„Wenn wir so ein kleines Baby kriegen, dann nehme ich es als Köder. Genau richtig. Babe zieht jetzt alles durch. “
Ich stand mit der Angelrute unter dem Steg, die Sonne brannte auf das Wasser, und der Wind war so stark, dass ich Angst hatte, mein Handy würde mir aus der Hand gerissen werden.

Wir hatten den perfekten Platz gefunden, schattig und ruhig, genau unter dem Dock. Neue Lieblingsecke, das stand fest. „Du glaubst gar nicht, wie schön es hier ist“, rief ich in die Kamera. „Das ist jetzt unser neuer Treffpunkt, okay?
“
Die Zuschauer im Chat quittierten das mit einer Mischung aus Lachern und Emojis. Ich grinste, drehte mich einmal um die eigene Achse und hoffte, dass ich dabei nicht ausrutschte. Die Holzbohlen waren feucht, und der Seetang darunter glitzerte im flachen Wasser. „Ach, Faith?
“, sagte ich in Richtung meiner Freundin, die ein paar Meter weiter ebenfalls ihre Rute ausgeworfen hatte. „Reden wir nicht über den Kerl. Der Typ ist ein Spinner, Mann. “
Eine Hype-Train-Benachrichtigung ploppte auf.
„Level drei erreicht! Jay, du bist ein Schatz. Ohne dich hätten wir das nie geschafft. “
Ich schüttelte den Kopf und konzentrierte mich wieder auf die eigentliche Frage, die mich gerade wirklich beschäftigte.
„Also, Leute, was fressen Bluegills lieber? Shrimp oder Wurm? “
Der Chat spaltete sich. Die einen meinten Shrimp, die anderen schworen auf Würmer.
„Wisst ihr was? “, sagte ich. „Wir haben da unten ein paar kleine Baby-Barsche gesehen. Winzig.
So groß. “ Ich hielt Daumen und Zeigefinger etwa zehn Zentimeter auseinander. Ich beugte mich über die Reling und spähte ins Wasser. Die Fische schossen hin und her, kleine Schatten in der trüben Brühe.
Einer schien direkt unter meinem Köder zu schwimmen. „Oh, ich sehe sie. Ich sehe sie! “
Mein Kreischen hallte über den Steg.
„Der da – guck dir den an. Der schaut mich direkt an. “
Der Chat lachte. „Ende der Kultur“, tippte jemand.
„Halt die Klappe“, lachte ich. „Ich bin hier ernsthaft am Angeln. “
Ich hatte einen kleinen blauen Shrimp an meinen Haken gespießt, so einen gefrorenen Cocktail-Shrimp aus der Tüte. Das Ding war kaum größer als mein Fingernagel, aber für die kleinen Fische unter dem Dock schien es trotzdem zu groß zu sein.
„Guckt mal, sie knabbern dran“, flüsterte ich. „Sie knabbern echt dran. “
Ich hielt die Schnur gespannt, wartete auf den leichten Ruck. „Okay, er hat es genommen“, sagte ich.
„Ich glaube, er hat es genommen. “
Dann war der Fisch weg. „Leute, ich weiß nicht, wo er hin ist. Kommt schon.
Ich hab das hier im Griff. Ich hab das definitiv im Griff. “
Inzwischen war die Sonne höher gestiegen und die Luft schien über dem Wasser zu flimmern. Ich schob mir die Sonnenbrille hoch und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
Der Geruch, der von meinen Händen aufstieg, war erbärmlich – nach Fisch und altem Wasser und garantiert nach allem anderen auch. „Ich stinke grauenhaft“, gab ich zu. „Wirklich grauenhaft. “
Faith lachte von drüben.
„Du hast wohl keine Ahnung, wie man mit dem Zeug umgeht. “
„Ich hab noch nie so gestunken“, sagte ich. „Das bleibt für immer in meiner Haut. “
Ich wechselte die Position und warf die Rute ein Stück weiter ins Wasser, näher an eine schattige Ecke unter dem Steg, wo sich die kleinen Fische versteckten.
„Sollen wir einfach alles reinwerfen und sehen, was passiert? “, fragte ich. „Ich meine, Chumming, oder? Einfach alles rein.
“
„Ja, das wäre am effektivsten“, antwortete Faith. „Klingt aber deprimierend. “
„Wovon redest du? “
„Wir haben noch nichts gefangen, Faith.
Wir sitzen hier unter einem Steg, werfen Shrimp ins Wasser, und nicht ein einziger Fisch hat angebissen. “
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich sag ja nur. “
Ich drehte mich wieder zur Kamera.
„Alles klar, Leute, neue Strategie. Wir nehmen den kleinen Shrimp, ziehen die Schale ab, halbieren ihn und machen ihn schön klein. Dann können die Kleinen ihn vielleicht besser nehmen. “
Ich fummelte an dem winzigen Haken herum, der in meinen Fingern glänzte.
„Der ist echt winzig“, murmelte ich. „Vielleicht ist der Wurm das Problem. Oder der Haken. “
Der Chat meldete sich wieder.
„Nimm den kleinen Shrimp“, schrieb jemand. „Bluegills mögen Shrimp. “
„Stimmt! “, rief ich.
„Ich erinnere mich jetzt wieder. Bluegills lieben Shrimp. Das ist wahr, Leute. Das ist wirklich wahr.
“
Ich nahm eine neue, kleine Garnele aus der Tüte, zog die Schale ab und schnitt sie in der Mitte durch. Dann spießte ich sie vorsichtig auf den Haken. „So, und jetzt schmeißen wir das Ding rein“, sagte ich. „Ganz vorsichtig.
“
Ich holte aus und warf. Der Köder segelte durch die Luft und landete mit einem leisen „Plopp“ im Wasser. „Und jetzt heißt es warten. “
Ich lehnte mich zurück und beobachtete die Oberfläche.
Die Wellen kräuselten sich leicht, vom Wind getrieben. „Ist das nicht friedlich? “, fragte ich leise. „Man hört nur das Wasser.
Das ist wie ASMR. “
Der Chat stimmte zu. Ich lauschte dem Plätschern und dem entfernten Rauschen der vorbeifahrenden Boote. „Okay, Moment“, sagte ich.
„Da bewegt sich etwas. “
Ich spitzte die Augen. Unter der Wasseroberfläche, genau unter meinem Köder, schoss ein Schatten herum. „Die schauen es an.
Sie schauen es direkt an. “
Mehrere Fische versammelten sich um den kleinen Shrimp. Sie kreisten, stießen dagegen, aber keiner biss wirklich zu. „Die wollen es nicht, Leute“, sagte ich.
„Krass. Die wollen meinen Shrimp einfach nicht. “
„Vielleicht ist er zu groß“, antwortete Faith. „Ja, vielleicht.
“
Ich seufzte und zog die Schnur wieder ein. Noch einmal versuchte ich mein Glück mit einem halben Wurm, doch das Ergebnis war dasselbe: Die Fische schauten, knabberten, schluckten aber nicht. „Das ist ein Verbrechen“, sagte ich. „Die nehmen keinen Shrimp.
Was stimmt mit denen nicht? Die sind doch nicht richtig im Kopf. “
Ich schaute auf meine Uhr. Wir waren jetzt schon über eine Stunde hier.
„Leute, ich werde langsam müde davon“, gestand ich. Der Chat versuchte mir Mut zu machen. Jemand schrieb: „Nur Geduld, Faith. Die kommen schon noch.
“
Und dann, als ich gerade aufgeben wollte, kam eine Benachrichtigung auf meinem Bildschirm. „Ich hab eine Spende! “, rief ich. „Jay, danke für deine riesige, riesige, riesige Spende!
Was zur Hölle – ein Riesending! “ Ich musste lachen. „Ich liebe dich, Jay. Wirklich.
“
Ich drehte mich einmal um mich selbst, wie ein kleines Kind, das ein Geschenk bekommen hat. „Alles klar, wir holen uns jetzt einen neuen Köder“, sagte ich mit neuer Energie. „Und dann klappt das mit dem Fischen. Das verspreche ich euch.
“
Der Wind wehte mir die Haare ins Gesicht, und ich musste grinsen. Wir waren immer noch leer, aber irgendwie war es trotzdem ein guter Tag. Der Steg war ruhig, das Wasser glitzerte, und die Hoffnung, dass irgendwann ein kleiner Bass anbeißen würde, war noch nicht ganz erloschen. „Also, Leute, nächster Versuch.
Kleiner Shrimp, kleiner Haken, und dann sehen wir, was passiert. Wenn das nicht klappt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. “
Faith stand inzwischen neben mir und zeigte auf einen bestimmten Fleck im Wasser. „Da ist einer.
Der große. Der mit dem dunklen Streifen. “
„Wo? “
„Ganz hinten, rechts neben dem Pfosten.
“
Ich riss die Augen auf. Tatsächlich, da bewegte sich etwas. Ein kräftiger, etwas größerer Fisch als die anderen, der langsam unter unserem Köder kreuzte. „Das ist ein guter Fisch“, sagte ich.
„Der sieht lecker aus. “
„Wenn du ihn fängst, dann braten wir ihn heute Abend. “
„Abgemacht. “
Ich hielt die Rute fest, ließ den Köder genau vor seine Nase sinken.
Der Fisch schoss nach vorne, stieß gegen den Shrimp, zuckte zurück. „Komm schon, komm schon“, flüsterte ich. Er kam wieder, schnappte nach dem Köder, ließ ihn wieder los. „Er will nicht“, sagte ich.
„Warum will er nicht? “
„Der wartet vielleicht, bis du wegsiehst. “
„Das ist doch Quatsch. “
Aber ich sah trotzdem für einen Moment weg, in den Chat hinein.
„Okay, wer hat Tipps? Was macht man, wenn die Fische nicht beißen? “
Der Chat antwortete sofort: „Köder kleiner machen“, schrieb einer. „Geduld haben“, schrieb eine andere.
Ich drehte mich wieder zum Wasser. Der Fisch war verschwunden. „Na toll. “
Faith zuckte die Achseln.
„Der kommt wieder. Die sind alle da drüben unter dem Steg. Wir haben gute Chancen. “
Ich nickte, atmete tief durch und warf die Rute erneut aus.
Diesmal landete der Köder direkt neben einem kleinen Schwarm. „Sie schauen“, sagte ich. „Sie schauen auf den Shrimp. Jetzt nehmen sie ihn gleich.
“
Ich zog die Schnur ein Stück zurück, bewegte den Köder auf und ab, so wie man es mir in den Videos gezeigt hatte. „Das ist der Trick“, murmelte ich. Und dann – spürte ich einen Ruck. „Moment.
Moment, Moment, Moment. “
Ich riss die Rute hoch. Die Schnur spannte sich. Der Ruck wurde stärker.
„Ich hab was! Ich hab was! “
In meiner Stimme lag die Überraschung eines Menschen, der nicht wirklich mit Erfolg gerechnet hatte. Ich begann, die Schnur einzuholen, vorsichtig, um nichts zu riskieren.
„Halt die Kamera drauf“, rief ich Faith zu. „Das müssen alle sehen. “
Und tatsächlich: Am Ende meiner Schnur zappelte ein kleiner, silbrig glänzender Fisch. Er konnte nicht größer als meine Hand sein, aber er war da.
„Oh mein Gott! “
Ich zog ihn über die Reling, hielt ihn vorsichtig fest. Er glitzerte in der Sonne. „Guckt euch das an“, sagte ich stolz.
„Jetzt hab ich einen. Nach all der Zeit. Ein kleiner Bass. Genau so einen wollte ich haben.
“
Ich hielt ihn hoch, damit der Chat ihn sehen konnte. „Und jetzt? “, fragte Faith. „Jetzt bohren wir ihm eine zweite Rute durch den Kopf und benutzen ihn als Köder“, sagte ich mit einem müden Grinsen.
Faith sah mich kurz an. „Das ist nicht lustig. “
„Ist es auch nicht“, gab ich zu. „Der ist zu klein.
Das ist ein Baby. Den setzen wir zurück. “
„Das dachte ich mir. “
Ich kniete mich hin, hielt den Fisch vorsichtig ins Wasser und ließ ihn los.
Er zögerte einen Moment, stieß mit der Nase gegen meine Finger, und dann schoss er davon – zurück in seinen Schwarm unter dem Steg. „Na dann“, sagte ich leise. „Wir haben es ja zumindest probiert. “
Ich hob meine Rute wieder auf, schaute auf das glitzernde Wasser und dann in die Kamera.
Der Blick, den ich hatte, war nicht der eines zufriedenen Anglers, sondern der eines Menschen, der gerade gelernt hatte, dass man manchmal mit dem zufrieden sein muss, was man hat – mit kleiner Beute, mit einem ruhigen Tag unter einem Steg, mit einem Fisch, den man gerade eben wieder zurückgesetzt hat. Der Wind war immer noch da, das Wasser plätscherte leise gegen die Holzpfeiler, und irgendwo in der Ferne hupte ein Boot. Ich hörte den Klang, lächelte und warf die Rute erneut aus. „Ein letzter Versuch“, sagte ich zu Faith.
„Dann gehen wir nach Hause. “
Sie nickte. „Klingt gut. “
Ich sah zum Himmel hinauf, dann spürte ich, wie der letzte Sommerwind über meine Haut strich, und ich dachte: Genau dafür macht man das.
Nicht für den Fang, sondern für diesen Moment. Der nächste Ruck kam prompt, und ich riss die Rute wieder hoch. Ein weiterer kleiner Bass zappelte am Haken. Diesmal grinste ich und zeigte ihn der Kamera, bevor ich ihn sanft zurückgleiten ließ.
„Jetzt hab ich’s verstanden“, sagte ich. „Die wollen einfach nur gespielt werden. “
Wir lachten, packten unsere Sachen zusammen und gingen den feuchten Steg entlang zurück ans Ufer. Keine große Beute, keine epische Geschichte.
Aber irgendwie war es trotzdem ein guter Tag gewesen. „Bis morgen, ihr Lieben“, rief ich zum Abschied in die Kamera. „Und denkt dran: Manchmal ist der kleinste Fisch der schönste Fang.
“


