Der 18. Prozesstag im Mordfall Fabian vor dem Landgericht Rostock brachte erneut keine endgültige Antwort, aber viele Details, die den Fall noch verstörender wirken lassen. Im Mittelpunkt standen private Ermittlungsversuche, digitale Spuren, emotionale Aussagen von Polizistinnen und die Frage, wie die Angeklagte Gina H. am Tag des Leichenfundes auf ihr Umfeld wirkte. Besonders ein Detail wurde in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen: Warum trug Gina H. am 14. Oktober 2025, dem Tag, an dem Fabians Leiche gefunden wurde, falsche Wimpern? Für sich allein ist das kein Beweis. Doch in einem Prozess, in dem Verhalten, Auftreten und Kommunikation genau betrachtet werden, wird selbst ein solches Detail zum Teil eines größeren Bildes.
Der Fall Fabian erschüttert Mecklenburg-Vorpommern seit Monaten. Der achtjährige Junge aus Güstrow verschwand im Oktober 2025. Vier Tage später wurde seine verbrannte Leiche an einem Tümpel bei Klein Upahl gefunden. Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. vor, Fabian getötet und seinen Leichnam anschließend verbrannt zu haben. Nach der Anklage soll der Junge mit mehreren Messerstichen getötet worden sein. Die Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen; für sie gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.
Am 18. Prozesstag rückte zunächst ein Vorgang in den Fokus, der selbst den Vorsitzenden Richter fassungslos machte: private Ermittlungen rund um Fabians digitale Konten. Nach Angaben im Gericht soll ein aus dem Fernsehen bekannter Privatermittler der Mutter des Jungen Hilfe angeboten haben. Ein unbekannter Dritter habe sich daraufhin gemeldet und vorgeschlagen, Fabians Chatnachrichten auszuwerten. Dafür wurden offenbar Zugangsdaten benötigt. Mit Zustimmung der Mutter soll Zugriff auf Fabians Google-Konto erfolgt sein; die Polizei stellte später fest, dass sich ein anderes Gerät einloggte und das Passwort geändert wurde. Der Richter äußerte die Sorge, dass dadurch mögliche Beweismittel gefährdet oder sogar vernichtet worden sein könnten.
Dieser Punkt ist brisant, weil digitale Spuren in modernen Strafverfahren eine enorme Rolle spielen. Handys, Google-Konten, Online-Spiele, Chats und Standortdaten können zeigen, wann ein Gerät genutzt wurde, wer Zugriff hatte und welche Kommunikation stattfand. Doch genau deshalb müssen solche Daten sauber gesichert werden. Wenn Außenstehende ohne polizeiliche Kontrolle auf Konten zugreifen, entsteht sofort die Frage: Wurde etwas verändert? Ging etwas verloren? Können Ermittler später noch sicher sagen, welche Daten ursprünglich vorhanden waren? In einem Mordprozess kann schon ein kleiner Zweifel an der Beweissicherung große Bedeutung bekommen.
Parallel dazu schilderten Polizistinnen im Gericht ihre Eindrücke vom Fundort. Eine Beamtin, die zu den ersten Einsatzkräften gehörte, brach während ihrer Aussage in Tränen aus. Der Anblick der verbrannten Kinderleiche habe sie bis heute belastet. Sie beschrieb eine Schocksituation und machte deutlich, wie schwer dieser Einsatz für sie war. Nach ihrer Darstellung habe Gina H., die den Fund der Leiche meldete und die Polizei zum Ort führte, vor Ort nicht tief emotional erschüttert gewirkt, sondern kooperativ und gesprächig. Ihre Aussagen seien klar formuliert gewesen, fast wie zurechtgelegt.
Genau hier beginnt die schwierige juristische Einordnung. Menschen reagieren in Extremsituationen sehr unterschiedlich. Manche brechen zusammen, andere wirken ruhig, kontrolliert oder seltsam distanziert. Deshalb darf aus einem äußeren Eindruck allein nicht auf Schuld geschlossen werden. Dennoch betrachten Gerichte in Indizienprozessen auch Verhalten, Sprache und Reaktionen, wenn sie mit anderen Spuren zusammenpassen. Im Fall Fabian werden solche Beobachtungen deshalb nicht isoliert stehen, sondern neben technischen Auswertungen, Zeugenaussagen, Chatverläufen und möglichen Widersprüchen geprüft.
Auch das äußere Auftreten von Gina H. am 14. Oktober wird in diesem Kontext diskutiert. Die Frage nach falschen Wimpern wirkt zunächst fast nebensächlich, vielleicht sogar irritierend. Doch für Prozessbeobachter steht dahinter ein größerer Gedanke: Wie bereitete sich die Angeklagte auf diesen Tag vor? Wirkte sie wie eine zufällige Finderin in einer Schocksituation – oder wie jemand, der auf eine bestimmte Szene vorbereitet war? Auch hier gilt: Ein kosmetisches Detail beweist nichts. Es kann höchstens eine Wahrnehmung verstärken, wenn andere Aussagen und Spuren in dieselbe Richtung weisen.
Besonders schwer wiegen im Verfahren weiterhin die digitalen Auswertungen. Bereits an früheren Prozesstagen wurden umfangreiche Handydaten der Angeklagten thematisiert. Berichtet wurde unter anderem über zahlreiche Sprachnachrichten, Telefonate, Messenger-Nachrichten, auffällige Suchanfragen und Widersprüche rund um ihr Verhalten am mutmaßlichen Tattag. Auch eine Reinigung ihres Autos und Suchbegriffe zu Leichen oder Wildschweinen wurden öffentlich erwähnt. Die Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden.diese
Damit zeigt sich der Prozess immer stärker als Indizienverfahren, in dem viele kleine Teile zusammengefügt werden müssen. Die Anklage versucht, aus Verhalten, digitaler Kommunikation, Suchanfragen, Zeugenaussagen und der Auffindesituation ein Gesamtbild zu formen. Die Verteidigung wird dagegen prüfen, wo Interpretationen zu weit gehen, wo Daten mehrere Erklärungen zulassen und wo private Eingriffe in digitale Konten die Beweissicherheit infrage stellen könnten.
Der 18. Prozesstag machte deshalb vor allem eines deutlich: Der Fall Fabian bleibt juristisch und emotional hoch aufgeladen. Eine Polizistin weint vor Gericht, weil sie den Fundort nicht vergessen kann. Ein Richter zeigt sich fassungslos über private digitale Ermittlungsversuche. Die Angeklagte schweigt weiter, während jedes Detail ihres Verhaltens neu bewertet wird. Und über allem steht die Frage, ob das Gericht am Ende aus diesen vielen Spuren eine sichere Wahrheit formen kann.
Fabian war acht Jahre alt. Sein Tod verlangt Antworten. Doch Antworten müssen vor Gericht nicht nur erschütternd klingen, sondern beweisbar sein. Genau daran wird sich entscheiden, ob aus den vielen offenen Fragen am Ende ein Urteil entsteht, das juristisch trägt.




