Der Regen kam an diesem Samstag ohne jede Vorwarnung. Innerhalb weniger Minuten verwandelte er den liebevoll geschmückten Garten des kleinen Hotels Reinblick nahe Koblenz in ein verschwommenes Aquarell aus verlaufenden Farben und zerplatzten Träumen. Monika Weber stand im Brautraum, das elfenbeinfarbene Kleid schwer auf ihren Schultern, als hätte es jedes unausgesprochene Versprechen aufgesogen. Sie starrte auf ihr Handy, als könne sie es allein durch ihren Blick zum Klingeln zwingen.

45 Minuten. So lange war die Trauung bereits überfällig. Kein Anruf, keine Nachricht. Ihre Finger zitterten, als sie den Chatverlauf ein letztes Mal öffnete.
Die letzte Nachricht von Daniel war von gestern Abend: „Ich kann es kaum erwarten, morgen unsere Familie zu werden. Ich liebe euch beide. “ Beide. Das meinte sie und Lina, ihre sechsjährige Tochter.
Lina drehte sich gerade fröhlich in ihrem Blumenmädchenkleid im Kreis, völlig ahnungslos gegenüber dem Sturm, der sich im Inneren ihrer Mutter zusammenbraute.


