LONDON — Es war ein Plan, so makaber, so abwegig, dass er nur in den finstersten Stunden des Krieges geboren werden konnte, und dennoch veränderte er den Lauf des Zweiten Weltkriegs. Operation Mincemeat, die Deception-Operation, die mit einer Leiche und einem Koffer voller Lügen Adolf Hitler täuschte, gilt heute als einer der brillantesten und entscheidendsten Geheimdienstcoups der Militärgeschichte. Neue, kürzlich freigegebene Dokumente aus den Archiven des britischen Marineministeriums zeichnen nun ein noch detaillierteres Bild davon, wie ein obdachloser Waliser namens Glyndwr Michael als fiktiver Major William Martin die Achsenmächte in die Irre führte und damit Zehntausenden alliierter Soldaten das Leben rettete.
Der Ursprung dieser atemberaubenden Täuschung liegt im April 1943, als sich die Alliierten auf die Invasion Siziliens, Operation Husky, vorbereiteten. Das alliierte Oberkommando stand unter enormem Druck. Winston Churchill und Dwight D.
Eisenhower wussten, dass ein frontal Angriff auf die stark befestigte Insel katastrophale Verluste bedeuten würde, falls die Deutschen und Italiener ihre Verteidigung dort konzentrierten. Die Lösung war nicht eine größere Flotte oder mehr Bomben, sondern eine Lüge, perfekt inszeniert auf dem Meeresgrund der Geschichte. Es war Lieutenant Commander Ewen Montagu, ein Jurist, der zum Geheimdienstoffizier der Naval Intelligence Division geworden war, und Flight Lieutenant Charles Cholmondeley von der Royal Air Force, die in einem verrauchten Raum 13 des Admiralty-Gebäudes in London einen Plan ausarbeiteten, der auf einer skurrilen Idee aus dem sogenannten Forellen-Memo von Rear-Admiral John Godfrey aus dem Jahr 1939 basierte.
Die Idee: einem feindlichen Agenten gefälschte Papiere an einer Wasserleiche zuspielen.
Der Plan war von atemberaubender Kühnheit. Es galt, eine Leiche zu finden, die als britischer Offizier durchgehen würde, dessen Lungen mit Wasser gefüllt waren, um einen Flugzeugabsturz auf See zu simulieren, und die an der Küste des neutralen Spaniens angespült werden sollte, wo ein dichtes Netzwerk deutscher Spione die britischen und alliierten Aktivitäten beobachtete. Die Wahl fiel auf Glyndwr Michael, einen 34-jährigen obdachlosen Mann aus Aberbargoed in Südwales, der im Januar 1943 in einem Lagerhaus in King’s Cross nach der Einnahme von Rattengift gestorben war.
Die Gerichtsmedizin, unter der Aufsicht des berühmten Pathologen Sir Bernard Spilsbury, stellte fest, dass sein Körper ideal war. Keine sichtbaren Wunden, keine Vergiftungsspuren, die nach der Verwesung im Meerwasser nachweisbar wären, und seine Lungen konnten perfekt die physiologischen Anzeichen eines Ertrinkens imitieren.
Am 19. April 1943 wurde die Leiche in einem kalten, schwach beleuchteten Leichenschauhaus in London identitätsstiftend auf den Namen Major William Martin getauft. Die Inszenierung war obsessiv.
Sein Gesicht wurde unkenntlich gemacht, seine Lungen wurden mit Wasser getränkt. Er wurde in eine vollständige Uniform der Royal Marines gekleidet, komplett mit Brieftasche, die mit allen Details eines echten Lebens gefüllt war: abgerissene Theaterkarten, eine Rechnung eines Schneiders in der Savile Row, ein Foto einer hübschen Frau namens Pam, in Wirklichkeit Jean Leslie, eine junge Angestellte des MI5, die ihr Bild für die Mission zur Verfügung stellte. Liebesbriefe, geschrieben von MI5-Offizieren mit genau der richtigen Mischung aus Zuneigung und Alltäglichkeit, ein Brief des Vaters, Schlüssel, sogar der Stummel einer Fahrkarte.
Jede Falte, jeder Tintenfleck, sogar die Fingerabdrücke wurden akribisch platziert, um der deutschen Spionageabwehr standzuhalten.
An die Handgelenke wurde ein Aktenkoffer gekettet. Er enthielt die Krönung der Täuschung: offizielle Dokumente, die einen bevorstehenden Angriff auf Griechenland und Sardinien beschrieben, während Sizilien nur als Köder erwähnt wurde. Ein Brief von Lieutenant-General Archibald Nye, dem stellvertretenden Chef des Imperialen Generalstabs, an General Sir Harold Alexander in Nordafrika war voller verräterischer Details.
Die Papiere mussten so überzeugend sein, dass die Deutschen keine andere Wahl hatten, als ihnen zu glauben. Die Herstellung der Dokumente war eine Kunst für sich, selbst das Papier und die Tinte mussten der offiziellen Ausrüstung des Kriegsministeriums entsprechen.
Die Reise der Leiche begann am 24. April 1943, als sie in einen Metallbehälter mit Trockeneis versiegelt wurde, der als “optische Instrumente” beschriftet war und an Bord des britischen U-Bootes HMS Seraph unter dem Kommando von Lieutenant-Commander Bill Jewell gebracht wurde. Nur Jewell und seinen leitenden Offizieren wurde die Wahrheit über die Fracht anvertraut, die sie in die Bucht von Huelva in Spanien bringen sollten.
Am 30. April 1943, in der kalten, nebligen Dämmerung vor der Küste, tauchte die Seraph auf. Die See war ruhig, fast unheimlich still.
Um 4:30 Uhr morgens wurde der Kanister auf das Deck gehievt. Jewell las laut eine kurze Anweisung des Admiralitätshauptquartiers: „Zur Durchführung der Operation Mincemeat gemäß den Anweisungen. “ Dann wurde die Leiche, bekleidet als Major Martin, auf einer Trage in die See gesetzt.
Ein kurzes Gebet wurde gesprochen, und dann glitt der Körper mit einem leisen Platschen ins Wasser, trieb kurz auf und wurde dann von der Strömung Richtung spanische Küste gezogen. Um die Szene eines abgestürzten Flugzeugs zu simulieren, feuerte die Seraph noch einige Schüsse ins Wasser und tauchte ab.
Am 1. Mai 1943, kurz nach Sonnenaufgang, entdeckten lokale Fischer einen Körper, der in Tang verheddert an der Küste bei Huelva trieb. Die spanischen Behörden wurden alarmiert, ebenso der britische Vizekonsul Francis Haselden, der seine Besorgnis über den Verlust geheimer Dokumente gekonnt vortäuschte, ohne zu viel Druck auszuüben.
Die Deutschen, angeführt von dem Abwehr-Agenten Adolf Claus, der als Leiter der deutschen Schifffahrtsgesellschaft in Huelva ein ausgedehntes Netzwerk in der spanischen Aufklärung hatte, waren wie geplant alarmiert. Innerhalb von Stunden wusste die deutsche Botschaft in Madrid von dem Fund, und ein Telegramm wurde direkt nach Berlin geschickt. Die spanische Marine öffnete den Aktenkoffer, und deutsche Agenten durften heimlich jede Seite abfotografieren und kopieren, bevor die Papiere getrocknet, neu versiegelt und dem britischen Konsul zurückgegeben wurden, der behauptete, alles sei in Ordnung.
Die deutsche Führung biss sofort an. Am 10. Mai 1943 erhielt Berlin den vollständigen Bericht über den Abwehr.
Admiral Wilhelm Canaris, der Chef des militärischen Geheimdienstes, leitete ihn an Hitlers Hauptquartier in der Wolfsschanze weiter. Hitler, immer misstrauisch, aber verzweifelt auf der Suche nach verlässlichen Informationen, war überzeugt. Er befahl Feldmarschall Erwin Rommel, Griechenland und Sardinien zu befestigen, und verlegte mehrere Panzerdivisionen und Luftwaffengeschwader von Sizilien weg.
Die Wirkung war verheerend für die Achse. Die alliierte Invasion Siziliens, die am 9. Juli 1943 begann, stieß auf eine desorganisierte, geschwächte Verteidigung, weil die Deutschen ihre Kräfte im gesamten Balkan und in der Ägäis gebündelt hatten.
In London warteten Montagu und Cholmondeley in höchster Anspannung. Am 12. Mai 1943 kam die Bestätigung durch Ultra-Decrypts von Bletchley Park.
Deutsche Funksprüche zeigten, dass das Oberkommando der Wehrmacht seine Mittelmeerverteidigung auf die Ägäis konzentrierte. Ein abgefangener OKW-Spruch lautete: „Feindbewegungen deuten auf alliierte Invasion Griechenlands hin. Verstärkungen für den Peloponnes-Sektor angefordert.
Sizilien-Verteidigung bleibt sekundär. “ Der Leichenfund hatte die Erwartungen übertroffen. Ewen Montagu erinnerte sich später: „Die Leiche hatte die Lüge perfekt geliefert.
“ Die Ränke um Italien, die Kapitulation Mussolinis und der Zusammenbruch der Achsenmacht in Südeuropa, all das waren direkte Folgen dieser einen brillanten Täuschung. Die Genialität der Operation, so betonen Historiker heute, lag nicht nur in der perfekten Fälschung der Dokumente, sondern in dem Verständnis der menschlichen Psychologie der deutschen Entscheidungsträger.
Der Preis für diesen Erfolg war die Identität eines Mannes, der nie seinen eigenen Namen trug. Glyndwr Michael, der obdachlose Waliser, dessen Körper die Inszenierung ermöglichte, wurde unter dem falschen Namen Major William Martin in einem Ehrengrab auf dem Friedhof Nuestra Señora in Huelva beigesetzt. Die spanischen Einheimischen pflegten sein Grab jahrzehntelang mit größtem Respekt, singend von dem englischen Offizier, der für sein Land gestorben war.
Erst 1998, über ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, machte die britische Regierung die Dokumente offiziell zugänglich, und erst da wurde Glyndwr Michaels Name auf dem Grabstein neben seinem Alias hinzugefügt. Die Pfleger des Friedhofs weinten, als sie die Wahrheit erfuhren. Für sie war er immer real gewesen, ein Held, der seine Pflicht getan hatte.
Für das britische Empire war er der Mann, der nie war, und seine stille Reise hatte mehr bewirkt als ganze Divisionen von Soldaten. Die Operation Mincemeat gilt heute als Meisterleistung des strategischen Betrugs, ein Triumph des Intellekts über die rohe Gewalt, eine Geschichte, in der jedes Zigarettenstummel, jeder gefaltete Brief zu einer schärferen Waffe wurde als jede Klinge.



