Der 19. Prozesstag im Mordfall Fabian aus Güstrow hat vor dem Landgericht Rostock erneut gezeigt, wie schwer es ist, in diesem Verfahren ein klares Bild der Angeklagten Gina H. zu zeichnen. Auf der einen Seite stehen Aussagen, die sie als besorgte, teilweise sogar fürsorgliche Frau beschreiben. Auf der anderen Seite stehen düstere Vorwürfe, psychologische Auffälligkeiten, Widersprüche in ihrem Alltag und der Verdacht, sie habe versucht, aus der Untersuchungshaft heraus Einfluss auf wichtige Personen zu nehmen. Der Prozess bleibt damit nicht nur juristisch, sondern auch menschlich hochkompliziert.
Im Zentrum dieses Verhandlungstages stand die Frage, wer Gina H. wirklich ist – oder zumindest, welches Bild sich aus den Aussagen vor Gericht ergibt. Eine Polizistin beschrieb die Angeklagte am Tattag als besorgt. Solche Beobachtungen sind im Gerichtssaal wichtig, weil sie helfen sollen, Verhalten und Reaktionen einzuordnen. Doch sie sind zugleich gefährlich, wenn sie vorschnell interpretiert werden. Menschen können unter Schock ruhig wirken, sie können besorgt erscheinen, ohne unschuldig zu sein, oder gefasst auftreten, obwohl sie innerlich zusammenbrechen. Genau deshalb muss das Gericht jedes Detail mit Vorsicht betrachten.
Noch komplexer wurde das Bild durch die Aussage ihres Psychotherapeuten. Nach dessen Darstellung soll Gina H. unter psychischen Belastungen gelitten haben, darunter Symptome, die mit einer Borderline-Problematik und sozialer Phobie in Verbindung gebracht wurden. Solche Diagnosen oder Beschreibungen können in einem Mordprozess eine wichtige Rolle spielen, vor allem wenn später ein psychologisches oder psychiatrisches Gutachten über Schuldfähigkeit und Persönlichkeitsstruktur bewertet werden muss. Doch zugleich warf die Aussage neue Fragen auf. Denn das Bild einer sozial stark eingeschränkten, arbeitsunfähigen Frau scheint auf den ersten Blick schwer vereinbar mit anderen Angaben über ihren Alltag.
Besonders auffällig ist der Widerspruch zwischen der behaupteten Belastung und ihrem Umgang mit Pferden. Gina H. soll Reitturniere besucht und mehrere Pferde versorgt haben. Wer Pferde hält oder regelmäßig mit ihnen arbeitet, weiß: Das ist körperlich, organisatorisch und emotional anspruchsvoll. Füttern, Stallarbeit, Versorgung, Training, Fahrten und Turniere verlangen Struktur, Verlässlichkeit und Belastbarkeit. Genau deshalb wirkt dieser Punkt für Prozessbeobachter brisant. Wenn jemand als kaum arbeitsfähig dargestellt wird, aber gleichzeitig ein aktives und verantwortungsvolles Leben rund um mehrere Tiere führt, stellt sich die Frage, wie diese Gegensätze zusammenpassen.
Juristisch bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass eine psychische Erkrankung unglaubwürdig ist. Menschen mit psychischen Problemen können in manchen Lebensbereichen funktionieren und in anderen stark eingeschränkt sein. Jemand kann soziale Situationen meiden, aber im vertrauten Umfeld oder bei einer leidenschaftlichen Tätigkeit aktiv wirken. Dennoch darf das Gericht solche Widersprüche prüfen. Denn sie können entscheidend dafür sein, ob Gina H. eher als überforderte, instabile Frau erscheint – oder als Person, die bestimmte Schwächen strategisch betont, wenn es ihr nützt.
Für besondere Aufmerksamkeit sorgten außerdem Aufnahmen aus der Justizvollzugsanstalt. Nach der im Prozess geschilderten Zusammenfassung sollen diese Aufnahmen den Eindruck vermittelt haben, Gina H. habe versucht, ihren Ex-Freund zu beeinflussen. Sollte das Gericht diesen Eindruck teilen, könnte dies für die Bewertung ihres Verhaltens nach der Tat wichtig sein. Denn wer aus der Haft heraus versucht, Aussagen oder Einschätzungen anderer Menschen zu lenken, wirkt nicht nur verzweifelt, sondern möglicherweise auch taktisch. Genau hier entsteht ein neuer Widerspruch: Ist Gina H. eine psychisch belastete Frau, die aus Angst und Überforderung handelt – oder jemand, der auch in schwieriger Lage kontrolliert und manipulierend agiert?
Gleichzeitig stellte eine Mitarbeiterin des Jugendamtes offenbar ein anderes Bild dar. Sie beschrieb Gina H. als liebevoll im Umgang mit ihrem eigenen Kind. Auch das ist für den Prozess relevant, weil es zeigt, dass die Angeklagte nicht eindimensional betrachtet werden kann. Ein Mensch kann in einem Bereich fürsorglich wirken und in einem anderen schwere Vorwürfe auf sich ziehen. Genau diese Widersprüchlichkeit macht den Fall so schwer zu greifen. Für die Öffentlichkeit ist der Wunsch nach einem klaren Täterbild groß. Doch vor Gericht sind Menschen selten einfache Figuren aus Gut und Böse. Dort zählen Beweise, Verhaltensmuster, Gutachten und Zusammenhänge.
Der 19. Prozesstag zeigte deshalb vor allem, wie sehr das Gericht zwischen unterschiedlichen Erzählungen abwägen muss. Da ist die Gina H., die als besorgt beschrieben wird. Da ist die Patientin mit psychischen Problemen. Da ist die Frau, die offenbar trotz Einschränkungen aktiv mit Pferden arbeitete. Da ist die Mutter, die von einer Jugendamtsmitarbeiterin als liebevoll wahrgenommen wurde. Und da ist die Angeklagte, gegen die der schwerste Vorwurf im Raum steht: der Mord an einem achtjährigen Kind.
Für die Staatsanwaltschaft können Widersprüche in der Selbstdarstellung ein wichtiger Punkt sein. Wenn psychische Belastungen einerseits betont werden, andererseits aber Alltag und Verhalten auf mehr Stabilität hindeuten, könnte das die Glaubwürdigkeit bestimmter Angaben schwächen. Für die Verteidigung wiederum können psychische Erkrankungen, emotionale Instabilität und biografische Belastungen wichtige Erklärungsansätze liefern. Entscheidend wird sein, wie das ausstehende Gutachten diese Punkte einordnet. Es könnte Antworten darauf geben, welche psychische Struktur bei Gina H. vorliegt, wie belastbar frühere Diagnosen sind und welche Bedeutung sie für die strafrechtliche Bewertung haben.
Der Mordfall Fabian bleibt damit ein Indizienprozess voller emotionaler und psychologischer Spannung. Die Tat selbst erschüttert, weil ein Kind tot ist. Doch der Prozess erschüttert zusätzlich, weil er zeigt, wie schwer Wahrheit zu finden ist, wenn Verhalten, Krankheit, Selbstbild und Tatvorwurf ineinanderlaufen. Nach dem 19. Prozesstag bleiben mehr Fragen als Antworten.
War Gina H. eine verzweifelte, psychisch kranke Frau, die von ihrem Leben überfordert war? Oder war sie trotz aller Diagnosen fähig, kontrolliert, berechnend und manipulierend zu handeln? Diese Frage darf nicht die Öffentlichkeit entscheiden. Sie liegt beim Gericht. Der Prozess pausiert nun mehrere Wochen. Doch die Spannung bleibt, denn nach der Pause könnte genau das psychologische Gutachten zum Schlüssel werden, der erklärt, welches Bild von Gina H. am Ende vor Gericht Bestand hat.



