»Valeria, geht es Ihnen schlecht? Soll ich Ihnen Wasser bringen, damit Sie Ihre Medizin nehmen können? «
Aurelia stand am Bett der Schwiegermutter, fast wie ein Wachhund. »Nein, Aurelia, ich brauche nichts«, flüsterte Valeria.

»Und nenn mich bitte beim Vornamen. Ich bin noch nicht so alt. «
»Gut«, nickte Aurelia. »Aber sollten wir nicht wenigstens einen Notfallknopf installieren?
«
»Nein. Lauf jetzt zur Arbeit, sonst kommst du zu spät. «
Kaum war Aurelia gegangen, holte Valeria einen Umschlag unter der Matratze hervor. Sie betrachtete die Fotos, schloss die Augen und stöhnte leise.
In ihrer Situation war die Flucht die einzig vernünftige Option. Dreißig Jahre zuvor war sie in einem teuren Designerkleid aus dem Standesamt getreten, arm in Arm mit Gregor. Jung, schön, ein Traumpaar. Gregor war ein erfolgreicher Geschäftsmann, im Ring als »der Wilde« bekannt, trainiert von Gero Talheim, dem Anführer einer kriminellen Gruppe.
Mit solchen Kontakten lief das Geschäft. Zur Hochzeit kaufte er ihr eine große Gewerbefläche. Valeria richtete einen Brautmodenladen, einen Friseursalon und ein Nagelstudio ein. Sie war klug und ehrgeizig; der Name ihres Mannes schützte sie vor Konkurrenz.
Doch der Wohlstand zerbrach. Gregor versank im Glücksspiel, häufte Schulden an und verschwand eines Tages spurlos. Die Gläubiger kamen. Eines Morgens lagen die Schaufenster ihres Salons in Scherben.
Da suchte Valeria Schutz bei Falco, einem alten Freund Gregors, der inzwischen die ganze Macht in der Stadt besaß. Falco beschützte sie bis zu seinem Tod. Aus ihrer Beziehung stammte Bennet, der auf Gregors Namen registriert wurde. Bennet hielt Gregor für seinen Vater.
Valeria ließ sich nie scheiden; Gregor galt als verschollen, nicht als tot. Jetzt war der Beschützer tot, und die Vergangenheit holte sie ein. Aurelia fuhr zur Arbeit und dachte an die Schwiegermutter, die sie lieb gewonnen hatte. Dass diese stolze, schöne Frau so schnell alterte, schien ungerecht.
Sie rief Bennet an. »Könntest du einmal nachdenken, bevor du anrufst? Wann kommst du aus deiner Geschäftsreise zurück? Deiner Mutter geht es immer schlechter.
Vielleicht sollten wir einen Notfallknopf installieren. Sie ist den ganzen Tag allein. «
»Ach was, zusätzliche Kosten«, lachte Bennet. »Der Salon ist ohnehin geschlossen, und ich drucke kein Geld.
«
»Man könnte ihn wieder öffnen. Der Stillstand schadet dem Geschäft. «
»Wer soll ihn leiten? Du mit deiner Ausbildung als Sonderpädagogin?
«
Aurelia schwieg. In der Kita war sie zu Hause. Schon im Kinderheim war sie das ruhige, verantwortungsbewusste Mädchen, das alle tröstete. Wegen ihrer auffälligen Nase mit dem Höcker hatte sie nie jemand adoptieren wollen.
Die Komplexe waren geblieben, aber nicht ihre Fähigkeit, für andere da zu sein. Am Eingang der Kita wartete Justus, ihr Freund aus dem Heim. »Hast du schon wieder geweint? «
»Wegen meiner Schwiegermutter.
Es geht ihr sichtlich schlechter, aber niemand kümmert sich darum. «
Die Leiterin Frau Dr. Petersen mochte Aurelia nicht, fand aber keinen Kündigungsgrund. An diesem Morgen versetzte sie sie in die Maxigruppe.
»Wenn ich noch einmal höre, dass du zu spät gekommen bist, kündige ich dir fristlos. «
Während Aurelia arbeitete, lag Bennet bei seiner Geliebten Swenja. Seine Geschäftsreise war längst vorbei. Swenja träumte vom Schönheitssalon der Schwiegermutter.
»Wenn deine Mutter stirbt, schenkst du mir dann den Salon? «
»Mal sehen, wie du dich benimmst. «
»Lass dich scheiden. Heirate mich.
Wir bekommen Kinder. «
Bennet winkte ab. Das Ausbleiben von Kindern kam ihm gelegen; so hielt er Aurelia klein. Noch ahnte er nicht, dass seine Mutter zu Hause einen seltsamen Arzt empfing: Jannick Felsing, ein Mann mit flackerndem Blick, der nach Alkohol roch.
Als Aurelia nach Hause kam, saß Valeria nicht im Bett, sondern in einem motorisierten Rollstuhl. »Ist das eine Verschlechterung? «, fragte Aurelia. »Sie ist doch noch in Stöckelschuhen gelaufen.
«
»Alles unter Kontrolle«, lächelte Felsing. »Wir haben fast eine Remission erreicht. «
»Natürlich. Eine Kranke wird in den Rollstuhl gesetzt.
«
»Ich habe selbst darum gebeten«, empörte sich Valeria. Aurelia schlug vor, einen befreundeten Neurologen zu einer zweiten Meinung hinzuzuziehen. Valeria wurde eisig: »Das ist meine Sache. Wag es nicht, mit irgendjemandem über meinen Gesundheitszustand zu sprechen.
«
Als Aurelia später das Bett frisch bezog, fand sie unter der Matratze einen Umschlag. Fotos: Valeria saß in einem Café, mit einem unbekannten Mann. Das Datum am Rand war ein Tag, an dem die schwerkranke Frau angeblich nicht aus dem Bett gekommen war. Aurelia wurde klar: Das war alles Inszenierung.
In den nächsten Tagen fand sie beim Aufräumen im Außengelände der Kita ein seltsames elektronisches Gerät. Justus erkannte es sofort: eine Wanze mit Cloud-Aufnahmefunktion. Er programmierte sie um und erklärte ihr, wie man die Aufnahmen abhört. Noch am selben Abend installierte Aurelia das Gerät im Schlafzimmer der Schwiegermutter.
Zwei Tage später saß sie mit Justus am Computer. Sie hörten, wie Valeria aufstand und zur Tür ging. Dann sprach sie mit Jannick Felsing. »Ist alles sauber?
Keine Wanzen oder andere Überwachung? «, fragte Valeria. »Die Person, an der du interessiert bist, hat sich noch nicht gemeldet«, antwortete Felsing. »Ich habe sogar Angst, Aurelia den Salon zu überlassen.
«
»Das solltest du auch nicht. Genau um den Salon kreisen die Geier. Man hat euch aufgespürt. Ich habe dir gesagt, du sollst abtauchen und dich nicht blicken lassen.
«
»Wer hätte gedacht, dass die alten Schulden so lange nachwirken? «, seufzte Valeria. »Bleib liegen und spiel die Sterbende, bis sich die Dinge ändern. Du musst durchhalten, bis dieser Gregor gefunden und gefasst wird.
«
Ein Geist aus der Vergangenheit. Also versteckte sich Valeria vor ihrem totgeglaubten Ehemann. Am nächsten Tag wurde Aurelia in die Kita zitiert. Im Büro standen Carsten und Luisa Richter, die Eltern von Timo, zusammen mit der Leiterin.
»Sie haben unseren Sohn geschlagen und beleidigt«, kreischte Frau Dr. Petersen. »Gibt es Beweise? «
Carsten Richter brüllte: »Ich habe meinem Sohn eine Wanze angehängt.
Er hat sie verloren, aber ich habe hysterische Schreie aufgezeichnet. «
»Ich würde die Aufnahme gern hören. Falls sie existiert. «
Darauf kündigte ihr die Leiterin fristlos wegen Personalabbau.
Die wütende Aurelia konnte es nicht ändern; Justus tröstete sie. Dann eilte sie nach Hause, um allein mit Valeria zu sprechen. Valeria stand im Bademantel in der Küche und kochte Kaffee. »Ah, also doch eine Remission?
«, fragte Aurelia bitter. »Sind Sie nicht müde, die Kranke zu spielen? Ihr angeblicher Arzt ist gar keiner. «
Valeria erstarrte.
»Woher weißt du das? «
»Ich habe eine Wanze installiert. Ich dachte, Felsing sei ein Erpresser. Aber Sie sind seine Komplizin.
Ich weiß auch von den Fotos unter Ihrer Matratze. «
Valeria seufzte. »Komm in die Küche. Ohne Kaffee wird das nichts.
«
Sie setzte sich. »Vor dreißig Jahren war ich sicher, dass Gregor in einem anonymen Grab liegt. Vor zwei Monaten tauchte er plötzlich auf. Er schickte eine Nachricht in den Salon und verlangte ein Treffen.
Jannick hat mich begleitet und die Fotos gemacht – mit Datum, als Beweis. Er ist übrigens kein Arzt, sondern ein guter Jurist. Ich habe die Krankheit nur gespielt, damit Gregor nicht im Salon auftaucht. Seine Schulden sind nicht verjährt.
Damals konnte nur Falco sie abwehren. Aber die Schulden hängen an Gregor, ob er lebt oder tot ist. «
»Und Bennet? Er ist nicht Gregors Sohn, oder?
«
»Nein. Er ist Falcos Sohn. «
Aurelia schwieg. »Was will Gregor?
«
»Geld, Hilfe. Er hat inzwischen einen Sohn in deinem Alter, Kilian. Er hat nach Bennets Nummer gefragt. Ich habe sie ihm gegeben.
Er hat mich in die Enge getrieben. «
Am Abend scrollte Aurelia durch soziale Netzwerke. Auf einem Foto sah sie ihren Mann – mit einer fremden Frau auf dem Schoß. Sie fand das Profil der Geliebten und die Wahrheit über seine angeblichen Geschäftsreisen.
Wütend rief sie bei Bennets Firma an. »Bennet hat sich für die nächsten drei Tage freigenommen«, sagte sein Chef. »Er arbeitet sowieso schon lange nicht mehr richtig. « Kurz darauf wurde die Kündigung vorbereitet.
Aurelia schrieb Bennet, dass sie die Scheidung einreicht. Sie packte ihre Sachen. Valeria bat sie: »Bitte lass mich nicht allein. Bennet ist weg, Jannick hat andere Kunden.
Ich halte die Einsamkeit nicht aus. «
»Gut. Aber ich reiche trotzdem die Scheidung ein. «
»Denk noch einmal nach.
Wir verstehen uns doch so gut. «
»Diese Ehe war von Anfang an ein Fehler. «
Währenddessen wurde Bennet auf dem Weg von seiner Geliebten von einem Mann mit Sturmhaube gestoppt. Er musste losfahren.
Als der Fremde die Maske abnahm, keuchte Bennet: »Vater? Weiß Mutter, dass du lebst? «
»Sie weiß es. Wie hätte ich dich sonst finden sollen?
Wir machen eine DNA-Analyse. Ich muss sicher sein, dass du wirklich mein Sohn bist. «
Bennet ließ sich die Probe abnehmen. Zu Hause empfing ihn seine Mutter putzmunter.
»Du bist nicht gelähmt? «, rief er. »Mein Sohn ist ein Idiot«, schrie Valeria. »Du bist zu Gregor gerannt.
Er ist nicht dein Vater. Falco war dein Vater. «
Bennet aber träumte weiter vom schnellen Geld und hielt zu Gregor. Bald darauf rief Gero Talheim bei Valeria an.
»Wie unvorsichtig du bist. Sag mir, wo Gregor sich versteckt. «
»Woher soll ich das wissen? «
»Ach, du hast ihn schon immer verraten.
Wir finden ihn. «
Die Männer Talheims schnappten Gregor und brachten ihn zu seinem alten Trainer. »Du wirst deine Schulden in meinem Logistikzentrum abarbeiten«, sagte Talheim. »Ich bringe dich nicht um, ich rette dir das Leben.
Aber vergiss die Vergebung. «
Gregor wandte den Kopf ab und schwieg. Dann tauchte Kilian auf. In Valerias Salon stand ein junger Mann, Gregor wie aus dem Gesicht geschnitten.
»Ich bin Kilian. Wo ist mein Vater? Er ist vor über einem Monat hierhergefahren und verschwunden. «
Valeria gab ihm Talheims Nummer.
Noch am selben Abend traf Kilian den alten Gangster, mit einem versteckten Aufnahmegerät in der Tasche. »Lassen Sie meinen Vater frei«, verlangte er. »Sonst gehe ich zur Polizei. «
Talheim seufzte.
»Ich habe dich gewarnt. « Er winkte. Männer stürmten herein, schlugen Kilian zusammen und warfen ihn an einer Baustelle ab. Ein Pfarrer, der die kriminelle Szene vor Jahren verlassen hatte, fand den blutüberströmten jungen Mann und rief Krankenwagen und Polizei.
Bei Kilians Sachen steckte der Stift mit der Aufnahme. Damit hatte die Polizei endlich Beweise gegen Talheim. Eine Spezialeinheit befreite fast hundert Gefangene. Auch Gregor wurde frei.
Er fuhr sofort ins Krankenhaus, wo sein Sohn bewusstlos lag. Als eine Bluttransfusion nötig war, gab Gregor Blut für Kilian und blieb an seinem Bett. Valeria rief Aurelia an: »Fahr mich bitte ins Krankenhaus. Ich kann nicht Auto fahren.
«
Als sie das Krankenzimmer betraten, öffnete Kilian die Augen. Er sah Aurelia und flüsterte: »Mädchen, bin ich gestorben? Du bist so schön wie ein Engel. «
»Das denken Sie nur wegen der Narkose.
«
»Versprich mir, dass du wiederkommst. «
Von diesem Tag an trafen sie sich täglich. Aurelia ließ sich scheiden. Valeria verkaufte den Salon und das Haus, um die alten Schulden zu begleichen.
Auch Timos Vater hatte seinen Fehler erkannt und bot Aurelia eine Stelle als Nanny für seine kleine Tochter an. Drei Monate später stand Kilian wieder auf eigenen Beinen. Er machte Aurelia einen Heiratsantrag. Gregor und Valeria reichten gleichzeitig ihre Anträge ein, und alle vier feierten am selben Tag Hochzeit.
Bennet blieb mit leeren Händen zurück. Aurelia und Kilian bereiteten sich darauf vor, junge Eltern zu werden.


