibt neue Erkenntnisse. ”
Katjas Herz begann heftig zu klopfen.
„Welche Erkenntnisse? ”
Der Polizist hielt eine kleine Mappe hoch. „Wir haben die Überwachungskameras in der Villa ausgewertet. Die Aufnahmen zeigen, dass Sie sich zur fraglichen Zeit in der Nähe des Schmuckstücks aufgehalten haben.
”
Walter trat einen Schritt vor. „Was genau bedeutet das? ”
„Die Aufzeichnungen zeigen, dass Frau Wagner am Nachmittag mehrere Minuten allein im Salon verbracht hat, kurz bevor das Verschwinden des Schmucks gemeldet wurde. ”
Katja riss die Augen auf.
„Was? Das ist unmöglich. Ich war einfach nur… Ich habe gearbeitet.
”
„Dennoch passt Ihr Aufenthalt in diesem Bereich mit dem Verschwinden des Schmucks zusammen”, erwiderte der Polizist ruhig. Walter hob eine Hand. „Was genau wollen Sie jetzt tun? ”
„Wir möchten, dass Frau Wagner uns auf die Wache begleitet, um einige Fragen zu klären.
”
Katja war fassungslos. „Das ist ein Irrtum. Jemand will mir das anhängen. ”
Walter funkelte die Beamten an.
„Das wird nicht nötig sein. Ich werde meinen Anwalt kontaktieren und sicherstellen, dass diese Anschuldigungen ordnungsgemäß untersucht werden. ”
Der Polizist presste die Lippen zusammen. „Wir erwarten Ihre vollständige Kooperation, Herr Bergmann.
”
Nachdem die Beamten gegangen waren, herrschte für einige Momente absolute Stille. Walter ließ sich auf einen der Sessel sinken und rieb sich über das Gesicht. „Das ist absurd”, murmelte er. „Ich werde nicht zulassen, dass du für etwas verantwortlich gemacht wirst, das du nicht getan hast.
”
Katja fühlte sich, als wäre sie in einem Albtraum gefangen. „Jemand will mir das anhängen”, flüsterte sie. „Ich weiß nicht warum, aber ich spüre es. ”
Allmut, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, trat langsam näher.
„Vielleicht ist es einfach eine unglückliche Verkettung von Umständen, Katja”, sagte sie sanft, fast zu sanft. „Vielleicht warst du zur falschen Zeit am falschen Ort. ”
Katja sah die Haushälterin scharf an. Etwas an ihrem Tonfall ließ sie aufhorchen, als würde sie etwas verschleiern.
„Oder jemand hat dafür gesorgt, dass es genauso aussieht”, sagte Katja langsam. Almut hielt ihren Blick für einen Moment stand. Dann zuckte sie mit den Schultern und verzog den Mund zu einem höflichen Lächeln. „Ich hoffe, dass Sie Ihre Unschuld beweisen können”, sagte sie kühl.
Dann drehte sie sich um und verließ den Raum. Walter legte eine Hand auf Katjas Schulter. „Ich werde nicht zulassen, dass du für etwas bestraft wirst, das du nicht getan hast. ”
Katja nickte, doch innerlich war sie aufgewühlt.
Jemand spielte ein gefährliches Spiel, und sie würde herausfinden, wer. Die Luft in der Villa war schwer, fast greifbar. Nach dem Besuch der Polizei schien sich die Atmosphäre verändert zu haben, als wäre ein unsichtbarer Schatten über das Haus gefallen. Katja konnte es nicht erklären, aber sie spürte es in jeder Faser ihres Körpers.
Jemand wollte ihr schaden, jemand wollte sie loswerden. Sie stand in der Küche und umklammerte eine Tasse Tee, während ihre Gedanken um die letzten Ereignisse kreisten. Almut hatte sich seltsam verhalten, fast zu ruhig, als würde sie im Stillen die nächsten Züge eines Schachspiels berechnen. Aber war sie wirklich die Drahtzieherin hinter all dem?
Katja wollte es glauben, wollte, dass es so einfach war, aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass mehr dahintersteckte. Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Sie fuhr herum. Walter.
Er wirkte erschöpft, aber seine Augen funkelten entschlossen. „Katja”, sagte er leise. „Wir müssen reden. ”
Er setzte sich an den Küchentisch, verschränkte die Hände und sah sie eindringlich an.
„Ich habe Martin angerufen. Er kommt heute Abend zurück. ”
Katja spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. „Hat er etwas herausgefunden?
”
Walter nickte langsam. „Ich glaube schon. Und ich glaube auch, dass wir bald wissen werden, wer dir das hier anhängen will. ”
Katja biss sich auf die Lippe.
„Almut”, murmelte sie. „Es muss Almut sein. ”
Walter seufzte. „Ich weiß, dass du ihr nicht vertraust.
Aber sie arbeitet seit Jahrzehnten für mich. Warum sollte sie so etwas tun? ”
Katja lehnte sich vor. „Vielleicht, weil sie Angst hat.
Vielleicht, weil sie weiß, was wir herausfinden könnten. ”
Walter betrachtete sie lange, dann nickte er langsam. „Ich werde mit ihr reden. ”
Plötzlich klopfte es an der Tür.
Walter stand auf und öffnete sie. Martin trat ein, sein Mantel leicht verknittert, sein Gesicht müde, aber seine Augen waren scharf. „Ich habe einiges herausgefunden”, sagte er ohne Begrüßung. Er setzte sich und begann zu sprechen.
„Ich habe alte Mitarbeiter des Waisenhauses ausfindig gemacht, in dem Katja als Kind war. Die meisten erinnerten sich nicht mehr an viel oder wollten nicht darüber sprechen. Aber eine ehemalige Betreuerin, eine gewisse Frau Seifert, erinnerte sich an einen seltsamen Vorfall. ”
Katjas Hände verkrampften sich auf ihrem Schoß.
„Welchen Vorfall? ”
Martin zog sein Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin. „Laut Frau Seifert wurde Katja eines Nachts in das Waisenhaus gebracht. Aber nicht von einer verzweifelten Mutter, sondern von einem Mann.
Einem Fremden, den niemand kannte. Er war gut gekleidet, wirkte wohlhabend und hinterließ keinerlei Informationen. Er brachte Katja hinein, übergab sie den Betreuern und verschwand. ”
Stille.
Katja spürte, wie ihr Herz raste. „Ein Mann”, flüsterte sie. Martin nickte. „Ja.
Und das Merkwürdige ist: Die Akten über diesen Vorfall wurden später entfernt. Es gibt keinen offiziellen Eintrag darüber, dass Katja dort abgegeben wurde. ”
Walter lehnte sich zurück, sein Gesicht ausdruckslos. „Jemand wollte also, dass sie verschwindet.
”
„Genau”, sagte Martin. „Und das bedeutet, dass Anja sie nicht selbst dorthin gebracht hat. Jemand hat ihr das Kind weggenommen. ”
Katja war sprachlos.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie gedacht, dass ihre Mutter sie verlassen hatte, dass sie nicht gewollt war. Doch jetzt stellte sich heraus, dass das vielleicht nicht die Wahrheit war. „Aber wer? “, flüsterte sie.
Martin zog ein Foto aus seiner Jackentasche und legte es auf den Tisch. Es zeigte einen Mann, elegant gekleidet, mit harten Gesichtszügen und kühlem Blick. „Das ist Friedrich Hartmann”, sagte Martin. „Ein Geschäftsmann, mit dem Walter damals im Streit lag.
Und laut Frau Seifert sah der Mann, der Katja ins Waisenhaus brachte, genauso aus. ”
Katja schnappte nach Luft. Walter erstarrte. „Das kann nicht sein.
”
„Oh doch”, sagte Martin. „Ich glaube, dass Hartmann etwas mit Anjas Verschwinden zu tun hatte. Und ich glaube, dass er wusste, dass Katja seine Tochter war. ”
Die Worte trafen Katja wie ein Schlag.
„Aber warum sollte er so etwas tun? ”
Martin lehnte sich zurück. „Das ist die nächste Frage, die wir beantworten müssen. ”
Katja konnte es nicht fassen.
Alles, was sie über ihr Leben geglaubt hatte, war eine Lüge, und die Wahrheit war weit dunkler, als sie es sich je hätte vorstellen können. Sie sah Walter an, der immer noch auf das Foto starrte. Dann hob er den Blick. „Wenn Hartmann wirklich dahintersteckt”, sagte er leise.
„Dann werden wir es herausfinden. ”
Seine Stimme war kalt, entschlossen. Katja wusste, dass dieser Moment alles verändert hatte, und dass sie nicht mehr zurückkonnte. Die Worte hallten in Katjas Kopf nach wie ein Echo, das sich nicht abschütteln ließ.
Friedrich Hartmann. Ein Name, den sie nie zuvor gehört hatte und der doch, wie es schien, eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielte. Die Vorstellung, dass ihr gesamtes Dasein, ihre Kindheit im Waisenhaus, ihr jahrelanges Gefühl des Verlorenseins, ihre verzweifelten Versuche, irgendwo dazuzugehören, das Ergebnis einer gezielten Manipulation sein könnte, war überwältigend. Walter hielt das Foto von Hartmann in der Hand und betrachtete es mit einem Ausdruck, der schwer zu deuten war: Wut, Ungläubigkeit, vielleicht sogar Angst.
„Ich wusste immer, dass dieser Mann ein skrupelloser Bastard ist”, murmelte er schließlich. „Aber dass er zu so etwas fähig wäre? ”
Martin räusperte sich. „Er hatte ein Motiv.
Ein starkes sogar. Ihr wart Rivalen, Walter. Ihr habt euch um dieselben Geschäfte gestritten, dieselben Verträge, denselben Einfluss. Aber vielleicht ging es ihm nicht nur ums Geschäft.
Vielleicht war es etwas Persönlicheres. ”
Walter hob eine Augenbraue. „Was meinen Sie? ”
Martin zuckte die Schultern.
„Anja. ”
Stille. Katjas Herz schlug schneller. „Glauben Sie, dass Hartmann etwas für meine Mutter empfunden hat?
”
Walter presste die Lippen zusammen. „Ich weiß nicht. Ich dachte immer, er hasste mich einfach nur, weil ich ihm im Geschäft überlegen war. Aber wenn er sich für Anja interessiert hat und sie sich für mich entschieden hat…
” Er ließ den Satz unvollendet, aber alle wussten, was er meinte. Katja lief ein Schauer über den Rücken. „Dann hat er sie vielleicht nicht nur verschwinden lassen, um Ihnen zu schaden”, sagte sie leise. „Vielleicht wollte er sie für sich behalten.
”
Martin nickte langsam. „Das würde Sinn ergeben. Die Frage ist: Wo ist sie jetzt? ”
Walter stand abrupt auf.
„Ich werde nach München fahren. Ich werde mit diesem Kerl reden. ”
Katja hob überrascht den Kopf. „Was?
Sie wollen einfach so zu ihm gehen? ”
Walter sah sie entschlossen an. „Ich habe 25 Jahre gewartet. Ich werde nicht länger herumsitzen und nichts tun.
”
Martin schüttelte den Kopf. „Das ist nicht klug, Walter. Hartmann ist gefährlich. Und wenn er tatsächlich für Anjas Verschwinden verantwortlich ist, dann wird er nicht einfach so die Wahrheit ausspucken.
”
„Ich werde ihn nicht um Erlaubnis bitten”, knurrte Walter. Katja schluckte hart. „Ich komme mit. ”
Walter drehte sich zu ihr um.
„Nein, es könnte gefährlich werden. ”
„Es geht um mich”, erwiderte sie. „Und wenn Hartmann wirklich der Mann war, der mich ins Waisenhaus gebracht hat, dann will ich ihm in die Augen sehen. ”
Walter musterte sie lange, dann nickte er.
„In Ordnung. Aber du hältst dich im Hintergrund. ”
Martin seufzte. „Dann werde ich hier bleiben und weiter Nachforschungen anstellen.
Vor allem über Almut. ”
Katjas Herz klopfte schneller. „Glauben Sie wirklich, dass sie in das Ganze verwickelt ist? ”
„Ich weiß es nicht”, gestand Martin.
„Aber sie verhält sich verdächtig. Ich werde herausfinden, ob sie in den letzten Jahren mit Hartmann in Kontakt stand. ”
Walter nickte. „Gut.
Wir brechen morgen früh auf. ”
Katja spürte, wie sich ihr Körper anspannte. Morgen würden sie die Wahrheit suchen. Aber würden sie darauf vorbereitet sein, sie zu finden?
Die Nacht war unruhig. Katja lag in ihrem Bett, die Augen auf die dunkle Decke gerichtet, während sich ihre Gedanken überschlugen. Bilder von Friedrich Hartmann tauchten in ihrem Kopf auf, Bilder, die sie sich selbst erschuf, weil sie keine Erinnerung an ihn hatte. War er kalt gewesen, als er sie ins Waisenhaus brachte?
Oder hatte er gezögert? Hatte er sie wie ein Objekt behandelt, oder hatte er irgendeine Form von Gewissen gezeigt? Und vor allem: Warum? Warum hatte er das getan?
Als der Wecker klingelte, fühlte sie sich wie gerädert. Die Fahrt nach München war lang und von angespannter Stille geprägt. Walter konzentrierte sich auf die Straße, während Katja aus dem Fenster starrte und die vorbeiziehenden Landschaften betrachtete, ohne sie wirklich wahrzunehmen. „Was werden Sie ihm sagen?
“, fragte sie schließlich leise. Walter hielt die Augen auf die Straße gerichtet. „Dass ich Antworten will. Und dass ich nicht gehe, bis ich sie bekomme.
”
Katja wusste, dass es nicht so einfach sein würde. Nach mehreren Stunden erreichten sie schließlich Hartmanns Anwesen. Es war ein imposantes Gebäude, umgeben von hohen Mauern, mit einem schweren Eisentor, das jede spontane Annäherung verhinderte. Walter hielt den Wagen einige Meter entfernt und betrachtete das Haus mit zusammengekniffenen Augen.
„Er lässt niemanden einfach so rein”, sagte er. Katja biss sich auf die Lippe. „Und jetzt? ”
Walter nahm sein Handy und wählte eine Nummer.
„Ich kenne jemanden, der uns vielleicht helfen kann. ”
Katja beobachtete ihn gespannt. Das Abenteuer, das sie begonnen hatte, nahm eine gefährliche Wendung, und sie konnte nicht mehr zurück. Das massive Eisentor, das den Eingang zu Hartmanns Anwesen bewachte, wirkte beinahe einschüchternd.
Es war kein gewöhnliches Tor, sondern ein Symbol der Macht, eine physische Barriere, die die Außenwelt von den dunklen Geheimnissen dahinter trennte. Katja saß im Wagen neben Walter und konnte den nervösen Herzschlag in ihrer Brust spüren. Walter hielt das Telefon an sein Ohr, während er geduldig wartete. Schließlich hörte sie ihn sagen: „Wir sind da.
Sorg dafür, dass das Tor geöffnet wird. ” Er legte auf und wandte sich an sie. „Ein alter Bekannter von mir arbeitet als Sicherheitsberater für Hartmann. Er hat mir einen Gefallen geschuldet.
”
Katja runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher, dass wir hier nicht in eine Falle tappen? ”
Walter schüttelte den Kopf. „Hartmann ist ein Spieler.
Er wird uns nicht einfach abweisen, wenn er glaubt, dass er etwas gewinnen kann. ”
Mit einem metallischen Knarren begann sich das Tor langsam zu öffnen. Katja hielt den Atem an, als Walter den Wagen in die Einfahrt lenkte. Das Anwesen selbst war ebenso imposant wie das Tor, ein prächtiges Herrenhaus im klassischen Stil, umgeben von gepflegten Gärten, die einen eigenartigen Kontrast zur bedrohlichen Aura des Ortes bildeten.
Walter stellte den Wagen ab. „Bleib nah bei mir”, murmelte er. Katja nickte, obwohl sie sich bereits fragte, ob sie sich nicht besser auf das Schlimmste vorbereiten sollte. Eine schwere Holztür öffnete sich, und ein älterer Mann in maßgeschneiderter Kleidung trat heraus.
Er hatte das Gesicht eines Geschäftsmanns, glatt, kontrolliert, mit einem berechnenden Lächeln. Friedrich Hartmann. Sein Blick wanderte über Walter, dann auf Katja. Ein Moment der Stille.
„Walter Bergmann, was für eine Überraschung”, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme, die einen kalten, berechnenden Unterton hatte. Walter verschränkte die Arme. „Lass das Theater, Hartmann. Wir wissen beide, dass du von meinem Besuch nicht überrascht bist.
”
Hartmanns Lächeln wurde breiter. „Du bist immer noch so direkt wie früher. ” Sein Blick fiel wieder auf Katja. „Und du?
Du kommst mir bekannt vor. ”
Katja spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. „Sollte ich das? “, fragte sie kühl.
Hartmann musterte sie noch einen Moment. Dann trat er beiseite. „Nun, wenn ihr schon die Mühe gemacht habt, hierherzukommen, dann sollten wir uns wie zivilisierte Menschen unterhalten. ”
Walter warf Katja einen kurzen Blick zu, bevor sie ihm ins Haus folgten.
Das Innere des Anwesens war so luxuriös, wie sie es erwartet hatte. Dunkles Holz, teure Kunstwerke, Regale voller alter Bücher. Es war das Haus eines Mannes, der sich mit Macht umgab und sie genoss. Hartmann führte sie in ein elegantes Arbeitszimmer mit hohen Fenstern und schweren Ledersesseln.
„Setzt euch”, bot er an. Walter blieb stehen. „Ich stehe lieber. ”
Hartmann zuckte mit den Schultern.
„Wie du willst. ” Dann wandte er sich wieder Katja zu. „Also, junge Dame, erzähl mir, warum bist du hier? ”
Katja nahm all ihren Mut zusammen.
„Sie haben mich vor über 20 Jahren in ein Waisenhaus gebracht. Ich will wissen, warum. ”
Stille. Hartmanns Miene veränderte sich nicht, aber in seinen Augen blitzte für einen kurzen Moment etwas auf.
Überraschung? Oder war es etwas anderes? „Du bist also Anjas Tochter”, sagte er. Katjas Magen zog sich zusammen.
„Sie geben es also zu. ”
Hartmann lächelte schmal. „Warum sollte ich es leugnen? Es war nie ein Geheimnis.
Zumindest nicht für mich. ”
Walter machte einen Schritt nach vorne. „Dann erzähl uns die ganze Geschichte, Hartmann. Kein weiteres Versteckspiel.
”
Hartmann seufzte und nahm sich Zeit, bevor er sprach. „Deine Mutter, Anja, war eine außergewöhnliche Frau”, begann er schließlich. „Sie war klug, schön und viel zu gut für dich, Walter. ”
Walter ballte die Fäuste, aber er sagte nichts.
„Ich habe sie geliebt”, fuhr Hartmann fort, als wäre es eine einfache Feststellung. „Mehr als du es je konntest. Und sie wusste das. Doch sie hat sich für dich entschieden.
Ein Fehler. ”
Katja fühlte sich, als wäre der Raum plötzlich kleiner geworden. „Was haben Sie mit ihr gemacht? ”
Hartmann sah sie an, und für einen Moment glaubte sie, so etwas wie Bedauern in seinem Gesicht zu sehen.
„Ich habe sie nicht getötet, wenn du das meinst”, sagte er ruhig. „Aber ich habe sie verschwinden lassen. ”
Walter trat einen Schritt nach vorne, die Wut in seinen Augen kaum noch kontrolliert. „Warum?
”
Hartmann lehnte sich zurück. „Weil sie nach dir gesucht hat. ”
Katjas Atem stockte. „Was?
Was meinen Sie damit? ”
Hartmann seufzte. „Deine Mutter hatte Angst, Katja. Sie wusste, dass sie in Gefahr war, und sie wollte dich in Sicherheit bringen.
Also hat sie dich weggegeben. Oder besser gesagt, sie dachte, sie hätte dich in Sicherheit gebracht. ”
„Sie dachte? “, wiederholte Katja mit rauer Stimme.
Hartmanns Blick wurde hart. „Ich habe ihre Pläne durchkreuzt. Ich konnte nicht zulassen, dass du bei Walter aufwächst. Also habe ich dich an einen sicheren Ort bringen lassen.
”
Walter war außer sich. „Du hast mir mein Kind genommen. ”
Hartmann zuckte mit den Schultern. „Ich habe getan, was getan werden musste.
”
Katjas Hände zitterten. „Und meine Mutter? Wo ist sie jetzt? ”
Hartmann schwieg einen Moment, dann stand er langsam auf.
„Ich denke, es ist Zeit, dass du es selbst herausfindest. ”
Er ging zur Tür, öffnete sie und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Katja spürte, wie ihr Puls raste. Nach all den Jahren der Ungewissheit würde sie endlich die Wahrheit erfahren.
Aber war sie bereit dafür? Katjas Herz pochte heftig, als sie Hartmann durch die breiten dunklen Flure seines Anwesens folgte. Der kalte Steinboden unter ihren Füßen verstärkte das Gefühl, dass sie sich auf unbekanntem Terrain befand, einem Ort, an dem Wahrheiten verborgen wurden, an dem Schicksale bestimmt worden waren. Walter war dicht hinter ihr, seine ganze Haltung angespannt, als würde er sich darauf vorbereiten, jeden Moment auf Hartmann loszugehen.
Hartmann führte sie zu einer massiven Holztür am Ende des Korridors. Er zögerte einen Moment, bevor er nach der Klinke griff. „Bevor wir hineingehen”, sagte er mit leiser Stimme. „Solltet ihr wissen, dass sie nicht mehr die Frau ist, die ihr kanntet.
”
Walter machte einen Schritt nach vorne, die Fäuste geballt. „Was soll das heißen? ”
Hartmann erwiderte seinen Blick ruhig. „Jahre sind eine lange Zeit.
”
Mit diesen Worten drückte er die Tür auf. Der Raum dahinter war anders als das restliche Anwesen. Er war heller, wärmer, mit weichen Möbeln und großen Fenstern, durch die das Sonnenlicht fiel. Doch Katja nahm all das kaum wahr, denn in der Mitte des Raumes saß eine Frau auf einem großen Sessel.
Ihr blondes Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern, doch es war mit Strähnen aus Grau durchzogen. Ihr Gesicht war gezeichnet von den Jahren, doch ihre Augen, tiefblau, voller Erinnerungen, waren dieselben, die Katja aus dem alten Foto kannte. Katja blieb abrupt stehen. Ihr Atem stockte.
Das war sie. Walter erstarrte neben ihr, und für einen Moment schien die ganze Welt stillzustehen. Die Frau hob langsam den Kopf, ihre Augen wanderten über die Gesichter in der Tür, und dann hielt sie inne. Sie sah Katja an.
Stille. Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Dann flüsterte die Frau mit brüchiger Stimme: „Mein Gott! ”
Ein Zittern ging durch Katjas Körper.
„Mama! “, sagte sie, und das Wort fühlte sich fremd auf ihrer Zunge an, als wäre es das erste Mal, dass sie es aussprach. Die Frau erhob sich langsam, fast zögernd, als könnte sie nicht glauben, dass dieser Moment real war. Tränen füllten ihre Augen.
„Bist du das wirklich? ”
Katja fühlte, wie ihre Knie nachgaben, aber Walter legte schnell eine Hand auf ihre Schulter, um sie zu stützen. Anja machte einen Schritt nach vorne, dann noch einen, und dann war sie da. Sie zögerte nur einen kurzen Moment, bevor sie ihre Arme um Katja schlang, als hätte sie Angst, dass sie gleich wieder verschwinden könnte.
Katja spürte, wie sie in ihren Armen zitterte, spürte die Wärme, die Verzweiflung, die tiefe, überwältigende Liebe. „Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren”, flüsterte Anja, während ihre Tränen auf Katjas Schulter fielen. Katja presste die Augen zusammen, Tränen liefen über ihr eigenes Gesicht. „Ich habe mein ganzes Leben lang nach dir gesucht”, flüsterte sie zurück.
Walter stand neben ihnen. Seine Schultern bebten, als er die Szene vor sich betrachtete. Seine Augen waren feucht, doch er sprach kein Wort. Anja löste sich langsam von Katja und drehte sich dann zu ihm um.
Sie sah ihn an, lange, intensiv, und dann begann sie zu weinen. „Walter… ”
Es war, als würde all die verlorenen Jahre, all das unausgesprochene Leid zwischen ihnen in diesem einen Moment zusammenbrechen. Walter öffnete den Mund, aber keine Worte kamen heraus.
Dann zog er sie in seine Arme. Für einen Moment waren sie keine zwei Menschen, die durch das Schicksal getrennt worden waren, sondern eine Familie, die endlich wieder zusammenfand. Katja spürte, wie sich ein tiefer Schmerz in ihr löste, ein Schmerz, den sie nicht einmal bewusst getragen hatte. Doch so schön dieser Moment war, eine Frage brannte immer noch in ihrem Kopf.
Warum? Warum hatte ihre Mutter sie verlassen? Warum hatte Hartmann all das getan? Als sie sich langsam von der Umarmung lösten, drehte sich Katja zu ihm um.
Hartmann stand noch immer an der Tür, sein Gesicht ausdruckslos, doch in seinen Augen lag etwas, das sie nicht sofort deuten konnte. „Warum? “, fragte sie schließlich, ihre Stimme fest, obwohl ihre Hände noch zitterten. Hartmann seufzte, als hätte er sich auf diese Frage vorbereitet.
„Weil deine Mutter dich in Sicherheit bringen wollte”, sagte er leise. „Und weil ich nicht zulassen konnte, dass du zu Walter zurückkehrst. ”
Katja schüttelte den Kopf. „Das ist keine Antwort.
”
Anja legte eine Hand auf Katjas Arm. „Ich muss es dir erklären”, sagte sie. Katja drehte sich zu ihr um. „Dann tu es.
”
Anja nahm einen tiefen Atemzug, dann begann sie zu erzählen. „Hartmann hat mich entführt”, sagte sie leise. „Ich wollte zu Walter zurückkehren, aber er ließ mich nicht gehen. Ich wusste, dass er mich nicht töten würde, nicht solange er mich für sich beanspruchte.
Aber ich wusste auch, dass du in Gefahr warst. Also flehte ich ihn an, dich fortzubringen, irgendwohin, wo Walter dich nicht finden konnte. Ich dachte, er würde dich beschützen. ” Ihre Stimme brach.
„Aber er hat dich in ein Waisenhaus gebracht. Und ich konnte nichts tun. ”
Katja fühlte, wie sich Wut in ihr aufbaute. „Warum hast du dich nie bei mir gemeldet?
Nie versucht, mich zu finden? ”
Anjas Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Weil ich es nicht konnte. Er hat mich an einen Ort gebracht, wo ich niemanden kontaktieren konnte.
Jahre vergingen, und als ich endlich entkommen konnte, warst du verschwunden. ”
Katja presste die Lippen zusammen, die Tränen liefen heiß über ihr Gesicht. „Ich habe mein ganzes Leben geglaubt, dass ich verlassen wurde”, flüsterte sie. Anja schluchzte.
„Ich wollte dich nie verlassen. ”
Katja wusste nicht, ob sie ihr glauben konnte. Doch tief in ihrem Herzen fühlte sie, dass es wahr war. Walter richtete sich langsam auf, seine Hände zitterten noch immer vor unterdrücktem Zorn.
„Warum hast du das getan, Hartmann? ”
Hartmann sah ihn an, seine Miene unbewegt. „Weil ich gewonnen hatte. ”
Walter ballte die Fäuste, machte einen Schritt nach vorne, doch Katja hielt ihn zurück.
„Er ist es nicht wert”, flüsterte sie. Hartmann lächelte dünn. „Vielleicht nicht. Aber es ist vorbei.
”
Anja legte eine Hand auf Katjas Gesicht. „Ich habe dich gefunden”, sagte sie. „Und das ist alles, was zählt. ”
Katja spürte, wie sich ihr Herz langsam beruhigte.
Nach all den Jahren war sie endlich zu Hause angekommen. Aber der Kampf war noch nicht vorbei, denn Hartmann hatte immer noch Geheimnisse, und Katja war entschlossen, jedes einzelne zu lüften. Katja konnte das Zittern in ihren Händen nicht unterdrücken. Ihre Mutter war hier, lebendig, atmend, direkt vor ihr.
Und doch fühlte sich alles unwirklich an, als hätte sie diesen Moment in ihren Träumen erschaffen. Walter stand mit verkrampften Fäusten neben ihr, sein Gesicht eine Maske aus unterdrücktem Zorn. Der Mann, der ihm seine Frau genommen hatte, stand direkt vor ihm, seelenruhig, als wäre all das nichts weiter als ein alter Streit, der nie richtig beendet wurde. Hartmann musterte sie mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich seiner Macht zu sicher war, doch es gab noch zu viele unbeantwortete Fragen.
Katja spürte, dass das, was sie gehört hatte, nur ein Bruchstück der ganzen Wahrheit war. Sie drehte sich langsam zu Hartmann um. „Ich will wissen, warum”, sagte sie mit fester Stimme. Hartmann hob eine Augenbraue.
„Das habe ich bereits erklärt. ”
Katja ballte die Hände zu Fäusten. „Nein, das hast du nicht. Du hast gesagt, dass meine Mutter mich in Sicherheit bringen wollte.
Aber warum hast du entschieden, wohin ich gehe? Warum hast du mich ins Waisenhaus gebracht, anstatt mich irgendwo selbst zu behalten? Warum hast du Walter angelogen und ihm glauben lassen, dass wir beide tot sind? ”
Stille.
Hartmann lehnte sich gegen das schwere Bücherregal. Seine Finger fuhren gedankenverloren über den Holzrahmen eines alten Portraits. „Weil du nicht in meinen Plänen vorkamst. ”
Katja sog scharf die Luft ein.
„Was? ”
Hartmanns Miene blieb reglos. „Ich wollte Anja, nicht dich. ” Die Worte waren kalt, emotionslos.
„Ein Kind war eine Komplikation, eine Ablenkung. Ich hätte dich in meinem Haus aufziehen können, ja, aber Anja hätte mich dafür gehasst. Sie hätte niemals nachgegeben, wenn du bei ihr gewesen wärst. Also musste ich dich verschwinden lassen.
”
Katja fühlte, wie die Wut in ihr hochstieg. „Du hast mich einfach entsorgt. Wie ein Stück Müll. ”
Hartmann seufzte.
„Ich habe dich in Sicherheit gebracht. Im Gegensatz zu dem, was du vielleicht denkst, wollte ich dir nicht schaden. Ich hätte dich umbringen lassen können, aber das habe ich nicht getan. ”
Walter trat abrupt einen Schritt nach vorne.
„Du Dreckskerl. ”
Hartmann hob warnend die Hand. „Lass die Emotionen beiseite, Walter. Du bist ein Geschäftsmann.
Du solltest verstehen, dass ich tat, was notwendig war. ”
Walter kochte vor Wut. „Notwendig? Du hast mir meine Familie genommen.
Du hast meine Tochter ins Nichts geschickt. Und du willst mir sagen, dass das notwendig war? ”
Für mich war es das, erwiderte Hartmann ruhig. Katja bebte vor Zorn.
„Und meine Mutter? Was hast du mit ihr gemacht? ”
Hartmann warf einen kurzen Blick auf Anja, die mit glasigen Augen dasaß, als wäre sie in der Vergangenheit gefangen. „Ich habe sie behalten”, sagte er.
„Ich habe sie geliebt. ”
Walter stieß ein bitteres Lachen aus. „Liebe? Das nennst du Liebe?
”
„Ich habe ihr alles gegeben, was sie brauchte”, erwiderte Hartmann mit einem Hauch von Stolz. „Ich habe sie beschützt. Ich habe sichergestellt, dass es ihr an nichts fehlt. ”
Katja konnte es nicht glauben.
„Du hast sie gefangen gehalten”, sagte sie mit bebender Stimme. Hartmanns Miene veränderte sich nicht. „Vielleicht. Aber sie ist heute hier, nicht wahr?
Lebendig, in einem Stück. Wenn sie wirklich hätte fliehen wollen, hätte sie es gekonnt. ”
Katja drehte sich zu Anja um, deren Blick auf den Boden gerichtet war. „Mama, stimmt das?
”
Anja schwieg lange, dann hob sie langsam den Kopf. „Ich hatte Angst. ”
Katja spürte einen Klos in ihrem Hals. „Angst wovor?
”
Anja schluckte schwer. „Dass er dich findet, wenn ich versuche zu fliehen. ”
Walter starrte sie ungläubig an. „Aber du warst doch bei ihm.
”
Anja schüttelte langsam den Kopf. „Er hat mir gesagt, dass du mich suchst, aber dass du mich nur wiederhaben willst, weil du mich für meinen Verrat bestrafen willst. ”
Walter wurde blass. „Was?
”
„Er hat mich manipuliert”, flüsterte Anja. „Er hat mir eingeredet, dass ich nie wieder zurückkehren könnte, dass du mich hassen würdest, dass du mich verstoßen würdest. ”
Katja sog scharf die Luft ein. „Er hat dich belogen.
”
Anja nickte langsam. „Ja. ”
Hartmann verschränkte die Arme vor der Brust. „Und hat es funktioniert?
Hast du mich nicht all die Jahre gefürchtet, Anja? ”
Anja senkte den Blick. Katja spürte, wie ihr Körper bebte. „Du hast alles zerstört”, sagte sie mit erstickter Stimme.
Hartmann musterte sie. „Und doch stehst du hier lebendig, vereint mit deinen Eltern? Also habe ich wirklich alles zerstört. ”
Katja konnte es nicht mehr ertragen.
Sie schnappte sich eine Vase vom Tisch und schleuderte sie mit aller Kraft gegen das Bücherregal. Die laute Explosion von Porzellan erfüllte den Raum. Walter riss Katja zurück, bevor sie noch weiter auf Hartmann losgehen konnte. „Er ist es nicht wert”, flüsterte er.
Doch Katjas Wut war unaufhaltsam. „Du hast mir mein Leben genommen”, schrie sie. „Du hast mich all die Jahre in Unwissenheit gelassen. Ich war ein verdammtes Waisenkind.
Ich hatte niemanden. Und du hast mich einfach vergessen. ”
Hartmanns Miene blieb ruhig, doch in seinen Augen lag ein Hauch von etwas Bedauern. „Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen”, sagte er.
Katja lachte bitter. „Du hast mich verletzt. Du hast uns alle verletzt. ”
Anja stand langsam auf.
Sie wirkte plötzlich stärker, sicherer. „Und jetzt wirst du mit den Konsequenzen leben müssen, Friedrich”, sagte sie leise. Hartmann sah sie lange an, dann zuckte er mit den Schultern. „Vielleicht.
”
Walter nahm Katjas Hand. „Lass uns gehen. ”
Katja warf Hartmann einen letzten Blick zu. Er stand noch immer da, in seinem großen, prunkvollen Haus, umgeben von all seinem Besitz.
Und doch sah er plötzlich kleiner aus, einsamer. Sie wusste, dass er seine Strafe nie wirklich bekommen würde, aber sie wusste auch, dass er verloren hatte. Und das war genug. Als sie die Tür hinter sich schlossen, fühlte Katja zum ersten Mal seit Jahren, dass sie frei war.
Aber die Vergangenheit ließ sich nicht einfach abschütteln, und sie wusste, dass sie noch nicht am Ende waren. Die schwere Holztür fiel mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss. Ein Geräusch, das Katja nie wieder hören wollte. Sie stand reglos in der kühlen Nachtluft, ihre Beine fühlten sich an, als würden sie jeden Moment nachgeben, ihre Brust hob und senkte sich schnell, ihr Atem kam stoßweise.
Ihr Kopf war ein Wirbelsturm aus Emotionen. Walter stand neben ihr, ebenso regungslos. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, seine Kiefer angespannt, als würde er mit aller Kraft verhindern, wieder in das Haus zurückzustürmen und Hartmann für alles, was er getan hatte, zur Rechenschaft zu ziehen. Und dann war da ihre Mutter, Anja.
Nach all den Jahren war sie wieder hier, frei. Doch sie wirkte nicht wie eine Frau, die aus einem goldenen Käfig befreit worden war. Sie sah gebrochen aus, zerbrechlich, als hätte die Zeit nicht nur auf ihrem Gesicht Spuren hinterlassen, sondern auch auf ihrer Seele. Katja wusste nicht, was sie sagen oder fühlen sollte.
Ihr ganzes Leben hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, ihre Mutter wiederzufinden. Doch in ihren Träumen war es immer anders gewesen. Kein schmerzvolles Geheimnis, keine Schuld, keine Vergangenheit, die sich in Schatten um sie legte. „Was machen wir jetzt?
“, flüsterte Katja schließlich. Anja hob langsam den Kopf, sah ihr mit ihren blauen Augen tief in die Seele. „Wir gehen nach Hause”, sagte sie leise. Nach Hause.
Das Wort hallte in Katjas Kopf wider. Sie hatte noch nie ein richtiges Zuhause gehabt. Das Waisenhaus, die kleinen Wohnungen, in denen sie gelebt hatte, die fremden Straßen, die sie durchwandert hatte. Nichts davon hatte sich je nach Hause angefühlt.
Und doch spürte sie, als sie Walter ansah und die Wärme in seinen Augen bemerkte, dass sich etwas verändert hatte. Vielleicht war es möglich. Walter öffnete die Autotür für Anja und half ihr beim Einsteigen. Katja setzte sich auf den Beifahrersitz.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, während Walter den Motor startete und das Anwesen hinter ihnen immer kleiner wurde. Eine Ära endete. Aber eine andere hatte gerade erst begonnen. Zwei Tage später in der Villa Bergmann.
Die Villa war seltsam still, als sie ankamen. Martin wartete bereits auf sie. Seine scharfen Augen nahmen jede Nuance ihrer Körpersprache auf, als sie durch die Tür traten. Doch es war nicht Martin, der Katja die Luft zum Atmen raubte.
Es war die Frau, die am Fuß der Treppe stand. Almut. Katja spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, als ihre Blicke sich trafen. Die Haushälterin stand regungslos da, ihre Hände ineinandergefaltet, ihr Gesichtsausdruck unbeweglich, aber ihre Augen, ihre Augen verrieten etwas.
Walter war der Erste, der sprach. „Almut”, sagte er ruhig, aber mit einem gefährlichen Unterton in seiner Stimme. „Hast du etwas zu sagen? ”
Almut hob das Kinn, und zum ersten Mal, seit Katja sie kannte, sah sie nicht herablassend aus.
Sie sah müde aus. „Ich wusste es”, sagte sie schließlich. Katja blinzelte verwirrt. „Wussten Sie was?
”
Almuts Blick fiel auf sie, durchdringend, als könne sie in Katjas Seele blicken. „Dass du Walters Tochter bist. ”
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. „Du hast es die ganze Zeit gewusst.
”
Almut nickte langsam. „Ich habe Anja gut gekannt. Und ich wusste, dass du ihr ähnlich sahst. Aber es war nicht nur das.
”
Walter trat einen Schritt näher, seine Miene undurchdringlich. „Warum hast du dann nichts gesagt? ”
Almut atmete tief durch. „Weil ich nicht wusste, wem ich trauen konnte.
”
Katja schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie haben mich behandelt, als wäre ich Dreck. Sie haben mir das Leben schwer gemacht. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie die ganze Zeit über Bescheid wussten?
”
Almut senkte den Blick. „Ich hatte Angst, dass die Wahrheit mehr Schaden anrichtet, als sie heilt. ”
„Mehr Schaden? “, Walters Stimme war gefährlich leise.
„Du hast mir mein eigenes Kind vorenthalten. ”
„Ich habe es nicht vorenthalten”, korrigierte Almut. „Ich habe es geschützt. ”
Stille.
Dann hob Katja langsam das Kinn. „Was meinen Sie damit? ”
Almuts Blick verdüsterte sich. „Jemand wollte nicht, dass du die Wahrheit erfährst, Katja.
”
Ein Schauder lief ihr über den Rücken. „Hartmann. ”
Almut zögerte. „Nicht nur er.
”
Katjas Herz begann heftig zu schlagen. Walter war plötzlich hellwach. „Was meinst du damit? ”
Almut sah ihn an, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Jemand in dieser Villa hat mit Hartmann zusammengearbeitet. ”
Ein eiskalter Schauer lief Katja über den Rücken. „Jemand hier? ”
Almut nickte.
„Jemand wollte verhindern, dass du die Wahrheit erfährst. Jemand, der dich aus dem Weg räumen wollte. ”
Walter wurde plötzlich kreidebleich. „Wer?
”
Almut schüttelte langsam den Kopf. „Ich weiß es nicht genau. Aber ich habe Dinge gehört, Gespräche aufgeschnappt. Und ich weiß eines: Diese Person hat nicht vor aufzugeben.
”
Katja schluckte. „Das bedeutet… ”
Walter beendete den Satz für sie. „Dass die Gefahr noch nicht vorbei ist.
”
Almut trat einen Schritt zurück, ihr Blick schwer. „Ich werde gehen”, sagte sie schließlich. Katja riss überrascht die Augen auf. „Was?
Sie geben einfach auf? ”
Almut seufzte. „Nein, Katja. Ich lasse euch euer neues Leben beginnen.
Ohne mich. Ich habe meine Rolle gespielt, und es gibt keinen Platz mehr für mich in dieser Geschichte. ”
Katja wusste nicht, was sie fühlen sollte. Walter nickte langsam.
„Dann geh. ”
Almut sah ihn an. Dann drehte sie sich um, nahm ihre Tasche und verschwand durch die große Eingangstür. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Zurück blieb eine Stille, die schwerer war als zuvor. „Jemand in diesem Haus wollte mich loswerden”, murmelte Katja. Walter nickte langsam. „Und diese Person ist noch immer hier.
”
Katja fühlte einen eisigen Schauer über ihren Rücken laufen. Hartmann war besiegt, aber das Spiel war noch nicht vorbei. Jemand zog im Hintergrund noch immer die Fäden, und sie würden herausfinden, wer. Die Stille nach Almuts Abschied war schwer und drückend.
Die Tür war kaum ins Schloss gefallen, doch ihre Worte hallten in Katjas Kopf wider wie ein Echo, das nicht verschwinden wollte. Jemand in dieser Villa hat mit Hartmann zusammengearbeitet. Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Walter stand reglos neben ihr, sein Gesicht eine steinerne Maske, doch seine angespannten Schultern verrieten, dass er mit seinen eigenen Gedanken kämpfte.
Martin war der Erste, der die Stille durchbrach. „Wir müssen herausfinden, wer es ist”, sagte er mit ruhiger, aber scharfer Stimme. Katja presste die Lippen zusammen. „Wie sollen wir das tun?
Wir wissen nicht, wem wir trauen können. ”
„Dann fangen wir an, uns umzusehen”, sagte Walter bestimmt. „Jeder in diesem Haus könnte der Verräter sein. ”
Katja spürte eine dunkle Vorahnung.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie nach der Wahrheit gesucht, und jetzt, wo sie ihr so nahe war, hatte sie Angst vor dem, was sie entdecken würde. Am nächsten Morgen herrschte eine merkwürdige Atmosphäre in der Villa. Die Bediensteten bewegten sich leiser als sonst, als hätten sie die Spannungen in der Luft gespürt. Die Gänge, die einst voller Leben gewesen waren, fühlten sich plötzlich eng und bedrohlich an.
Katja saß am großen Esstisch, einen heißen Kaffee in den Händen, während Walter gegenüber von ihr in einer Akte blätterte. Martin trat ein, ein kleines Notizbuch in der Hand. „Ich habe die Personallisten der letzten Jahre überprüft”, sagte er. „Es gibt einige Auffälligkeiten.
”
Walter legte die Akte beiseite und sah ihn aufmerksam an. „Welche? ”
Martin setzte sich und schlug das Notizbuch auf. „Mehrere Angestellte kamen und gingen in den letzten fünf Jahren, was bei einem Haushalt dieser Größe normal ist.
Aber es gibt einen Namen, der immer wieder auftaucht. Jemand, der offiziell nie hier gearbeitet hat. ”
Katja runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?
”
Martin sah sie an. „Es gibt eine Person, die nie auf den offiziellen Gehaltslisten stand, aber immer wieder in internen Dokumenten erwähnt wird. Briefe, Aufzeichnungen, sogar Bestellungen, als ob sie hier gewesen wäre. Aber ohne wirklich da zu sein.
”
Walter hob eine Augenbraue. „Wer? ”
Martin drehte sein Notizbuch um und schob es ihnen hin. Ein Name stand dort.
Erik Foss. Stille. Katja fühlte, wie ihr Herz schneller schlug. „Wer ist das?
”
Martin sah zu Walter. „Ich dachte, du würdest ihn kennen. ”
Walter runzelte die Stirn, dann verengten sich seine Augen. „Verdammt”, murmelte er.
„Ich habe ihn vor Jahren entlassen. ”
Katja spürte eine Kälte durch ihren Körper laufen. „Warum? ”
Walter lehnte sich zurück.
„Er war mein Fahrer und mein persönlicher Assistent. Aber dann habe ich herausgefunden, dass er Informationen an Konkurrenten weitergegeben hat. ”
Katja stockte der Atem. „An Hartmann?
”
Walter nickte langsam. „Ich konnte es ihm nie beweisen, aber ich war mir sicher. Also habe ich ihn rausgeworfen. ”
Martin seufzte.
„Und anscheinend ist er nie wirklich verschwunden. ”
Katja fühlte, wie sich eine düstere Ahnung in ihr zusammenbraute. „Wenn er noch immer hier war, dann hat er vielleicht alles mitbekommen. ”
Walter stand abrupt auf.
„Wir müssen herausfinden, wo er jetzt ist. ”
Die Suche nach Erik Foss begann sofort. Walter rief alte Kontakte an, während Martin die Bediensteten befragte. Katja fühlte sich seltsam beobachtet, als sie durch die Flure der Villa ging.
Sie konnte nicht erklären, warum, aber sie hatte das Gefühl, dass jemand sie verfolgte. Dann, als sie an einer der Türen vorbeiging, hörte sie etwas, ein leises Geräusch. Sie blieb stehen, hielt den Atem an. Da war es wieder, eine Bewegung.
Langsam legte sie die Hand auf die Klinke und drückte die Tür auf. Der Raum war dunkel. Nur das schwache Licht aus dem Flur fiel auf die Möbel. Doch dann sah sie es.
Schatten. Jemand war hier. „Wer ist da? “, fragte sie mit fester Stimme.
Stille. Dann ein Geräusch von Schritten. Ein Mann trat aus der Dunkelheit. Er war groß, schlank, mit kurzen dunklen Haaren und einem Gesicht, das Katja nicht kannte.
Und doch fühlte sie, dass sie ihn schon einmal gesehen hatte. „Sie müssen Katja sein”, sagte er mit ruhiger Stimme. Ein Schauder lief ihr über den Rücken. „Und Sie sind?
”
Er lächelte leicht. „Erik Foss. ”
Ihr Herz setzte aus. „Sie haben mich also gefunden.
”
Walter und Martin stürmten in den Raum, als sie Katjas Stimme hörten. Erik hob die Hände, als wolle er zeigen, dass er keine Bedrohung darstellte. „Ganz ruhig, Herr Bergmann. Ich habe nicht vor, Ärger zu machen.
”
Walter trat vor, seine Augen verengt. „Dann sag mir, warum du noch immer in meinem Haus bist. ”
Erik seufzte. „Weil ich nie wirklich gegangen bin.
”
Stille. „Ich habe für Hartmann gearbeitet”, gab er schließlich zu. „Er hat mich hier gelassen, um euch zu überwachen. ”
Katja fühlte eine Mischung aus Wut und Angst.
„Warum? ”
Erik sah sie an. „Weil er sicherstellen wollte, dass du niemals erfährst, wer du wirklich bist. ”
Katja atmete schwer.
„Und jetzt? ”
Erik zuckte mit den Schultern. „Jetzt hat er verloren. ”
Walter kniff die Augen zusammen.
„Hast du ihn noch kontaktiert? ”
Erik schüttelte den Kopf. „Seit ihr nach München gefahren seid, nicht mehr. ”
Martin verschränkte die Arme.
„Warum erzählst du uns das alles? ”
Erik sah sie ruhig an. „Weil ich nichts mehr zu verlieren habe. Hartmann hat mich benutzt, genau wie er euch benutzt hat.
”
Katja spürte, dass er die Wahrheit sagte, doch das bedeutete nicht, dass sie ihm vertraute. Walter sah Erik lange an, dann nickte er langsam. „Du wirst uns alles sagen, was du weißt. ”
Erik lehnte sich zurück.
„Ich habe eine Bedingung. ”
Walter hob eine Augenbraue. „Und die wäre? ”
Erik lächelte leicht.
„Schutz. ”
Stille. Katja sah zu Walter. Er dachte lange nach.
Dann nickte er langsam. „Deal. ”
Katja wusste, dass dies noch nicht das Ende war. Aber es war der Anfang der letzten Wahrheit.
Und diesmal würden sie nicht aufhören, bis sie alles herausgefunden hatten. Ein schwerer Nebel aus Misstrauen lag über dem Raum. Erik Foss saß auf dem Ledersessel, sein Gesicht ungerührt, doch seine Hände verrieten ihn, sie zitterten leicht, kaum merklich. Katja beobachtete ihn genau.
Dies war der Mann, der all die Jahre im Schatten der Villa gelebt hatte, der Mann, der Hartmanns Augen und Ohren war. Und jetzt wollte er Schutz. Walter stand neben ihr, die Arme vor der Brust verschränkt, sein Blick eiskalt. „Ich wiederhole mich nicht, Erik”, sagte er mit schneidender Stimme.
„Wenn du Schutz willst, wirst du uns sagen, was du weißt. Alles. ”
Erik atmete tief durch. „Ihr glaubt, ihr kennt die ganze Geschichte”, begann er leise.
„Aber ihr wisst nur einen Bruchteil. ”
Katja spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. „Dann fang an zu reden. ”
Erik lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen.
„Hartmann wusste von Anfang an, dass Katja Walters Tochter ist. Er hat es nie bezweifelt. ”
Walter ballte die Fäuste. „Das wussten wir bereits.
”
„Nein, das tut ihr nicht. ” Erik öffnete die Augen. „Denn Hartmann wusste es nicht nur. Er hat es geplant.
”
Stille. Katjas Herz schlug heftig. „Was meinst du? “, fragte sie mit rauer Stimme.
Erik sah sie an, seine Miene undurchdringlich. „Hartmann wusste, dass Walter und Anja zusammen waren. Er wusste, dass sie glücklich waren. Und er konnte es nicht ertragen.
”
Walter trat einen Schritt näher. „Komm zum Punkt! ”
Erik rieb sich über das Gesicht. „Hartmann hat Anjas Schwangerschaft von Anfang an beobachtet.
Und er hat sich vorbereitet. ”
Vorbereitet? Katjas Stimme zitterte. Erik nickte.
„Hartmann wollte Anja für sich, aber nicht mit Walters Kind. Er wollte sie brechen. Also ließ er Gerüchte streuen, manipulierte Menschen in ihrem Umfeld, sorgte dafür, dass sie sich isoliert fühlte. Und als sie am verletzlichsten war, schlug er zu.
”
Katja spürte, wie ihr Körper eiskalt wurde. „Du willst sagen, er hat alles inszeniert? ”
Erik nickte. „Er hat sie nicht nur entführt.
Er hat sie dazu gebracht, zu glauben, dass sie keine Wahl hatte. Er ließ sie denken, dass Walter sie verraten hatte, dass er sich eine neue Frau gesucht hatte. Er ließ sie glauben, dass sie allein war. ”
Walter fluchte leise.
„Das ist nicht wahr”, sagte er mit angespannter Stimme. Erik zuckte die Schultern. „Aber sie hat es geglaubt. Und als sie endlich ihre Tochter in Sicherheit bringen wollte, war es Hartmann, der den finalen Schlag plante.
Er ließ sie glauben, dass sie verfolgt wurde, dass sie sich verstecken musste. ”
Katjas Hände zitterten. „Und dann hat er mich ins Waisenhaus gebracht. ”
„Ja.
”
Walter schüttelte den Kopf, als könne er die Worte nicht fassen. „Er hat ihr nicht nur die Tochter genommen”, flüsterte er. „Er hat sie dazu gebracht, es selbst zu tun. ”
Katja fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
Hartmann hatte nicht einfach nur Menschen manipuliert, er hatte ein ganzes Leben zerstört. Sie sah Erik in die Augen. „Woher weißt du das alles? ”
Erik sah sie ernst an.
„Weil ich dabei war. ”
Walter sprang vor, seine Hand schnellte nach vorne und packte Erik am Kragen. „Du Mistkerl! Du hast uns beobachtet.
Du hast uns verraten. Du hast dabei geholfen, unser Leben zu zerstören. Und jetzt willst du Schutz? ”
Erik blieb ruhig.
„Ich habe nur Befehle ausgeführt. Ich war ein Bauer in seinem Spiel. Und jetzt will ich endlich aussteigen. ”
Walter atmete schwer, ließ ihn dann los und trat einen Schritt zurück.
Katja kämpfte gegen die Tränen. „Meine Mutter”, sie schluckte. „Hat sie jemals erfahren, dass alles eine Lüge war? ”
Erik sah sie lange an, dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Nein. ”
Katjas Herz brach. „Warum hat sie nicht versucht, mich zu finden? ”
Erik seufzte.
„Weil Hartmann ihr gesagt hat, dass du tot bist. ”
Katja fühlte, wie ihr Körper nachgab, als hätte jemand ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. „Nein”, flüsterte sie. „Doch”, sagte Erik leise.
„Er hat sie zerstört, Stück für Stück. Und als sie stark genug war, um zu fliehen, warst du bereits verschwunden. Es war zu spät. ”
Katjas Augen füllten sich mit Tränen.
Walter trat zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Wir haben dich gefunden”, sagte er leise. „Wir sind wieder zusammen. Das ist alles, was zählt.
”
Katja wollte das glauben, aber da war noch immer eine Frage, die sie nicht losließ. Sie sah Erik an. „Warum bist du jetzt hier? ”
Erik zögerte.
Dann sagte er:
„Weil Hartmann nicht der einzige war, der dich verschwinden lassen wollte. ”
Walter erstarrte. „Was? ”
Erik sah sie ernst an.
„Es gibt noch jemanden. Jemanden, der sich nicht damit abfinden will, dass du die Wahrheit erfahren hast. Jemanden, der immer noch im Schatten lauert. ”
Katja spürte, wie ihre Hände kalt wurden.
„Wer? ”
Erik zögerte. Dann sagte er mit ernster Stimme:
„Ich weiß es nicht genau. Aber ich weiß, dass diese Person noch immer hier ist.
”
Stille. Walter tauschte einen Blick mit Martin. „Wir müssen herausfinden, wer es ist. ”
Katja nickte langsam.
„Und diesmal werden wir keine Fehler machen. ”
Erik atmete tief durch. „Dann solltet ihr euch beeilen. Denn diese Person wird nicht einfach aufgeben.
”
Katja spürte, dass die nächste Wahrheit kurz davor war, ans Licht zu kommen. Und diesmal würde sie es nicht zulassen, dass die Dunkelheit sie verschlang. Das Gewicht von Eriks Worten lag schwer in der Luft. Jemand wollte nicht, dass Katja die Wahrheit erfuhr, und dieser Jemand war noch immer hier.
Katja konnte fühlen, wie ihr Herz in ihrer Brust raste. Alles, was sie geglaubt hatte, was sie gehofft hatte, endlich hinter sich lassen zu können, stürzte mit einem einzigen Satz ein. Walter war bleich geworden, seine Fäuste geballt, seine Kiefer angespannt. „Wer?
“, fragte er mit gefährlicher Ruhe. Erik sah ihn an. „Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Aber ich habe meine Vermutungen.
”
Katja fühlte, wie sich ihre Hände verkrampften. „Dann rede. ”
Erik lehnte sich nach vorne, seine Augen huschten zur Tür, als fürchtete er, dass jemand zuhören könnte. „Es gibt drei Leute, die in Frage kommen.
Drei Menschen, die über Jahre hinweg in diesem Haus waren, Zugang zu Informationen hatten und Kontakte zu Hartmann gepflegt haben könnten. ”
Walter verschränkte die Arme. „Dann nenn uns die Namen. ”
Erik nahm einen tiefen Atemzug.
„Der Erste ist jemand, den ihr vielleicht nicht erwartet. Bruno Schäfer. ”
Katja runzelte die Stirn. „Bruno, unser Gärtner?
”
Erik nickte. „Er arbeitet seit Jahrzehnten hier, nicht wahr? Unauffällig, zuverlässig, immer anwesend. Aber genau das macht ihn verdächtig.
Er hat Zugang zu allem, und niemand würde ihn je in Frage stellen. ”
Walter schüttelte den Kopf. „Bruno ist wie Familie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas mit dieser ganzen Sache zu tun hat.
”
Erik hob eine Augenbraue. „Genauso wenig konntet ihr euch vorstellen, dass Hartmann euch jahrzehntelang manipuliert hat. ”
Stille. Katja schluckte schwer.
„Wer ist der Zweite? ”
Erik sah sie an. „Lydia Sommerfeld. ”
Walter runzelte die Stirn.
„Meine Buchhalterin? ”
Erik nickte. „Sie hat Zugriff auf alle finanziellen Bewegungen dieses Hauses. Wenn jemand Geld an Hartmann überwiesen hat, dann hat sie es entweder bemerkt oder selbst dafür gesorgt.
”
Katja fühlte sich plötzlich unwohl. Lydia war immer höflich gewesen, immer professionell. Doch sie war auch verschlossen, und sie hatte sich auffällig aus der ganzen Sache herausgehalten. „Und der Dritte?
“, fragte Walter. Erik sah ihn lange an. Dann sagte er leise:
„Almut. ”
Katja spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Aber sie ist gegangen. ”
„Genau. Und warum? Weil sie wusste, dass ihr irgendwann auf sie kommen würdet.
”
Walter fluchte leise. „Sie hat behauptet, dass sie uns schützen wollte. ”
Erik lächelte bitter. „Vielleicht wollte sie das wirklich.
Oder vielleicht wollte sie nur, dass ihr sie nicht weiter verdächtigt. ”
Katja schüttelte den Kopf. „Aber sie war diejenige, die uns gesagt hat, dass jemand hier mit Hartmann gearbeitet hat. ”
„Vielleicht wollte sie euch in die falsche Richtung lenken”, sagte Erik ruhig.
„Oder vielleicht hat sie gehofft, dass sie Zeit gewinnt, bevor ihr die Wahrheit herausfindet. ”
Martin, der bisher still gewesen war, räusperte sich. „Dann gibt es nur einen Weg, das herauszufinden. ”
Katja nickte.
„Wir müssen sie alle konfrontieren. ”
Walter schüttelte den Kopf. „Nein, das ist zu riskant. Wenn einer von ihnen wirklich der Verräter ist, dann wird er sich verteidigen.
Und wir wissen nicht, wozu er fähig ist. ”
Katja biss sich auf die Lippe. „Was schlagen Sie dann vor? ”
Walter atmete tief durch.
„Wir müssen eine Falle stellen. ”
Erik lehnte sich zurück und grinste leicht. „Ich mag, wie du denkst. ”
Am Abend saßen sie alle in Walters Arbeitszimmer, während er seinen Plan erklärte.
„Wir werden eine Nachricht verbreiten, die nur jemand, der mit Hartmann gearbeitet hat, als Bedrohung sehen würde. ”
Martin nickte. „Was für eine Nachricht? ”
Walter sah zu Erik.
„Hast du noch Kontakte zu Hartmanns Leuten? ”
Erik zuckte die Schultern. „Ein paar. ”
„Gut.
Dann wirst du ein Gerücht in die Welt setzen. Sag, dass wir Beweise haben, Dokumente, die Hartmann belasten. Und dass wir wissen, wer hier in der Villa mit ihm gearbeitet hat. ”
Katja verstand sofort.
„Und dann warten wir darauf, dass der Verräter sich verrät. ”
Walter nickte. „Genau. ”
Martin warf einen skeptischen Blick auf Erik.
„Und du bist sicher, dass du das hinbekommst? ”
Erik grinste schief. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Geheimnisse zu verkaufen. Das ist ein Kinderspiel.
”
Die nächsten zwei Tage vergingen in angespannter Erwartung. Katja konnte kaum schlafen, kaum essen. Jeder in der Villa fühlte sich plötzlich wie ein Verdächtiger. Jeder Blick, jede Bewegung, jedes Gespräch schien doppelte Bedeutungen zu haben.
Dann, am dritten Tag, passierte es. Es war mitten in der Nacht, als Katja von einem Geräusch geweckt wurde. Ein leises Klappern. Sie setzte sich langsam auf, ihr Herz schlug schnell.
Dann Schritte, vorsichtige, schleichende Schritte. Sie stand langsam auf, bewegte sich lautlos zur Tür und spähte durch den Spalt. Jemand bewegte sich durch den Flur. Ein Schatten.
Katja folgte ihm, hielt den Atem an, als die Person den Flur entlang ging, direkt zum Arbeitszimmer. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet. Katja trat näher. Sie sah, wie eine Hand nach etwas griff, nach einer Mappe, dem Beweis, den Walter absichtlich hatte liegen lassen.
Der Schatten drehte sich um, und Katja riss überrascht die Augen auf. Lydia Sommerfeld. Katja schluckte schwer und wollte gerade zurückweichen. Doch dann hob Lydia langsam den Kopf, und ihre Augen trafen sich.
Für einen Moment herrschte absolute Stille, dann Bewegung. Lydia riss die Mappe an sich und stürmte los. Katja reagierte instinktiv. „Halt!
”
Doch Lydia rannte. Katja folgte ihr, ihre Füße schlugen laut auf den Marmorboden. Türen flogen auf. Walter trat aus seinem Zimmer, Martin aus dem Flur, und Erik stellte sich mit einem kalten Lächeln Lydia in den Weg.
Lydia hielt abrupt an, keuchte, drehte sich um. Doch da war Katja. Sie war gefangen. Ihr Blick huschte panisch umher, als suche sie nach einem Ausweg.
Walter trat langsam vor. „Warum, Lydia? ”
Lydias Brust hob und senkte sich schnell. Dann presste sie die Zähne zusammen.
„Weil Hartmann nicht der einzige war, der wollte, dass Katja verschwindet. ”
Katja erstarrte. „Was? ”
Lydia sah sie an.
„Jemand anderes hat mich bezahlt. Jemand, den ihr nicht erwartet. ”
Stille. Katja konnte ihren eigenen Herzschlag hören.
Dann sagte Lydia mit eiskalter Stimme:
„Eure eigene Familie. ”
Das Echo von Lydias letzten Worten lag wie ein dunkler Schatten über dem Raum. Eure eigene Familie. Katja konnte spüren, wie sich ihr Körper versteifte.
Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihr Herz schlug in einem ungleichmäßigen Rhythmus. Sie warf einen Blick zu Walter, doch sein Gesicht war eine starre Maske. Nur seine Kiefer, die sich immer wieder anspannten, verrieten, dass er innerlich tobte. Martin war der Erste, der sich bewegte.
Er trat einen Schritt näher auf Lydia zu, die noch immer schwer atmete. „Wer? “, fragte er mit fester Stimme. Lydia zögerte.
Katja konnte sehen, wie sich ihr Blick flackernd zwischen ihnen bewegte, als würde sie in ihrem Kopf überlegen, ob sie jetzt die Wahrheit sagen sollte oder ob es einen anderen Weg gab. Walter verlor die Geduld. Er trat mit einem entschlossenen Schritt direkt vor Lydia und packte sie am Arm. „Wer?
”
Lydia schnappte nach Luft, ihr Gesicht verzog sich vor Angst. Doch dann kam ein bitteres, leises Lachen aus ihrer Kehle. „Dachtest du wirklich, dass all das nur Hartmanns Werk war? “, sagte sie mit einer spöttischen Ruhe, die Katja noch mehr Angst machte als die Situation selbst.
Walter schüttelte sie leicht, als wolle er sie zur Vernunft bringen. „Du redest in Rätseln. Sag es endlich. ”
Lydia sah ihm direkt in die Augen.
„Dein Bruder. ”
Katja erstarrte. Walter ließ abrupt ihren Arm los, als hätte sie ihn verbrannt. „Nein”, flüsterte er.
Lydia nickte. „Oh doch. Theo Bergmann. ”
Das dunkle Familiengeheimnis.
Katja versuchte zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Walter hatte einen Bruder, Theo. Sie hatte diesen Namen vielleicht einmal oder zweimal gehört, als sie noch in der Villa gearbeitet hatte. Sie wusste, dass Walter einen Bruder hatte, aber er war nie da gewesen, nie in der Nähe, nie ein Teil von Walters Leben.
„Das kann nicht sein”, murmelte Walter, als würde er sich selbst überzeugen wollen. Lydia lachte bitter. „Du hast ihn unterschätzt, Walter. Genauso wie du Hartmann unterschätzt hast.
”
Walter trat einen Schritt zurück, als hätte ihn eine unsichtbare Faust in den Magen getroffen. „Warum? “, fragte er, seine Stimme rau, voller ungläubigem Schmerz. Lydia verschränkte die Arme vor der Brust.
„Warum wohl? Weil du ihn ausgestoßen hast. Weil du immer derjenige warst, der alles hatte: das Geld, die Macht, das Ansehen. Und Theo?
Er musste sich mit den Resten begnügen. ”
Katja spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Das ist ein Grund, dich zu hassen. Aber warum wollte er mich verschwinden lassen?
”
Lydia richtete ihren kalten Blick auf sie. „Weil du eine Bedrohung für ihn bist. ”
Katjas Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich kannte ihn nicht einmal.
”
„Das spielt keine Rolle. Du bist Walters Erbin, sein einziges Kind. Und das bedeutet, dass du ihn von dem Platz verdrängst, den er für sich beansprucht hat. ”
Walter presste die Lippen zusammen.
„Das ist absurd. Theo wollte das Familienvermögen nie. Er hat es abgelehnt. ”
Lydia lachte spöttisch.
„Das hat er dich glauben lassen. Die Wahrheit ist, dass er sich im Hintergrund gehalten hat, gewartet hat. Er wusste, dass er früher oder später eine Gelegenheit bekommen würde, dich zu stürzen. Und dann kam Katja.
”
Katja spürte, wie ihr Puls raste. Sie war also nur eine Schachfigur in einem alten Familienkonflikt. Walter schüttelte den Kopf. „Und wie passt Hartmann da hinein?
”
Lydia seufzte. „Sie haben sich verbündet. Theo wusste, dass Hartmann dich hasste. Hartmann wusste, dass Theo dich aus dem Weg haben wollte.
Also haben sie sich gegenseitig geholfen. ”
Katja fühlte, wie ihr Herz in ihrer Brust schmerzte. „Und was war dein Anteil daran? “, fragte sie scharf.
Lydia sah sie an, und für einen Moment sah sie fast bedauernd aus. „Ich habe nur meinen Job gemacht. ”
Walter lachte kalt. „Deinen Job?
Dein Job war es, mich zu hintergehen. ”
Lydia seufzte. „Ich habe Geld angenommen und Dinge organisiert. Mehr nicht.
”
Katja konnte es kaum glauben. „Mehr nicht? “, ihre Stimme bebte vor Zorn. „Du hast geholfen, mein Leben zu zerstören.
Du hast uns alle in Gefahr gebracht. ”
Lydia hob eine Augenbraue. „Und doch steht ihr hier lebendig? ”
Walter warf einen Blick auf Martin.
„Ruf die Polizei. ”
Lydia verzog das Gesicht. „Das wird nichts bringen, Walter. Ich bin nur ein Bauernopfer.
Theo ist der wahre Spieler. ”
Walter blieb eiskalt. „Mag sein. Aber du wirst trotzdem für das bezahlen, was du getan hast.
”
Martin zog sein Telefon heraus und wählte. Lydia gab keinen Widerstand. Stattdessen drehte sie sich langsam zu Katja um. „Theo wird dich nicht einfach in Ruhe lassen”, sagte sie.
Katja starrte sie an. „Ich werde nicht weglaufen. ”
Lydia lächelte schmal. „Dann wünsche ich dir viel Glück.
”
In diesem Moment betraten zwei Polizisten die Villa. Sie traten an Lydia heran und legten ihr Handschellen an. „Lydia Sommerfeld. Sie stehen unter Verdacht der Mittäterschaft an Entführung, Erpressung und versuchter Vertuschung einer Straftat.
”
Lydia zuckte mit den Schultern. „Ihr werdet mich nicht lange hier behalten können. ”
Walter sah sie mit verächtlichem Blick an. „Das ist mir egal.
Ich will dich einfach nur loswerden. ”
Lydia warf Katja einen letzten prüfenden Blick zu. Dann wurde sie abgeführt. Stille.
Walter ließ sich schwer in einen Stuhl sinken und fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht. Katja fühlte sich erschöpft, doch eine Frage ließ sie nicht los. Sie drehte sich zu Walter um. „Wo ist Theo jetzt?
”
Walter hob langsam den Blick. „Ich weiß es nicht. ”
Doch Katja konnte fühlen, dass er bald auftauchen würde. Und sie war bereit.
Die Worte „Wo ist Theo jetzt? ” hingen schwer in der Luft. Katja konnte spüren, wie sich eine unsichtbare Spannung durch den Raum zog. Lydia war weg, aber sie war nur eine Marionette gewesen.
Das wahre Spiel wurde von jemand anderem gespielt, von jemandem, der immer noch im Schatten lauerte. Walter saß mit versteinertem Gesicht auf dem Stuhl. „Theo wird nicht warten”, sagte er schließlich. „Er weiß, dass wir ihn jetzt suchen.
”
Martin stand an der Tür, das Handy in der Hand. „Ich lasse meine Kontakte in München nach ihm fahnden. Aber wenn er klug ist, hat er sich längst versteckt. ”
Katja konnte nicht ruhig sitzen bleiben.
„Ich will ihn sehen. Ich will, dass er mir ins Gesicht sagt, warum er das getan hat. ”
Walter sah sie an. „Das wird nicht so einfach sein, Katja.
”
Sie verschränkte die Arme. „Ich bin nicht mehr das naive Mädchen, das nichts wusste. Ich will Antworten. ”
Walter seufzte, dann nickte er langsam.
„Dann lassen wir ihn zu uns kommen. ”
Martin sah ihn verwirrt an. „Wie willst du das anstellen? ”
Walter richtete sich auf.
„Ich werde ihn rufen. ”
Die Nachricht war einfach, aber effektiv. Walter ließ in den richtigen Kreisen verbreiten: „Ich bin bereit zu reden. Ich weiß alles.
”
Die Antwort kam schneller als erwartet. Zwei Tage später, mitten in der Nacht, erhielt Walter eine anonyme Nachricht auf seinem Handy: „Morgen, 21 Uhr, das alte Jagdhaus. ”
Katja spürte eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit. „Das ist eine Falle”, sagte Martin sofort.
Walter nickte. „Natürlich ist es eine Falle. Aber wir haben keine andere Wahl. ”
Katja war bereits überzeugt.
„Ich gehe mit. ”
Walter wollte protestieren, doch sie sah ihm direkt in die Augen. „Er hat mein Leben zerstört. Ich werde nicht in diesem Haus sitzen und warten.
”
Walter atmete tief durch, dann nickte er. „Dann machen wir es richtig. ”
Der Wald war dunkel und still, als sie auf das verlassene Jagdhaus zugingen. Walter und Martin bewegten sich vorsichtig, ihre Augen scannten die Umgebung.
Katja spürte, wie ihr Herz raste, aber sie blieb ruhig. Dann eine Bewegung im Schatten. Ein Mann trat aus dem Dunkel. Groß, schlank, mit scharf geschnittenen Gesichtszügen und kühlen, berechnenden Augen.
Theo Bergmann. Katja erkannte ihn sofort. Sein Gesicht war Walter ähnlich, aber kälter, härter, voller Bitterkeit. Walter blieb stehen.
„Theo. ”
Theo musterte ihn mit einem spöttischen Lächeln. „Bruder. Es ist lange her.
”
Katja trat vor, ihre Hände zu Fäusten geballt. „Warum? ”
Theo sah sie an, als wäre sie ein unwichtiger Faktor in diesem Spiel. „Warum?
“, wiederholte er. „Weil du nicht existieren solltest, Katja. Dein Leben hat mir alles genommen. ”
Katja fühlte, wie der Zorn in ihr hochstieg.
„Ich habe dir nichts genommen. ”
Theo lachte leise. „Du hast meinen Platz genommen. Ich war derjenige, der an Walters Seite hätte stehen sollen.
Ich war derjenige, der das Erbe übernehmen sollte. Aber dann tauchst du auf, und plötzlich bin ich überflüssig. ”
Walter trat vor, seine Augen funkelten vor Wut. „Du hast dich selbst überflüssig gemacht, Theo.
Ich habe dich nie ausgeschlossen. Du hast dich abgewandt. ”
Theo verzog das Gesicht. „Weil ich nie eine Chance hatte.
Weil du immer der Favorit warst. Und dann dieses Mädchen. ” Sein Blick fiel wieder auf Katja, voller Hass. „Ich hätte dich schon damals verschwinden lassen sollen.
”
Katja spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Du hast mein Leben zerstört. Du hast mit Hartmann gearbeitet, um mich verschwinden zu lassen. ”
Theo lächelte kalt.
„Hartmann hatte seine eigenen Motive. Ich hatte meine. Es war eine einfache Allianz. ”
Walter knirschte mit den Zähnen.
„Und was jetzt, Theo? Willst du uns alle umbringen? ”
Theo zuckte mit den Schultern. „Ich will nur, dass du endlich begreifst, dass ich niemals verlieren werde.
”
Dann eine plötzliche Bewegung. Theo zog eine Waffe. Katja erstarrte. Walter reagierte instinktiv und trat vor Katja, doch Theo hob nur spöttisch eine Augenbraue.
„Ganz ruhig, Bruder. Ich bin nicht hier, um dich zu töten. Ich will nur, dass du mir endlich zuhörst. ”
Walter blieb stehen, seine Augen dunkel vor Wut.
„Ich höre zu. ”
Theo schnaubte. „Ich habe mit angesehen, wie unser Vater dich bevorzugt hat, wie du alles bekommen hast. Und dann kam sie, deine Tochter, dein neuer Liebling.
Ich wusste, dass du ihr alles geben würdest. Und ich wusste, dass ich nichts mehr wert sein würde. ”
Katja konnte fühlen, dass hinter seinem Hass noch etwas anderes steckte. „Das ist es also”, fragte sie leise.
„Eifersucht. ”
Theo sah sie an, sein Blick eisig. „Eifersucht? Nein.
Ich wollte nur nehmen, was mir zusteht. ”
Walter knurrte. „Das Einzige, was dir zusteht, ist ein Gefängnis. ”
Theo lachte leise.
„Ich denke nicht. ”
Dann Bewegung. Er drehte sich abrupt um und rannte in den Wald. Martin zog eine Waffe, doch Walter hob die Hand.
„Lass ihn gehen. ”
Katja keuchte. „Was? Wir müssen ihn aufhalten.
”
Walter sah ihr in die Augen. „Nein. Wir haben genug getan. Er wird sich selbst zerstören.
”
Katja wollte widersprechen, aber dann verstand sie. Theo hatte sein ganzes Leben mit Hass verschwendet. Und am Ende war er derjenige, der alles verloren hatte. Walter legte eine Hand auf ihre Schulter.
„Es ist vorbei, Katja. ”
Sie wollte es glauben. Und zum ersten Mal tat sie es auch. Die Tage nach Theos Flucht waren seltsam ruhig.
Lydia war verhaftet worden. Hartmann hatte sich in der Öffentlichkeit blamiert, und sein Ruf war zerstört. Theo war untergetaucht, aber Katja wusste, dass er sich nicht für immer verstecken konnte. Und sie, sie hatte endlich eine Familie.
Walter saß mit ihr am Frühstückstisch, die Zeitung in der Hand. Anja bereitete Kaffee zu, ein leises Lächeln auf den Lippen. Es war friedlich. Katja atmete tief durch.
Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich sicher. Walter sah sie an. „Was wirst du jetzt tun? ”
Katja lächelte leicht.
„Leben. ”
Walter nickte langsam. „Das klingt nach einem guten Plan.
”
Sie griff nach ihrer Kaffeetasse und spürte die Wärme in ihren Händen.


