Der 18. Verhandlungstag im Mordprozess gegen die 30-jährige Gina H. vor dem Landgericht Rostock hat am Dienstag neue Erkenntnisse gebracht, die das zentrale Indiz der Staatsanwaltschaft ins Wanken bringen könnten.
Die Aufnahmen einer Überwachungskamera, die einen orangefarbenen Ford Ranger Pickup zur Tatzeit nahe der Wohnung des getöteten achtjährigen Fabian zeigen, sind nach Ansicht der Verteidigung nicht eindeutig dem Fahrzeug der Angeklagten zuzuordnen. Rechtsanwalt Andreas Om verwies vor Gericht auf mindestens ein weiteres identisch aussehendes Fahrzeug in der Region, was die Beweiskraft der Aufnahmen erheblich infrage stellt.
Die Diskussion um die Videoaufnahmen eskalierte am Nachmittag, als das Gericht Bild für Bild des Materials aus einem Elektrofachgeschäft in Güstrow sichtete. Der Pickup war gegen 10:45 Uhr in Richtung der Wohnung des Opfers gefahren und zehn Minuten später zurückgekehrt. Der Fahrer blieb auf den unscharfen, stark verpixelten Aufnahmen unerkannt.
Die Staatsanwaltschaft hatte das Kennzeichen des Fahrzeugs als wichtiges Indiz gewertet, doch ein Gutachten zur Identifizierung des Nummernschildes steht noch aus. Die Verteidigung pocht auf das abschließende Gutachten des Landeskriminalamtes, das in den kommenden Wochen erwartet wird.
Die Angeklagte selbst hatte in wechselnden Alibis zugegeben, am Tattag mit ihrem Auto unterwegs gewesen zu sein, um Besorgungen für ihre Großeltern zu erledigen. Doch die Unsicherheit um die Identität des Fahrzeugs nährt Zweifel an der Anklage. Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H.
vor, den Jungen aus Rache an ihrem Ex-Partner, Fabians Vater, getötet zu haben. Die toxische Beziehung zwischen den beiden war bereits in früheren Verhandlungstagen dokumentiert worden, doch am Dienstag traten neue Details zutage, die das Bild der Angeklagten weiter verdüstern.
Die dritte Zeugin des Tages, eine 40-jährige Polizeibeamtin aus dem Kriminalkommissariat Güstrow, schilderte eindringlich die Kommunikation zwischen Gina H. und Matthias R. in den Tagen vor und nach dem Verschwinden des Jungen.
Die Beamtin hatte das Smartphone des Vaters ausgewertet und berichtete von zahlreichen Streitereien, getrennten Schlafplätzen und gegenseitigen Vorwürfen. Besonders belastend war ihre Darstellung des Verhaltens der Angeklagten während der akuten Suche nach Fabian. Gina H.
habe den verzweifelten Vater mit Nachrichten bombardiert, ohne ein einziges Mal nach seinem Befinden zu fragen. Stattdessen habe sie sich selbst in die Opferrolle begeben und Unterstützung nur unter der Bedingung angeboten, dass Matthias explizit darum bitte.
Die Beamtin beschrieb die Tonalität der Sprachnachrichten als distanziert und desinteressiert. Es habe sich alles nur um die Angeklagte gedreht, um ihre Probleme, ihre Traurigkeit und ihr schlechtes Befinden. Am 12.
Oktober, zwei Tage nach dem Verschwinden des Jungen, schickte Gina H. dem Vater sogar liebevolle Pärchenfotos, was die Zeugin als absolut empathielos wertete. Die Angeklagte zeigte während dieser Aussage eine deutliche Verhaltensänderung, wirkte plötzlich in sich gekehrt, spielte mit einem Ball aus Alufolie und starrte zu Boden.
Die vierte Zeugin, eine 33-jährige Polizeibeamtin, die am 14. Oktober am Fundort von Fabians Leiche eingesetzt war, brachte das Gericht mit ihren emotionalen Schilderungen zum Schweigen. Sie berichtete, dass die Angeklagte sie und ihren Kollegen zu dem abgelegenen Tümpel in Klein Upal geführt habe, wo der Junge tot aufgefunden wurde.
Gina H. sei dabei auffallend redselig und kooperativ gewesen, habe aber keinerlei emotionale Erschütterung gezeigt. Die Beamtin brach während ihrer Aussage in Tränen aus und entschuldigte sich für ihre Gefühle.
Sie beschrieb den Zustand der Leiche als entsorgt wie Müll, dem die letzte Würde genommen worden sei.
Die Polizistin erinnerte sich an ein ungewöhnliches Detail: die Angeklagte trug am Fundort Reithose und Reitstiefel, aber vor allem ihre extrem langen, aufgeklebten Wimpern seien ihr aufgefallen. Der psychiatrische Gutachter griff dieses Detail später auf, um die angespannte Atmosphäre im Saal zu entspannen. Die Beamtin bestätigte, dass Gina H.
damit sehr viel geblinzelt habe, was ihr in dem Moment aufgefallen sei. Die Angeklagte selbst zeigte während der gesamten Aussage keinerlei Regung und blickte emotionslos auf den Tisch vor sich.
Die Verteidigung setzte am Ende des Verhandlungstages noch einen weiteren Akzent. Rechtsanwalt Andreas Om erklärte, dass der Vater Matthias R. nach der offiziellen Trennung im August wieder aktiv den Kontakt zu Gina H.
gesucht habe. Das Beziehungsende sei für die Angeklagte nicht aus heiterem Himmel gekommen, womit das von der Staatsanwaltschaft angeführte Motiv der Rache hinfällig sei. Die Staatsanwaltschaft hält dagegen an ihrer Anklage fest, die auf einer Vielzahl von Indizien beruht, darunter die toxische Beziehung, die wechselnden Alibis und das Verhalten der Angeklagten nach der Tat.
Der Vorsitzende Richter Holger Schütt beendete die Sitzung um 14:42 Uhr und unterbrach die Hauptverhandlung bis zum kommenden Donnerstag, den 9. Juli. Dann wird ein Psychologe aussagen, bei dem die Angeklagte lange Zeit in Behandlung war.
Die geplante Vernehmung ihres Hausarztes entfällt, da Gina H. am 7. Juli ihre Einwilligung zur Entbindung von der Schweigepflicht widerrufen hat.
Nach diesem Verhandlungstag wird das Gericht in eine vierwöchige Sommerpause gehen, bevor das Verfahren am 6. August mit weiteren Zeugenbefragungen fortgesetzt wird.
Die Frage, ob die Staatsanwaltschaft ihre Indizienkette halten kann oder ob die Verteidigung mit ihren Zweifeln an der Beweiskraft der Videoaufnahmen Erfolg haben wird, bleibt offen. Die Diskussion um den orangefarbenen Pickup wird sich in den kommenden Wochen zuspitzen, wenn das abschließende Gutachten des LKA vorliegt. Bis dahin bleibt der Fall Fabian ein Rätsel, das die Öffentlichkeit in Atem hält.
Die Angeklagte zeigt sich trotz der schweren Vorwürfe weiterhin gelöst, scherzt mit ihren Verteidigern und lacht. Die Mutter des getöteten Jungen hingegen kämpft mit den Tränen, während die Polizistin ihre Erinnerungen an den Fundort schildert. Der Prozess wird noch viele Monate dauern, und die Wahrheit über das Schicksal des kleinen Fabian bleibt vorerst im Dunkeln.


