Margarete legte ihren eiskalten Arm um meinen und flüsterte: „Hier stimmt etwas nicht, Rudolf. Schau mal. “ Wir standen in unserem Wohnzimmer, umgeben von Luftballons und dem Duft nach Apfelkuchen. Die Gäste lachten, mein Nachbar Heinrich erzählte seine schrecklichen Witze, aber Margaretes Gesicht war eine Maske des Entsetzens.

Sie hielt Evas Tablet in den zitternden Händen. „Ich wollte nur Musik für die Party suchen“, flüsterte sie. „Das Tablet lag auf dem Küchentisch und hat die ganze Zeit gepiept. Dann sah ich diese Nachrichten.
“
Sie drückte mir das Gerät in die Hand. Ich kramte meine Lesebrille hervor. Auf dem Bildschirm stand ein Chat zwischen Eva und jemandem namens Dr. K.
Die letzte Nachricht war vor zwei Stunden geschickt worden. „Ist alles bereit für heute Abend? “, hatte Eva geschrieben. „Ja, das Pulver ist in der Geburtstagstorte.
Wenn er das erste Stück isst, wird es wie ein natürlicher Herzinfarkt aussehen. Bei seinem Alter wird niemand Fragen stellen. “
„Perfekt. Thomas und ich haben schon mit dem Notar gesprochen.
Das Testament ist vorbereitet. Das Haus und die 800. 000 Euro werden direkt auf uns übertragen. “
„Vergiss nicht die richtige Reaktion zu zeigen.
Weine viel und ruf sofort den Notarzt, aber warte mindestens fünfzehn Minuten, damit es sicher wirkt. “
Ich konnte nicht mehr atmen. Meine Knie wurden weich. Meine eigene Tochter, das kleine Mädchen, dem ich das Fahrradfahren beigebracht hatte, wollte mich umbringen.
Für Geld. Für das Haus, das ich vierzig Jahre lang abbezahlt hatte, und für die Ersparnisse, die Margarete und ich uns vom Mund abgespart hatten. Margarete zog mich zur Seite. „Sie steht neben der Torte und wartet darauf, dass du sie anschneidest.
Siehst du, wie sie immer wieder zur Uhr schaut? “
Ich blickte hinüber. Eva trug das blaue Kleid mit den weißen Blumen, das ich ihr letztes Jahr geschenkt hatte. Sie lächelte und winkte.
„Papa, komm, die Torte wartet! “ Jetzt sah ich die Nervosität in ihren Händen. Sie wischte sich die Handflächen am Kleid ab. In ihren Augen lag nicht die Liebe einer Tochter, sondern die gespannte Erwartung einer Mörderin.
Und neben ihr stand Thomas, nickte mir aufmunternd zu. Jetzt verstand ich auch seine seltsamen Fragen der letzten Wochen: ob ich mein Testament gemacht hätte, ob ich vorsorgen wolle. „Tue so, als würde dir schlecht“, flüsterte Margarete. „Ich sage den Gästen, dass du ins Krankenhaus musst.
“
Ich ging auf Eva zu, meine Beine zitterten. „Eva, mein Schatz, mir ist plötzlich schwindelig. Ich glaube, mein Blutdruck. “
Ihr Lächeln erstarrte.
„Aber Papa, du musst zuerst den Kuchen anschneiden. Ich habe ihn extra für dich gebacken, deinen Lieblingskuchen mit Kirschen. Wenn du ihn nicht isst, werde ich dir das nie verzeihen. “
Margarete unterbrach scharf: „Nein, Eva, Rudolf muss dringend ins Krankenhaus.
Ich bringe ihn sofort hin. Kümmer du dich um die Gäste. “ Sie packte mich und führte mich zur Tür. Eva blieb wie erstarrt neben der Torte stehen.
Draußen im Auto saßen wir schweigend. Margarete startete den Motor, Tränen liefen über ihre Wangen. Durch das Fenster sah ich unser hell erleuchtetes Haus. Die Musik drang gedämpft nach draußen.
In ein paar Stunden wären die Gäste Zeugen meines Todes geworden, ohne etwas zu ahnen. „Was ist nur aus unserer Eva geworden? “, fragte ich mit brüchiger Stimme. „Wo haben wir einen Fehler gemacht?
“
Margaretes Kiefer waren zusammengepresst, ihre Knöchel weiß vom Griff am Lenkrad. „Wir fahren zu meinem Bruder Peter nach Köln. Dort sind wir erstmal sicher. Und dann erteilen wir Eva eine Lektion, die sie nie vergessen wird.
“
Unterwegs klingelte mein Handy ununterbrochen. Eva, Thomas, sogar mein Bruder Hans. Alle sorgten sich um meinen plötzlichen Gesundheitszustand. Margarete schaltete das Telefon aus.
„Sie werden noch oft anrufen. Eva macht sich Sorgen, weil ihr Plan nicht funktioniert hat. “
„Sie wird dafür bezahlen“, antwortete ich. Die Wut wuchs in mir.
„Jeden Cent, den sie in Gedanken schon ausgegeben hat, wird sie nicht bekommen. “
Bei Peter brannte noch Licht. Er war Anwalt und öffnete sofort, als wir klingelten. Ein Blick auf unsere Gesichter genügte.
„Kommt rein. Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen, Rudolf. “ Wir erzählten ihm alles, zeigten ihm die Screenshots. Peter lehnte sich zurück und sagte nüchtern: „Das ist versuchter Mord.
Aber die Chatnachrichten allein reichen vielleicht nicht vor Gericht. Eva wird behaupten, ihr Tablet sei gehackt worden. Wir brauchen handfestere Beweise. “
„Was schlägst du vor?
“, fragte Margarete. Peter holte einen Ordner aus dem Aktenschrank. „Erinnert ihr euch an die Vollmachten, die Eva vor einem Jahr von euch unterschreiben lassen wollte? ‚Nur für den Notfall‘, hat sie gesagt.
Ihr habt sie nie unterschrieben. Aber Eva weiß das nicht. “ Er breitete die Dokumente aus. „Wir lassen sie glauben, dass ihr die Vollmachten doch unterschrieben habt.
Wir erzählen ihr, dass Rudolf nach einem Herzanfall ins Koma gefallen ist. Sie wird sofort versuchen, an euer Geld zu kommen. Und dabei ertappen wir sie. “
Der Plan war einfach und grausam.
Ich sollte in einem Privatkrankenhaus liegen, Peters Freund Dr. Wagner würde falsche Unterlagen ausstellen. Margarete würde Eva unter Tränen anrufen und ihr sagen, dass ich im Koma liege und wahrscheinlich nie wieder aufwachen würde. Die nächsten drei Tage in dem sterilen Zimmer waren die Hölle.
Ich spielte den Komatösen, während Margarete die trauernde Ehefrau gab. Am zweiten Tag kam Eva. Ich hörte ihre Schritte, hörte sie mit Dr. Wagner sprechen.
„Wie sind seine Chancen? Wird mein Vater wieder aufwachen? “ Ihre Stimme klang besorgt, aber ich kannte sie zu gut. Da war eine kaum versteckte Ungeduld.
Sie setzte sich neben mein Bett und legte ihre Hand auf meine Stirn. Dieselbe Hand, die das Gift in meinen Kuchen gemischt hatte. „Papa, es tut mir so leid. Wenn ich gewusst hätte, dass dein Herz so schwach ist…“ Lügnerin.
Du hast genau darauf gehofft. Am dritten Tag schlug Eva zu. Sie ging zur Bank und versuchte, fünfzigtausend Euro abzuheben – „als Anzahlung für Papas Behandlung“, wie sie sagte. Die Konten waren gesperrt, aber die Kameras zeichneten alles auf.
Danach versuchte sie, beim Notar einen Termin zu machen, um das Haus zu verkaufen. „Mein Vater liegt im Sterben, wir brauchen das Geld für seine Behandlung. “ Auch das wurde aufgezeichnet. Am vierten Tag kam Eva mit Thomas.
Sie brachten eine Mappe voller Dokumente mit. Sie dachten, ich wäre bewusstlos, aber ich hörte jedes Wort. „Die Vollmachten funktionieren also doch“, sagte Thomas leise. „Dein Vater muss sie heimlich unterschrieben haben.
“
„Gott sei Dank“, antwortete Eva. „Ich dachte schon, wir müssten warten, bis er wirklich stirbt. So ist es viel einfacher. “
„Wie lange wird er noch leben?
“
Eva zuckte mit den Schultern. „Dr. Wagner sagt, es können Wochen oder Monate sein. Aber das spielt keine Rolle.
Solange er im Koma liegt, haben wir Zugang zu allem. “
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Peter kam herein, gefolgt von zwei Polizisten. „Eva Weber“, sagte einer der Beamten.
„Sie sind verhaftet wegen des Verdachts auf versuchten Mord und Betrug. “
Evas Gesicht wurde weiß. „Was? Das muss ein Irrtum sein!
“
Ich öffnete die Augen und setzte mich langsam auf. Eva schrie auf, als hätte sie einen Geist gesehen. „Hallo, meine liebe Tochter“, sagte ich ruhig. „Du hast wohl gehofft, dass ich diesmal wirklich tot bin.
“
„Papa, aber du warst im Koma! Der Arzt hat gesagt…“
„Der Arzt hat genau das gesagt, was wir ihm aufgetragen haben“, unterbrach ich sie. „Genau wie wir dir erzählt haben, was du hören wolltest. Dass ich im Sterben liege, dass die Vollmachten gültig sind, dass du endlich an mein Geld kommst.
“
Thomas versuchte zur Tür zu rennen, aber die Polizisten hielten ihn fest. Eva brach auf dem Stuhl zusammen. „Papa, das ist alles ein Missverständnis. Ich wollte doch nur…“
„Du wolltest mich umbringen“, sagte ich und stand auf.
„Du hast Gift in meine Geburtstagstorte gemischt. Du hast geplant, mich vor den Augen unserer Freunde zu ermorden. Und als das nicht klappte, hast du versucht, mich zu bestehlen, während du dachtest, ich läge im Sterben. “
Die Handschellen klickten.
Eva weinte, aber es waren nicht die Tränen einer reumütigen Tochter. Es waren die Tränen einer Verbrecherin, die erwischt worden war. „Papa, bitte, ich bin deine Tochter. Du kannst mich nicht ins Gefängnis schicken.
“
Ich sah sie lange an. Dieses Gesicht, das ich so geliebt hatte. Diese Augen, in die ich geschaut hatte, als sie noch ein Baby war. Jetzt sah ich nur noch eine Fremde.
„Meine Tochter ist an dem Tag gestorben, als sie beschlossen hat, dass Geld wichtiger ist als das Leben ihres Vaters. Du bist nicht mehr meine Tochter, Eva. Du bist eine Mörderin. “
Als sie abgeführt wurde, spürte ich keine Trauer.
Nur eine tiefe, kalte Zufriedenheit. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt.


