Fünf Minuten später weinte ich vor laufender Kamera. Eigentlich wollte ich mich auf der Couch vergraben, den Tag vergessen. Draußen Regen, in mir Leere. Doch dann tauchte ein Kommentar auf: „Du…

Fünf Minuten später weinte ich vor laufender Kamera. Eigentlich wollte ich mich auf der Couch vergraben, den Tag vergessen. Draußen Regen, in mir Leere. Doch dann tauchte ein Kommentar auf: „Du...

Eigentlich wollte ich heute nicht live gehen. Ich lag auf der Couch, hatte die Augen zu und hab einfach nur gelegen. Nicht geschlafen, nicht gedacht, nur gelegen. Und dann hab ich mir gesagt: Nein.

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Absolut nicht. Es ist Sonntag, der Reset-Tag, und ich muss mein Leben auf die Reihe kriegen. Also bin ich doch hoch. Die Kamera an, das Licht angemacht – und sofort war ich unsicher.

Ich schaue in den Spiegel und denke: Siehst aus wie ein aufgeschrecktes Eichhörnchen. Aber egal. Raus damit. „Cozy Sunday Reset Live”, sage ich in die Kamera und lache ein bisschen über mich selbst.

Es regnet nämlich. Draußen schüttet es wie aus Eimern, das sieht man hinten im Fenster. Kein Angeln heute. Das heißt: Ich kann mich euch widmen.

Ganz ehrlich, ich brauche das heute. Ein bisschen Zuneigung. Ein bisschen Selbstfürsorge. TLC, wie man so schön sagt.

Dann tauchen die ersten Namen auf. Lunar, Onze, Night Hunter. Und dann schreibt jemand: „Du siehst wunderschön aus. ” Ich habe keinen Ton Make-up im Gesicht, meine Haare sind ein Chaos, und ich sitze da in meiner gemütlichsten Jogginghose.

Und trotzdem sagen die das. „Das hab ich gebraucht”, sage ich. „Ihr habt keine Ahnung. ”

Ich greife nach meinem Deo – aluminiumfrei, ganz brav.

Und dann so ein komischer Schmerz in der Achsel. „Warum tut das eigentlich weh? “, frage ich in den Chat. „Kann mir jemand erklären, warum das wehtut?

” Keine Antwort. Nur Lachen. Okay. Draußen prasselt der Regen.

Ich erzähle von gestern, wie meine Mutter gesagt hat, dass sie stolz auf mich ist. Und ich merke, wie ich dabei ein bisschen feuchte Augen bekomme. Wenn meine Mutter das sagt, dann stimmt alles. Dann ist das Leben komplett.

In dem Moment ploppt der Chat auf. Adam. Und dann: fünfzig. Fünfzig Gifted Memberships.

Ich starre auf den Bildschirm. „Nein. Nein, gibt’s nicht. ” Meine Stimme kippt.

„Adam, was? Adam! Oh mein Gott. ”

Der Chat explodiert.

Die Leute schreiben wild durcheinander, die Herzchen fliegen. Und ich sitze da, der Mund steht mir offen, während mein Kopf versucht zu verarbeiten, was gerade passiert ist. Fünfzig Leute haben gerade von Adam ein Geschenk bekommen. Fünfzig Leute, die jetzt hier sind.

Wegen ihm. Wegen seiner Großzügigkeit. „Ich fasse es nicht”, sage ich. „Ich habe gerade noch auf der Couch gelegen und mich gefragt, ob ich den Tag überhaupt schaffe.

Und jetzt das. ”

Adam schreibt, er macht gerade Pause von der Arbeit. Er ist so ein fleißiger Typ. Wirklich.

Und ich sage ihm, wie sehr ich das schätze. Dass er sich die Zeit nimmt. Dass er hier ist. Die Superchats trudeln ein.

„Du bist wie das Mädchen von nebenan”, schreibt jemand. „Für wen machst du dich eigentlich hübsch? ” Ich lache. „Für mich.

Nur für mich. Reset-Tag, ihr wisst schon. ” Ich will mich besser fühlen. Nicht für irgendjemanden.

Für mich selbst. Das ist der Punkt. Ich greife nach der Feuchtigkeitscreme. Der Chat diskutiert derweil über Deo und ätherische Öle, über Probiotika und dunkles Blattgemüse.

Jemand sagt, das Zeug sei schlecht für mich. Ich schaue auf die Flasche. Auf Yuka hat sie gut abgeschnitten. Keine Ahnung.

Ich lass es einfach mal drauf ankommen. „Hey, wusstest du, dass es elektrische Welse gibt? “, schreibt Tom. „Elektrische Welse?

Die können dich unter Strom setzen? ” Ich bin so leichtgläubig, falle auf alles rein. „Woher weißt du das? “, frage ich.

Und obwohl es vielleicht Quatsch ist – der Chat hat mich rum. Ich muss grinsen. Die Mitgliederzahl steigt und steigt. Adam hat nicht aufgehört.

Immer noch mehr Geschenke. Ich kann gar nicht mehr mitzählen. „Ich glaube, ich bin gleich die reichste Streamerin auf dieser Plattform”, sage ich und muss selbst lachen. „Danke, Adam.

Wirklich. Ich bin so unendlich dankbar. “

An der Tür klopft nichts. Es ist still in der Wohnung, nur der Regen und meine Stimme.

Ich ziehe die Lippenbrosche auf – glitzernd, hab ich schon seit Jahren. Noch aus meiner Victoria’s Secret Zeit. Ich hab sie geliebt, als ich klein war, und ich liebe sie immer noch. „Wie sehen meine Augenringe aus?

“, frage ich in den Chat. „Soll ich etwas Foundation draufmachen oder nicht? ” Die Meinungen teilen sich. Einige sagen: Du bist perfekt.

Andere: Ein bisschen Farbe schadet nie. Ich schaue in den Spiegel. In meine Augen. Ja, ich sehe müde aus.

Die letzten Tage waren anstrengend. Aber der Chat ist wie ein warmes Bad, um mich herum. Die Leute, die da sind. Adam, der fünfzig Leute eingeladen hat, die jetzt meine Community sind.

„Ihr macht meinen Tag so viel besser”, sage ich. Meine Stimme ist ein bisschen belegt. „Ich saß da, hab mich gefühlt wie ein nasser Sack, und jetzt – jetzt bin ich hier. Mit euch.

Und es ist alles gut. ”

Ich drücke ein bisschen Foundation auf meinen Finger, trage sie vorsichtig unter den Augen auf. Es ist nicht perfekt, aber es fühlt sich richtig an. Weitermachen.

Schritt für Schritt. „Okay”, sage ich in die Kamera. „Weiter im Programm. ”

Die Glitzerlippenpflege liegt schon bereit.

Ich trage sie auf, schmatze einmal, und der Glanz sieht tatsächlich ganz hübsch aus. Der Regen hat aufgehört. Das Licht hinter mir ist weich geworden. Jemand schreibt: „Du bist gar nicht allein.

Wir sind hier. ”

Ich lese die Worte und halte kurz inne. „Ich weiß”, sage ich. „Und ich bin so froh, dass ihr da seid.