Der Nieselregen klopfte gegen die Fensterscheibe, als Jens Hartmann die Akte Wasserschaden Müller zur Seite schob. Die Zahlen verschwammen vor seinem Blick. Wieder einmal hatte Petra ihm einen Kaffee gebracht, wieder einmal blieb ihr Blick kurz an dem dunkelroten Feuermal an seinem Wangenknochen hängen. Sein ganzes Leben war geprägt von solchen Blicken.

Seit seiner Kindheit im Heim, seit er sich erinnern konnte, war er daran gewöhnt, dass Menschen ihn ansahen und sofort wieder wegsahen. Krause, sein Abteilungsleiter, rief ihn an diesem Morgen ins Büro. Außendienst solle er übernehmen. „Es wäre gut für Ihre Karriere”, sagte der Mann.
Jens spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Neue Menschen, neue Fragen, neue Blicke. Er lehnte ab. Im Schrank seiner Wohnung stand seit Monaten ein Karton, den er aus dem Keller geholt hatte.
Alles, was er aus dem Heim mitgenommen hatte, war darin. Er öffnete ihn an diesem Abend. Zwischen seinen Zeugnissen und alten Büchern, in einer Plastiktüte, fand er einen Umschlag mit seinem Namen darauf. Geburtsurkunde, ein Foto von ihm als Säugling, und ein zusammengefaltetes Stück Papier.
Ein Brief in runder, weiblicher Handschrift: *Mein liebes Kind, ich kann nicht bei dir bleiben, aber ich vergesse dich nie. Wenn du älter bist und mich suchst, findest du mich vielleicht über Tante Giesela in der Prinzenstraße 47 in Berlin. Vergib mir. Deine Mutter.
*
Er las die Worte wieder und wieder. Er hatte angenommen, es gäbe nichts zu erforschen. Jetzt hielt er einen Ort, einen Namen, einen Hinweis in den Händen. Die Detektei, die er am nächsten Tag aufsuchte, fand seine Mutter.
Margarete Holzbauer, 51 Jahre alt, wohnte in Berlin Friedrichshein und arbeitete als Reinigungskraft. Sie lebte allein und hatte keine weiteren Kinder. Die Detektivin reichte ihm einen Umschlag mit ihrer Adresse. „Was Sie damit machen, ist Ihre Entscheidung”, sagte sie.
Anke, die Frau, mit der er seit Jahren eine lockere Beziehung führte, warnte ihn. „Sie hat dich weggegeben. Was, wenn sie dich nicht sehen will? Was, wenn du ihr nur peinlich bist?
“, fragte sie. Jens spürte, wie die Zweifel an ihm nagten, aber er wusste, dass er es herausfinden musste. „Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin”, sagte er. Die Zugfahrt nach Berlin war eine Qual.
Doch als er schließlich im Prenzlauer Berg vor einem Café saß und die Adresse auf einem Zettel in seiner Tasche spürte, geschah etwas Unerwartetes. Ein älterer Mann, der am Nebentisch saß, sah ihn an. „Sie sehen jemandem sehr ähnlich, den ich früher kannte. Sabine Köhler”, sagte er.
„Haben Sie zufällig ihr Feuermal am Kinn? Sind Sie etwa ihr Sohn? ”
Der Mann hieß Klaus Bergmann. Er war ein Freund seiner Mutter gewesen.
„Sabine war noch ein Teenager, als sie schwanger wurde. Sie hatte niemanden, keine Unterstützung, kein Geld”, erzählte Klaus. „Sie wollte dich behalten, das hat sie mir oft gesagt. Aber sie war selbst noch ein Kind und hatte panische Angst, dir nicht das geben zu können, was du verdient hättest.
”
Klaus gab ihm ihre Adresse. Und die wichtigste Information: „Sie hat nie aufgehört, an dich zu denken. Sie verfolgt dein Leben, so gut sie kann. Sie ist stolz auf dich.
”
Jens sah seine Mutter zum ersten Mal in einem Café in Berlin-Mitte. Sie saß am Fenster, graumeliertes Haar, und als sie aufblickte, erkannte er sofort ihre Augen. Es waren seine eigenen Augen. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sicher war, die anderen Gäste müssten es hören.
„Jens”, sagte sie leise. Ihre Hände zitterten, als sie nach ihrer Kaffeetasse griff. „Ich kann kaum glauben, dass du hier bist. ”
„Warum?
” Die Frage brach aus ihm heraus. „Warum hast du mich weggegeben? ”
„Ich war neunzehn. Dein Vater hat mich verlassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr.
Meine Eltern hatten mich verstoßen. Ich hatte keine Arbeit, keine Wohnung, keine Perspektive. Ich dachte, im Heim wärst du besser versorgt als bei mir. ”
„Aber du hättest mich trotzdem nicht einfach aufgeben dürfen.
”
Sie wurde scharf, zum ersten Mal. „Denkst du, es war einfach? Ich habe drei Monate lang jeden Tag vor dem Heim gestanden und dich durch das Fenster beobachtet, bis sie mir sagten, dass ich aufhören müsse. Ich habe Briefe geschrieben, hunderte.
Aber ich habe sie nie abgeschickt, weil ich dachte, du wärst besser dran ohne mich. ”
Dann sagte sie etwas, das ihn traf wie ein Schlag: „Ich war auch ein Findelkind. Meine Eltern haben mich adoptiert, aber sie haben mir nie erlaubt, nach meinen leiblichen Eltern zu suchen. Sie sagten, ich sollte dankbar sein und nicht in der Vergangenheit wühlen.
Vielleicht habe ich deshalb denselben Fehler mit dir gemacht. ”
Sie redeten stundenlang. Sie erzählte ihm von seiner Geburt, von ihrem Leben danach, ihrer Ausbildung zur Krankenschwester, ihrer Ehe, seinen zwei Halbgeschwistern. Er erfuhr, dass sie jedes Jahr an seinem Geburtstag eine Kerze angezündet hatte.
„Sie wissen nichts von mir”, sagte Jens. „Ich wusste nicht, wie ich es ihnen erklären sollte. Wie erklärt man Kindern, dass ihre Mutter ein anderes Kind weggegeben hat? ”
Die Wut in ihm war noch da, aber sie war weicher geworden.
„Es tut mir so leid”, sagte seine Mutter plötzlich. „Nicht einen Tag ist vergangen, an dem ich nicht bereut habe, was ich getan habe. ”
„Es ist nicht zu spät”, sagte er. „Ich bin hier.
”
Sie griff nach seiner Hand. „Kannst du mir jemals vergeben? ”
„Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es versuchen.
”
Beim dritten Treffen brachte sie eine kleine Holzschachtel mit. Darin lagen Fotos von ihr als junge Frau, ein winziges, gestricktes Babyjäckchen und ein Brief an ihn, der nie abgeschickt worden war. Sie zitterte, als er den Brief las. *Mein lieber Jens, nicht ein Tag vergeht, an dem ich nicht an dich denke.
Ich habe dich nicht weggegeben, weil ich dich nicht liebte, sondern weil ich dich so sehr liebte, dass ich wollte, dass du ein besseres Leben hast, als ich dir geben konnte. *
„Mama”, sagte er leise, das erste Mal, dass er das Wort aussprach. Sie begann zu weinen. Sie zeigte ihm das Viertel, in dem sie gewohnt hatte, das Krankenhaus, in dem er geboren worden war.
Mit jeder Geschichte schloss sich eine Lücke in seinem Leben. Das Feuermal erwähnte sie beiläufig. Sie hatte es geküsst, als er ein Baby war, und es für ein Zeichen gehalten, dass er etwas Besonderes war. Wochen später kam Ingrid nach Lübeck.
Jens holte sie vom Bahnhof ab und zeigte ihr die Stadt, die ihm zur Heimat geworden war. Anke empfing sie mit norddeutscher Herzlichkeit. An dem Abend, als seine Mutter in einem Hotel in der Altstadt schlief, saß Jens mit Anke auf dem Balkon. „Denkst du, ihr werdet eine richtige Mutter-Sohn-Beziehung aufbauen können?
“, fragte sie. „Nicht die, die wir gehabt hätten, wenn sie mich behalten hätte”, antwortete er nachdenklich. „Aber unsere eigene. Es ist nie zu spät für einen Neuanfang.
”
Am nächsten Morgen brachte er seine Mutter zum Bahnhof. Sie umarmten sich länger diesmal, natürlicher. „Ich liebe dich”, sagte sie leise. „Ich wollte das schon so lange sagen.
”
„Ich dich auch. Und ich bin stolz auf deinen Mut, mich zu treffen. ”
Nach ihrer Abreise spazierte Jens durch die Stadt. Alles war gleich und doch völlig anders.
Das Feuermal in seinem Gesicht war immer noch da, aber es definierte ihn nicht mehr. Er war Teil seiner Geschichte, wie seine Mutter, wie seine Jahre im Heim, wie seine Liebe zu Anke und zu dieser norddeutschen Stadt. Am Abend rief er sie an, nur um Gute Nacht zu sagen. „Gute Nacht, mein Sohn”, antwortete sie, und das Wort klang nicht mehr fremd.
Jens legte sich ins Bett und dachte an die Zukunft. Es gab so viele Möglichkeiten, die sich plötzlich eröffneten. Die Dunkelheit fühlte sich nicht mehr bedrohlich an. Sie war voller Versprechen für das, was kommen würde.
Er schlief ein mit einem Lächeln und dem Wissen, dass er endlich angekommen war – nicht an einem Ort, sondern bei sich selbst.


