Der 18. Prozesstag im Mordfall Fabian: Warum plötzlich die Trovatos im Fokus standen, wie ein TV-Ermittler mögliche Beweismittel berührte und welche technischen Spuren Gina H. weiter belasten

Der Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow bleibt auch am 18. Verhandlungstag vor dem Landgericht Rostock ein Verfahren voller Brüche, offener Fragen und irritierender Details. Während die Öffentlichkeit vor allem auf belastbare Antworten im Tod eines Kindes wartet, rückte an diesem Prozesstag plötzlich ein Name in den Mittelpunkt, der eher aus dem Fernsehen bekannt ist als aus einem hochsensiblen Mordverfahren: Trovato. Die Enthüllung sorgte im Gerichtssaal für Fassungslosigkeit, denn es ging nicht um eine harmlose Randnotiz, sondern um den Umgang mit möglichen digitalen Beweismitteln im Fall eines vermissten und später getöteten Kindes.

Nach den im Verfahren geschilderten Angaben soll sich ein TV-Ermittler aus dem Umfeld der Trovatos von Fabians verzweifelter Mutter die Zugangsdaten zum Google-Konto ihres Sohnes geben lassen haben. In einer Situation, in der Angehörige unter enormem emotionalem Druck standen und jede Spur zählen konnte, soll er sich eigenmächtig in das Konto eingeloggt haben. Besonders brisant: Er soll sogar das Passwort geändert haben – ohne Wissen und ohne Abstimmung mit der Polizei. Für ein Mordverfahren ist ein solcher Eingriff hochproblematisch. Digitale Spuren müssen gesichert, dokumentiert und nachvollziehbar ausgewertet werden. Wenn Außenstehende ohne klare Befugnis auf Konten zugreifen, kann das später Zweifel an der Beweissicherheit auslösen.Vor Ort beim Prozess um Fabian: „Warum tut jemand so etwas?“

Der Richter reagierte entsprechend deutlich. Der Vorgang wurde als kaum nachvollziehbar und dilettantisch empfunden. Denn wer in einem laufenden Vermissten- oder Mordfall Zugriff auf digitale Daten nimmt, berührt möglicherweise Informationen, die für Ermittler entscheidend sein könnten: Chats, Suchverläufe, Standortdaten, Kontakte, gespeicherte Geräte oder Sicherheitsmeldungen. Wird dabei ein Passwort verändert, kann das nicht nur technische Abläufe stören, sondern auch die Frage aufwerfen, ob Daten verändert, überschrieben oder unvollständig gesichert wurden. In einem Verfahren, in dem jedes Detail zählt, kann ein solcher Eingriff schwer wiegen.

Noch irritierender wirkt der Vorwurf, dass über TikTok ein Fremder gesucht worden sein soll, um Chats auszulesen. Sollte sich dies so bestätigt haben, zeigt es, wie gefährlich die Vermischung von privater Ermittlungsinitiative, Social-Media-Dynamik und realer Strafverfolgung werden kann. Natürlich ist verständlich, dass Angehörige in einer Ausnahmesituation nach jedem möglichen Hinweis greifen. Doch genau deshalb braucht es klare Grenzen. Ein Mordfall ist kein TV-Format, kein Internet-Rätsel und kein Raum für improvisierte Datensuche durch Unbefugte. Ermittlungen müssen rechtsstaatlich, sauber und beweissicher geführt werden.

Parallel zu diesem irritierenden Trovato-Komplex standen am 18. Prozesstag erneut technische Auswertungen im Mittelpunkt. Vier Polizistinnen sagten aus. Dabei ging es laut Berichten unter anderem um die Auswertung mehrerer Mobiltelefone, Nachrichten, Datenbewegungen und die Frage, welche Kommunikation im Umfeld des getöteten Fabian nachvollzogen werden konnte. Gerade in diesem Prozess spielen digitale Spuren eine große Rolle. Schon zuvor war bekannt geworden, dass Handydaten der Angeklagten Gina H. aus Sicht der Ermittler auffällige Punkte enthalten sollen. Dazu gehören Phasen ungewöhnlichen Handyverhaltens, gelöschte Kontakte und weitere digitale Auffälligkeiten.

Besonders belastend wirkt aus Sicht der Anklage der Vorwurf massiver Löschungen. Wenn Kontakte oder Nachrichten in größerem Umfang verschwinden, stellt sich automatisch die Frage nach dem Warum. Wollte jemand Ordnung schaffen, private Inhalte entfernen – oder sollten Spuren beseitigt werden? Diese Frage kann nur das Gericht im Zusammenhang mit allen Beweisen bewerten. Für sich allein beweist eine Löschung noch keine Tat. Doch in Verbindung mit anderen Indizien kann sie ein wichtiges Puzzleteil sein.

Auch ein Video eines orangefarbenen Pickups soll eine Rolle spielen. Nach der Darstellung im Prozess könnte es ein Fahrzeug zeigen, das mit der Angeklagten in Verbindung gebracht wird und möglicherweise in Tatortnähe unterwegs war. Die Verteidigung zweifelt jedoch an der Identifizierung. Das ist ein zentraler Punkt. Denn verpixelte oder undeutliche Aufnahmen können zwar Ermittlungen in eine Richtung lenken, aber vor Gericht müssen sie einer strengen Prüfung standhalten. Ist wirklich erkennbar, welches Fahrzeug zu sehen ist? Passt der Zeitpunkt? Passt die Strecke? Gibt es weitere Daten, die die Interpretation stützen? Oder bleibt am Ende nur ein Verdacht, der nicht gerichtsfest bewiesen werden kann?

Der Fall Fabian zeigt damit erneut die besondere Schwierigkeit eines Indizienprozesses. Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. vor, den achtjährigen Jungen im Oktober 2025 getötet zu haben. Fabian war zunächst verschwunden, später wurde seine Leiche bei Klein Upahl gefunden. Die Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen, und für sie gilt die Unschuldsvermutung. Das Gericht muss daher nicht nur prüfen, welche Spuren auffällig wirken, sondern ob sie zusammen eine sichere Überzeugung ergeben. Einzelne Ungereimtheiten, gelöschte Daten, Handybewegungen oder Fahrzeughinweise müssen am Ende in ein Gesamtbild passen.Fabian-Prozess: Zeugen zeichnen belastendes Bild der Angeklagten

Genau deshalb ist der Trovato-Aspekt so heikel. Wenn private oder mediale Akteure in einem frühen Stadium eines Falls eigenmächtig handeln, kann das Ermittlungen nicht nur erschweren, sondern auch die Verteidigung stärken. Denn jede unklare Datenberührung, jede nicht dokumentierte Zugriffshandlung und jede Veränderung eines Kontos kann später zur Frage werden: Sind die digitalen Spuren wirklich sauber? Wurde alles ordnungsgemäß gesichert? Oder haben Außenstehende den Fall zusätzlich verkompliziert?

Der 18. Prozesstag brachte somit keine endgültige Antwort, aber er öffnete ein neues Kapitel im ohnehin schon verworrenen Mordprozess um Fabian. Neben den schweren Vorwürfen gegen Gina H. steht nun auch der Umgang mit digitalen Spuren im Rampenlicht. Der Fall wirft ein grelles Licht auf die Gefahr, wenn Verzweiflung, Medienbekanntheit und private Ermittlungsversuche auf ein laufendes Strafverfahren treffen.Verräterische Handydaten: Das machte die Angeklagte am Tag, als Fabian  ermordet wurde | News | BILD.de

Am Ende bleibt die entscheidende Frage: Wird das Gericht aus all diesen Spuren eine klare Wahrheit formen können – oder machen gerade die vielen Eingriffe, Löschungen und Zweifel den Fall noch komplizierter? Der Prozess wird fortgesetzt. Doch schon jetzt ist klar: Im Mordfall Fabian geht es nicht nur um die Suche nach dem Täter, sondern auch um die Frage, wie sauber, geschützt und professionell Beweise in einem der sensibelsten Kriminalfälle Mecklenburg-Vorpommerns behandelt wurden.