Die Erde schlug dumpf auf den Sarg meiner Tochter. Torben stand daneben – keine Träne, keine Regung. Stunden später hielt er mir eine Liste hin: was gespendet, was weggeworfen wird. „Je schneller…

Die Erde schlug dumpf auf den Sarg meiner Tochter. Torben stand daneben – keine Träne, keine Regung. Stunden später hielt er mir eine Liste hin: was gespendet, was weggeworfen wird. „Je schneller...

Die Erde schlug dumpf auf den Sargdeckel. Amalia zuckte bei jedem Schlag zusammen. Silke hielt sie am Ellenbogen, sonst wäre sie in den nassen Boden gesunken. „Halt durch, Amalia.

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“ Die Worte kamen wie durch Watte. Jelka. Achtzehn Jahre. Ihr einziges Kind.

Torben stand abseits. Gerader Rücken, zusammengepresste Lippen, ein Gesicht ohne Regung. Nach der Zeremonie drückten Fremde ihr die Hand. Leere Worte.

Torben kam schließlich näher. „Wir müssen gehen. Der Regen wird stärker. “

„Ich kann sie nicht allein lassen.

„Wir ändern nichts, indem wir hier stehen. “

Silke nahm sie am Arm. „Komm. Du musst dich ausruhen.

Im Auto presste Amalia die Stirn gegen das kalte Glas. Torben fuhr schweigend. Dann bog er unerwartet ab. „Ich muss kurz zum Spendezentrum.

Wir sollten Jelkas Sachen so schnell wie möglich abgeben. “

Amalia sah ihn fassungslos an. „Es ist erst ein paar Stunden her. “

„Je länger wir an der Vergangenheit festhalten, desto schwerer wird es.

Wie ein Pflaster – am besten reißt man es schnell ab. “

„Ich bin nicht bereit. “

„Du wirst bereit sein. “

Zu Hause nahm Amalia ein Schlafmittel und sank in einen schweren Schlaf.

Mitten in der Nacht erwachte sie von einer Stimme. Torben telefonierte im Flur. „Alles läuft nach Plan. Morgen werden wir die Sachen los.

Nein, sie ahnt nichts. Mach einfach wie abgemacht. “

Sie stellte sich schlafend, als er zurückkam. Ihr Verstand war zu müde, um die Worte zu deuten.

Am Morgen standen Kartons im Schlafzimmer. Torben reichte ihr eine Liste. „Möbelpacker kommen übermorgen. Heute packen wir alles.

Hier ist markiert, was gespendet und was weggeworfen wird. “ Amalia sah Kleider, Schulbücher, Fotos. „Torben, ich kann nicht. Es ist erst einen Tag her.

„Hör auf, dich an die Vergangenheit zu klammern. Glaubst du, es ist leicht für mich? “ In seinen Augen blitzte etwas Fremdes auf. Dann wurde seine Stimme weicher: „Verzeihung.

Aber je schneller wir die Erinnerungen beseitigen, desto schneller heilt die Wunde. “ Amalia nickte, ohne die Kraft zum Widerspruch. Später brachte Frau Breitner, die Nachbarin, einen Kuchen. Amalia wollte Zucker holen, als sie im Wohnzimmer Torbens gedämpfte Stimme hörte: „Und die Versicherung?

Habt ihr die rechtzeitig abgeschlossen? “

„Pst! “

Amalia erstarrte. Doch als sie in die Küche zurückkam, redeten die beiden über etwas anderes.

Sobald Torben ins Büro fuhr, stieg Amalia in Jelkas Zimmer hinauf. Alles war noch da: das Poster der Lieblingsband, die Fotos, die Schulbücher. Jelka hatte Meeresbiologin werden wollen. „Stell dir vor, Mama, ich schwimme bei der Arbeit mit Delfinen.

“ Amalia setzte sich auf das Bett und strich über die Tagesdecke. Dann öffnete sie den Schulranzen. In dem abgenutzten Biologiebuch lag ein gefalteter Zettel. Jelkas Handschrift.

„Mami, wenn du das liest, schau dringend unter das Bett, dann wirst du alles verstehen. “

Unter dem Bett klebte eine Schachtel. Amalia öffnete sie. Versicherungsunterlagen, Bankauszüge, Kopien von Nachrichten, Fotos.

Torbens Schulden. Torbens Pläne. Ihr wurde kalt. Sie versteckte den Rucksack im Lüftungsschacht des Badezimmers.

Am Abend saß sie Torben beim Essen gegenüber. Er hatte Wein eingeschenkt. „Du musst deine Kräfte schonen. “ Er redete über eine Gedenktafel für Jelka.

„Ich habe eine größere Summe gespendet. “ Amalia sah ihn an. „Woher nehmen wir das Geld? Wir haben doch Schulden.

“ Torben zuckte kaum merklich. „Die Geschäfte laufen besser. “ Er hob sein Glas. Für einen Moment wandte er sich ab, und Amalia meinte, eine Bewegung in seiner Hand zu sehen.

Sie hob ihr Glas, trank aber nicht. „Ich gehe schlafen“, sagte sie. Oben im Bad fotografierte sie jede Seite der Unterlagen, lud die Kopien in die Cloud und schickte sie an ihre E-Mail. Als Torbens Schritte näher kamen, versteckte sie alles wieder.

Er stand mit Tabletten und Wasser am Bett. „Dein Beruhigungsmittel. “ Amalia tat so, als schluckte sie, klemmte die Pillen zwischen Wange und Zahnfleisch. Später spuckte sie sie in eine Serviette.

Zwei weiße Tabletten. Nicht ihre bekannten Kapseln. In der Nacht lag sie starr neben ihm. Torben beugte sich über sie, prüfte ihren Puls am Hals.

Sie atmete gleichmäßig. Erst gegen drei Uhr wagte sie, die Augen zu öffnen. Am nächsten Morgen bestand Torben darauf, ihr ein Taxi zu rufen. „Ich muss kurz ins Büro, Papiere unterschreiben“, log sie.

Sie ließ sich zum Büro fahren, ging durch den Hinterausgang und nahm ein Taxi zum Café Riviera. Dort wartete Jonas, ein alter Freund, Ermittler. „Jelka ist nicht zufällig gestorben“, sagte Amalia. „Torben hat den Unfall mit der Versicherungssumme geplant.

Und ich bin die nächste. “

Jonas sah sich die Fotos auf ihrem Handy an, die Unterlagen, den Zettel. Er nahm die Pillen entgegen. „Ich lasse sie analysieren.

Aber die Unterlagen allein reichen nicht. Wir brauchen ein Geständnis. “ Er gab ihr eine Wanze. „Trag sie.

Jedes Gespräch läuft auf meinen Server. Schick mir alle drei Stunden eine Nachricht. Wenn du eine auslässt, komme ich. “

„Ich muss zurück.

Sonst ahnt er etwas. “

Als sie nach Hause kam, trugen Möbelpacker Jelkas Möbel aus dem Zimmer. Torben stand am Eingang. „Wo warst du?

Ich habe mehrmals angerufen. “

„In einer Besprechung. Danach Unterschriften. “

Er musterte sie.

Sie ging nach oben. Im Bad griff sie in den Lüftungsschacht. Leer. Der Rucksack war weg.

Sie riss das Gitter wieder an sich. Da stand Torben in der Tür. „Suchst du etwas? “

„Ich wollte nur… Schimmel prüfen.

Er lächelte eisig. „Und das hier hast du gesucht? “ In seiner Hand lag ein USB-Stick. „Wo ist der Rucksack?

“, fragte Amalia. „An einem sicheren Ort. Zusammen mit den restlichen Papieren. “ Er kam näher.

„Wen hast du heute getroffen? Ich habe im Büro angerufen. Man hat dich gesehen, dann bist du durch den Hinterausgang verschwunden. “

„Ich habe mich mit einer Freundin getroffen.

„Lügnerin. “ Er trat näher. „Du hast Jelkas Kiste gefunden. Du hast die Unterlagen gelesen.

Und jetzt planst du etwas gegen mich. “

„Du hast sie getötet“, sagte Amalia. „Unsere Tochter. “

„Sie war nie meine Tochter.

“ Seine Stimme blieb ruhig, beinahe beiläufig. „Sie war ein Hindernis. Ein neues Leben kostet Geld. Jelkas Versicherung war der erste Schritt.

Du wärst der zweite gewesen. “

Amalia wich zurück. „Du bist ein Monster. “

„Ich bin Pragmatiker.

“ Er zog sein Handy hervor. „Taxi. GPS. Tracker.

Du warst im Café Riviera. Mit wem? “ Amalia schwieg. Er riss sie herum, drehte ihr den Arm auf den Rücken.

Bevor sie schreien konnte, klebte er ihr den Mund zu und wickelte Klebeband um ihre Handgelenke. Dann schob er sie aufs Bett. „Sitz still. Danach reden wir.

“ Er ging hinaus und schloss die Tür ab. Amalias Panik rollte über sie. Ihr Telefon lag auf der Kommode. Mit gefesselten Händen schaffte sie es, es zu entsperren und Jonas eine Nachricht zu schicken: „Hilfe, zu Hause gefesselt.

“ Eben hatte sie gesendet, da drehte sich der Schlüssel. Torben trat mit einem Koffer ein. Er nahm eine Spritze heraus. „Zuerst sagst du mir, wer Bescheid weiß.

Danach fahren wir zu der Brücke, an der Jelka verunglückt ist. Eine Mutter, die den Tod ihrer Tochter nicht verkraftet – und ihrem Schicksal folgt. “

Da klingelte es. Torben fluchte, legte die Spritze ab.

„Beweg dich nicht. “ Er ging nach unten. Amalia riss das Klebeband am scharfen Rand der Nachttischlampe auf, ergriff die Lampe, stellte sich hinter die Tür. Als Torben zurückkam, schlug sie ihm mit voller Wucht auf den Kopf.

Er taumelte, fing aber ihren Arm ab. „Du Miststück! “ Sie kämpften, er schleuderte sie gegen die Wand. Dann packte er sie am Hals.

„Wer weiß von den Unterlagen? “

„Die Polizei“, keuchte sie. Da stand Jonas in der Tür. Die Pistole auf Torben gerichtet.

„Polizei! Hände hoch! “

Torben hob langsam die Hände. „Das ist absurd.

Ein Familienstreit. “

„Mit einer Spritze und einem Gespräch über eine Brücke? “ Jonas deutete auf seine Brust. „Jedes Wort ist aufgezeichnet.

Ihre Frau trägt eine Wanze. Die Tabletten von gestern waren eine tödliche Mischung. Und Ihr Mechaniker hat bereits ausgesagt. “

Torben riss die Augen auf.

Dann stürzte er zum Fenster. Ein Schuss knallte. Amalia schrie. Jonas rannte ans Fenster.

„Verdammt, er ist aufs Dach gesprungen! “ Er lief hinaus. Amalia blieb zitternd zurück. Dann fiel ihr der Rucksack ein.

Das Auto. Sie lief in die Garage. Im Kofferraum lagen ihr Rucksack, ein Benzinkanister, ein Seil, Werkzeuge. Alles war vorbereitet gewesen.

Sie nahm den Rucksack an sich und ging ins Haus zurück. Draußen heulten Sirenen. Polizeiautos füllten den Hof. Kurz darauf kehrte Jonas zurück.

„Wir haben ihn. Er ist am Fluss in die Enge getrieben worden. “

Amalia saß auf dem Sofa, eine Decke um die Schultern. „Es ist vorbei“, sagte Jonas.

„Es ist nicht vorbei. Jelka ist tot. “ Die Tränen kamen endlich. Sie weinte an seiner Schulter, bis keine Kraft mehr in ihr war.

„Tag für Tag“, sagte er leise. „Es wird leichter. Nicht heute, aber irgendwann. “

Amalia nickte.

Sie sah sich in dem Haus um, in dem sie so viele Jahre gelebt hatte. „Ich packe meine Sachen“, sagte sie. „Und komme nie wieder hierher zurück.