Letzten Dienstag ging ich nachts an Sabrinas offener Zimmertür vorbei. Auf ihrem Schreibtisch lag eine Kopie meines Testaments, daneben ein Notizbuch. „Drei Digitalis-Tabletten in sein Abendessen,…

Letzten Dienstag ging ich nachts an Sabrinas offener Zimmertür vorbei. Auf ihrem Schreibtisch lag eine Kopie meines Testaments, daneben ein Notizbuch. „Drei Digitalis-Tabletten in sein Abendessen,...

Das Gefühl riss mich aus dem Schlaf: Jemand beobachtete mich. Ich öffnete die Augen und da stand Sabrina in der Tür zu meinem Schlafzimmer. Meine eigene Tochter, regungslos, wie eine Statue. Im Mondlicht wirkte ihr Gesicht wie eine Maske, kalt und ohne jeden Ausdruck.

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Sabrina, flüsterte ich. Was machst du da? Sie antwortete nicht. Sie stand nur da und starrte mich an.

Dann drehte sie sich um und verschwand lautlos. Am nächsten Morgen sprach ich sie darauf an. Sie sah mich mit leeren Augen an. „Du hast geträumt, Papa.

Du wirst alt. Dein Verstand spielt dir Streiche. “

Ich hätte es dabei belassen sollen. Aber in der nächsten Nacht stand sie wieder dort.

Diesmal stellte ich mich schlafend. Sie kam näher, Schritt für Schritt. Sie beugte sich über mich, so nah, dass ich ihren Atem spürte. Dann flüsterte sie: „Bald.

Bald ist es vorbei. “

Es begann drei Monate zuvor. Meine 28-jährige Tochter Sabrina war nach ihrer Scheidung wieder bei mir eingezogen. Die ersten Wochen waren normal.

Sie half im Haushalt, wir sahen abends fern. Dann veränderte sie sich. Ihr Blick wurde kalt, sie sprach kaum noch mit mir und verschwand stundenlang mit ihrem neuen Freund Kevin, einem Kerl Anfang dreißig, der nie gearbeitet hatte und ständig Geld von ihr wollte. Aber das war nichts gegen das, was ich in ihrem Zimmer fand.

Es war an einem Dienstag. Sabrina war mit Kevin ausgegangen, und ich konnte nicht schlafen. Auf dem Weg in die Küche sah ich ihre Zimmertür einen Spalt offen. Ich schob sie auf.

Auf dem Schreibtisch lagen Kopien meines Testaments. Daneben Ausdrucke über Gifte, über Herzinfarkte bei älteren Männern, Anleitungen, wie man einen natürlichen Tod vortäuscht. Unter ihrem Bett lag ein Notizbuch. Ich schlug es auf.

„Kevin sagt, es muss wie ein Herzinfarkt aussehen. Der alte Mann ist krank genug. Niemand wird Verdacht schöpfen. Die Digitalis-Tabletten aus Omas alten Vorräten sollten reichen.

Drei zerkleinert in sein Abendessen, und er wird in seinem Schlaf sterben. “

Digitalis. Das Herzmedikament meiner verstorbenen Frau Margarete. Sabrina wusste, dass ich eine Schachtel davon als Erinnerung an sie aufbewahrte.

Sie wollte mich mit den Tabletten ihrer eigenen Mutter umbringen. Das Notizbuch glitt mir aus den Händen. Ich setzte mich auf ihr Bett und starrte an die Decke. Ich hatte sie aufgezogen, ihr alles gegeben, sie nach dem Tod ihrer Mutter allein großgezogen.

Ich hatte ihre Ausbildung bezahlt, ihre erste Wohnung, ihre Hochzeit. Als ihre Ehe zerbrach, nahm ich sie auf. Und so dankte sie es mir. Dann hörte ich die Haustür.

Sie kam zurück. Ich legte alles zurück, genau wie ich es gefunden hatte, und schlich in mein Zimmer. Die ganze Nacht lag ich wach. Zur Polizei?

Sabrina konfrontieren? Fliehen? Nein. Ich war einundsiebzig, aber ich war nicht bereit zu sterben.

Und schon gar nicht von meiner eigenen Tochter. Wenn sie ein Spiel spielen wollte, dann würde ich mitspielen. Nach meinen Regeln. Am nächsten Morgen log ich sie an.

„Sabrina, ich war gestern beim Arzt. Mein Herz wird schwächer. Dr. Schneider gibt mir vielleicht noch sechs Monate.

Für einen Sekundenbruchteil blitzte Freude in ihren Augen auf. Dann setzte sie eine traurige Miene auf. „Oh, Papa, das tut mir leid. “

Sie kochte mir mein Lieblingsgericht.

Ich aß es, obwohl mir jeder Bissen schwer im Magen lag. Am Abend ging ich früh ins Bett. Gegen zwei Uhr wachte ich auf. Sie stand wieder in meiner Tür.

Diesmal hatte sie ein Glas in der Hand. Darin schwammen kleine weiße Krümel. „Papa, wach auf“, flüsterte sie. „Du hattest Herzprobleme.

Ich habe dir deine neuen Tabletten geholt. “

Ich richtete mich auf und griff nach dem Glas. „Danke, mein Kind. Du sorgst so gut für mich.

Sie lächelte. „Ich liebe dich, Papa. “

Ich führte das Glas an die Lippen und hielt dann inne. „Weißt du was, Sabrina?

Ich sollte vorher Dr. Schneider anrufen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die neuen Medikamente mit den alten mischen soll. “

Ihr Lächeln erstarrte.

„Aber Papa, es ist mitten in der Nacht. “

„Dann trinke ich es lieber morgen früh. “ Ich stellte das Glas weg. Sie nahm es mit einer Wut, die sie kaum verbergen konnte, und verschwand.

Ich hörte sie in der Küche hantieren. Wahrscheinlich spülte sie die Beweise weg. Danach änderte ich mein Verhalten. Ich aß nichts mehr, was sie zubereitet hatte.

Nachts schloss ich meine Schlafzimmertür ab. Als sie es bemerkte, sagte sie: „Was ist, wenn dir etwas passiert und ich dir nicht helfen kann? “

„Du hast recht“, antwortete ich. „Ich lasse die Tür heute Nacht offen.

Natürlich hatte ich nicht vor, das zu tun. Ich hatte eine billige Kamera besorgt und sie hinter einem Bilderrahmen versteckt. Damit nahm ich auf, wie Sabrina nachts am Türknauf rüttelte und leise fluchte. Dann rief ich Klaus an.

Klaus war früher Polizist, inzwischen in Rente. Wir trafen uns in einem Café, und ich erzählte ihm alles. Von den nächtlichen Besuchen, vom Notizbuch, vom vergifteten Glas. „Das ist ernst, Friedrich“, sagte er.

„Du musst zur Polizei. “

„Ich habe nur ein Notizbuch und Verdächtigungen. Das reicht nicht. “

Klaus nickte.

Er gab mir ein Aufnahmegerät. „Versteck das in deinem Zimmer. Wenn sie es wieder versucht, haben wir sie auf Band. “

Am Abend stellte ich das Gerät hinter ein Buch auf meinen Nachttisch.

Dann legte ich mich hin und wartete. Diesmal ließ ich die Tür unverschlossen. Sie kam. Wieder mit einem Glas in der Hand.

„Papa, wach auf. Du hattest wieder Herzprobleme. “

Ich tat, als würde ich erwachen. „Sabrina?

Was ist passiert? “

„Trink das. Es wird dir helfen. “

Ich nahm das Glas und sprach zu ihr, wie ich es geplant hatte.

„Ich bin so dankbar für dich. Du sorgst so gut für mich. Das bedeutet mir viel, nach allem, was in den letzten Monaten passiert ist. “

Sie sah mich an.

Einen Moment lang zeigte ihr Gesicht etwas wie Unruhe. Dann sagte sie: „Trink jetzt, Papa. “

Ich hob das Glas und ließ es fallen. Das Glas zerschellte auf dem Boden.

Das Wasser mit den zerkleinerten Tabletten ergoss sich über die Dielen. „Oh nein, wie ungeschickt von mir. “

Sie starrte auf die Scherben. Ihre Fäuste waren geballt.

„Ich hole dir neue Medikamente. “

„Nein, nein“, sagte ich. „Es ist spät. Mir geht es viel besser.

Hilf mir einfach, die Scherben aufzusammeln. “

Widerwillig half sie mir. Heimlich steckte ich eine Scherbe ein, an der noch Reste der Flüssigkeit klebten. Beweismittel.

Am nächsten Tag spielte ich Klaus die Aufnahme vor. Seine Miene wurde düster. „Das ist Mordversuch. Eindeutig.

Willst du sie anzeigen? “

„Ich will ihr eine Lektion erteilen“, sagte ich. Klaus sah mich besorgt an. „Was hast du vor?

Ich lächelte. Ein kaltes Lächeln, ganz ähnlich wie ihres. Am selben Tag rief ich Kevin an. Ich hatte seine Nummer aus Sabrinas Handy, als sie unter der Dusche war.

Mit verstellter Stimme sagte ich: „Hier spricht ein alter Freund von Friedrich Weber. Wir sollten uns treffen. “

Wir trafen uns in einer schäbigen Kneipe am Stadtrand. Kevin sah genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.

Fettige Haare, billiger Anzug, goldene Zähne. „Sie sagen, Sie kennen den alten Weber? “, fragte er gierig. „Sehr gut.

Und ich weiß auch von euren Plänen. “

Er wurde blass. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. “

„Ich weiß von der Digitalis“, sagte ich ruhig.

„Ich weiß vom Testament. Ich weiß alles. “

Er begann zu schwitzen. „Ich bin jemand, der euch das Leben zur Hölle machen kann“, fuhr ich fort.

„Aber ich habe einen besseren Vorschlag. “

Seine Augen leuchteten auf. „Der alte Weber ist kränker, als Sabrina ahnt. Er wird in den nächsten Wochen sterben.

Wenn ihr jetzt Aufmerksamkeit erregt, wird das Testament angefochten. Dann bekommt ihr gar nichts. “

Kevin nickte. Das verstand er.

„Was wollen Sie dafür? “

„Zehn Prozent von der Erbschaft. “

Er überlegte kurz. Dann nickte er.

„Abgemacht. Aber wie können Sie garantieren, dass er bald stirbt? “

„Vertrauen Sie mir. Ich habe meine Methoden.

“ Natürlich hatte ich keine. Ich war kerngesund und plante noch lange zu leben. Aber das wusste Kevin nicht. Am nächsten Morgen konfrontierte ich Sabrina beim Frühstück.

„Sabrina, wir müssen reden. Kevin hat mich gestern angerufen. Er wollte Geld von mir. Für dich, wie er sagte.

Ihr Gesicht wurde weiß. „Das stimmt nicht. “

„Doch“, sagte ich ruhig. „Und weißt du, was er noch gesagt hat?

Dass ihr beide darauf wartet, dass ich sterbe. “

Sie sprang auf. „Das ist Wahnsinn! “

„Sabrina, setz dich.

Sie gehorchte. „Ich weiß alles“, sagte ich. „Ich weiß von euren Plänen. Ich weiß von dem Gift.

Ich weiß von deinen nächtlichen Besuchen. “

Ihre Augen weiteten sich. „Du hast geglaubt, ich bin ein seniler alter Mann. Du hast geglaubt, du kannst mich umbringen und mit meinem Geld verschwinden.

„Papa, ich … “

„Schweig! “, brüllte ich. Sie zuckte zusammen.

„Du bist meine Tochter. Mein eigenes Fleisch und Blut. Und du wolltest mich töten. Für Geld.

Tränen liefen über ihr Gesicht. Aber ich hatte kein Mitleid. „Ich habe Beweise. Aufnahmen.

Fotos. Wenn du jemals wieder versuchst, mir etwas anzutun, gehe ich zur Polizei. Du wirst hier wohnen bleiben. Du wirst dich um mich kümmern.

Und jeden Tag wirst du wissen, dass ich weiß, was du getan hast. “

Ich stand auf und ging zur Tür. Dort sagte ich: „Ach, und Sabrina? Kevin wird dich bald verlassen.

Ich habe ihm gesagt, dass du durchgedreht bist. Er wird sich von dir fernhalten, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. “

Binnen einer Woche war Kevin verschwunden. Er schickte nicht einmal eine Nachricht.

Sabrina war am Boden zerstört. Ihr Plan war gescheitert, ihre große Liebe weg. Und sie saß fest bei dem Vater, den sie hatte töten wollen. In den folgenden Wochen wurde sie zur aufmerksamen Tochter.

Sie kochte, putzte, kümmerte sich um mich. Aber ich sah die Bitterkeit in ihren Augen. Jeden Tag wurde sie daran erinnert, was sie getan hatte. Es war eine exquisite Rache.

Heute, drei Monate später, leben wir noch immer zusammen. Sabrina ist eine andere Person geworden, demütiger, nachdenklicher. Vielleicht bereut sie es. Aber das Vertrauen wird nie zurückkommen.

Wie könnte ich einer Tochter vertrauen, die mich töten wollte? Die Aufnahmen und Beweise bewahre ich sicher auf. Nur für den Fall. Denn eines habe ich gelernt: Familie bedeutet nicht automatisch Loyalität.

Und ein alter Mann sollte niemals unterschätzt werden.