„Mama, ich hab einen Brief bekommen. “ Meine Stimme zitterte, obwohl ich versuchte, stark zu klingen. Ich stand in der Tür zur Küche, das Papier in der Hand, und die Worte darauf brannten sich in mein Gedächtnis. „Sie schreibt, dass sie mit mir fertig ist.

“
Mama drehte sich vom Herd um. Sie sah mich an mit diesem Blick, den sie immer hatte, wenn sie wusste, dass etwas Schlimmes kommen würde. Sie sagte nichts. Sie wusste, wer den Brief geschrieben hatte.
Ich war der, den alle den Mitternachtsmann nannten. Nicht weil ich nachts unterwegs war, um Ärger zu machen, sondern weil ich immer zu einer Zeit kam, wenn die anderen schliefen. Zu spät für die Vernunft, zu spät für das, was richtig gewesen wäre. Ich habe die Frauen in dieser Stadt nie richtig geliebt – ich habe sie zu sehr geliebt, und das war das Problem.
„Du hast wieder eine verletzt“, sagte Mama leise. Ich wollte widersprechen, aber ich konnte nicht. Ich wusste, dass sie recht hatte. Die Wahrsagerin, die am Rand unserer Straße wohnte, hatte es meiner Mutter gesagt, bevor ich überhaupt geboren war.
Bevor ich das Licht der Welt erblickt hatte, bevor mein erster Schrei die Nachbarn weckte, hatte die alte Frau mit den bunten Tüchern und den müden Augen zu meiner Mutter gesagt: „Dein Junge wird zu sehr lieben. Er wird mehr als eine Frau brechen. Er wird die süßen Mädchen zum Lachen bringen, aber er wird sie auch zum Weinen bringen. “
Mama hatte das nie vergessen.
Sie hatte es mir erzählt, als ich alt genug war, um zu verstehen. Damals hatte ich gelacht. Ich hielt mich für unbesiegbar. Ich dachte, Liebe wäre ein Spiel, das ich gewinnen konnte.
Jetzt stand ich in der Küche, der Brief zerknittert in meiner Faust, und ich fühlte mich, als hätte ich alles verloren. „Wer ist es diesmal? “, fragte Mama. „Lena“, sagte ich.
Der Name fühlte sich fremd an auf meinen Lippen, obwohl ich ihn so oft geflüstert hatte. „Sie sagt, sie will mich nie wieder sehen. Sie sagt, ich hätte sie belogen. Aber ich habe sie nicht belogen.
Ich habe ihr nur nicht die Wahrheit gesagt. “
Mama seufzte. „Das ist dasselbe. “
Ich ging hinaus in die Nacht.
Die Straßenlaternen warfen lange Schatten auf den Asphalt, und der Wind trug den Geruch von Regen mit sich. Ich hatte eine schwarze Katze als Glücksbringer an einer Kette um den Hals – ein Geschenk von einem alten Mann, der mir einmal gesagt hatte, ich würde sie brauchen. Mein Herz fühlte sich an, als wäre es blau geworden, kalt und schwer wie ein Stein. Ich dachte an Lena.
An ihr Lachen, das immer so hell war, wenn ich hereinkam. An die Art, wie sie mir Kaffee machte, ohne dass ich fragen musste. An die Art, wie sie mich ansah, als wäre ich der einzige Mann auf der Welt. Und ich dachte daran, wie ich sie verlassen hatte.
Nicht mit einem großen Streit. Nicht mit einem lauten Abschied. Ich war einfach gegangen. Ich hatte ihr gesagt, ich müsse etwas erledigen, und ich war nie wiedergekommen.
Nicht weil ich sie nicht liebte – sondern weil ich Angst hatte, dass sie zu gut für mich war. Dass sie eines Tages aufwachen und sehen würde, wer ich wirklich bin: ein Mann, der zu viel liebt und alles kaputt macht. „Warum tust du dir das an? “, fragte mein Freund Marcus später am Abend.
Wir saßen in seiner Bar, die nur schwach beleuchtet war, und er putzte Gläser, während ich an einem Bier nippte, das ich nicht wirklich wollte. „Ich weiß es nicht“, sagte ich ehrlich. „Du weißt es schon“, sagte er. „Du hast Angst davor, dass sie dich verlässt, bevor du sie verlassen kannst.
Also verlässt du zuerst. “
Ich starrte in mein Glas. „Das ist nicht wahr. “
„Doch, das ist es“, sagte er ruhig.
„Ich kenne dich seit zwanzig Jahren. Du bist der Junge, der immer weggelaufen ist, wenn es ernst wurde. Deine Mutter hat es dir prophezeit, und du hast es zu deinem Leben gemacht. “
Ich wollte wütend werden.
Aber ich konnte nicht. Er hatte recht. Am nächsten Tag traf ich Lena auf dem Markt. Sie sah mich an, als wäre ich ein Fremder.
Ihre Augen waren rot vom Weinen, und ich konnte sehen, dass sie versucht hatte, ihr Make-up zu retten, aber es war nicht gelungen. „Lena“, sagte ich. „Lass mich in Ruhe“, sagte sie. „Ich will nur erklären.
“
„Was willst du erklären? Dass du mich geliebt hast und dann gegangen bist, ohne ein Wort? Dass ich mir Sorgen gemacht habe, dass ich dachte, dir sei etwas passiert, bis ich herausfand, dass du bei deiner anderen Freundin warst? “
Ich blinzelte.
„Was meinst du? “
„Ich meine, dass du mich betrogen hast, Marcus. Ich weiß es. Jemand hat es mir erzählt.
“
Mir wurde kalt. Sie nannte mich Marcus, aber ich hieß nicht so. Sie sprach zu mir, als wäre ich jemand anderes. Und dann wurde mir klar: Sie sprach zu mir, als wäre ich der Mann, den sie verließ, aber sie verließ mich, weil sie dachte, ich wäre jemand, der ich nicht war.
„Ich bin nicht Marcus“, sagte ich. Sie lachte bitter. „Natürlich nicht. Du bist der Mitternachtsmann.
Der Mann, der kommt und geht. Aber du bist auch ein Lügner. “
„Ich habe dich nicht betrogen. “
„Aber du bist gegangen.
Ohne Erklärung. Ohne einen Anruf. Ohne eine Nachricht. Drei Wochen lang.
Und dann kommst du zurück und erwartest, dass ich dich in die Arme nehme? “
Ich schloss die Augen. Sie hatte recht. Was ich getan hatte, war nicht besser als Betrug.
Vielleicht war es schlimmer, weil ich nicht einmal den Mut gehabt hatte, Schluss zu machen. „Es tut mir leid“, sagte ich. „Das reicht nicht“, sagte sie. „Du bist immer nur der Mann, der geht.
Aber eines Tages wirst du der Mann sein, der bleibt – und dann wirst du sehen, wie es sich anfühlt, wenn jemand dich verlässt. “
Sie drehte sich um und ging. Ich stand da, auf dem Markt, mitten zwischen den Ständen, und ich fühlte mich, als hätte die ganze Welt zugesehen. Die Leute wussten, wer ich war.
Sie hatten immer gewusst, wer ich war. Abends ging ich zu meiner Mutter. Sie saß auf der Veranda und trank Tee, und sie sah zu mir auf, als wäre sie nicht überrascht, mich zu sehen. „Setz dich“, sagte sie.
Ich setzte mich neben sie. Wir schwiegen eine Weile. Dann fragte sie: „Hast du sie gesehen? “
„Ja.
“
„Und? “
„Sie hat mich verlassen, Mama. Sie hat mir gesagt, ich solle sie in Ruhe lassen. Und ich habe es verdient.
“
Mama stellte ihre Tasse ab. „Hör mir zu. Diese Wahrsagerin hat viel gesagt, aber sie hat nicht alles gesagt. Sie hat gesagt, dass du zu sehr lieben wirst.
Sie hat gesagt, dass du Herzen brechen wirst. Aber sie hat nicht gesagt, dass du nichts dagegen tun kannst. “
„Ich weiß nicht, wie ich es ändern soll. “
„Du änderst es, wenn du anfängst zu bleiben.
Wenn du anfängst zu kämpfen. Du bist weggelaufen, weil es einfacher war. Aber einfacher ist nicht besser. “
Ich sah sie an.
In ihrem Gesicht lag keine Wut, nur eine Traurigkeit, die tiefer war als alles andere. „Ich habe Angst, Mama“, gab ich zu. „Ich habe Angst, dass ich niemanden wirklich lieben kann, ohne ihn zu verletzen. Dass ich dazu verdammt bin.
“
Sie legte ihre Hand auf meine. „Niemand ist verdammt. Du hast bloß aufgehört zu glauben, dass du es verdienen könntest, geliebt zu werden. “
Ich weinte.
Ich hatte seit Jahren nicht mehr geweint. Aber in dieser Nacht, auf der Veranda meiner Mutter, mit dem Geruch von Kamille und Staub in der Luft, ließ ich zu, dass die Tränen kamen. Die nächsten Tage waren schwer. Ich vermied den Markt, weil ich Lena nicht wieder begegnen wollte.
Ich vermied die Bar, weil Marcus mir Dinge sagte, die ich nicht hören wollte. Ich blieb zu Hause, starrte an die Decke und dachte über mein Leben nach. Ich holte den Brief von Lena hervor. Unter der Zeile „Ich bin mit dir fertig“ stand noch etwas.
Ich hatte es vorher übersehen, weil ich zu sehr damit beschäftigt gewesen war, mich selbst zu bemitleiden. „Ich weiß von der anderen. Ich weiß, dass du sie letzte Woche getroffen hast. Du hast mich nicht geliebt.
Du hast niemanden geliebt. Und ich werde nicht mehr länger auf dich warten. “
Die andere. Ich wusste nicht, wovon sie sprach.
Ich hatte keine andere getroffen. Ich hatte mich gefragt, ob sie vielleicht mich mit jemandem verwechselte, aber nein, sie hatte mich bei einem falschen Namen genannt – Marcus. Das hätte mich stutzig machen sollen. Aber in meinem Schmerz hatte ich nicht weiter darüber nachgedacht.
Jetzt dachte ich darüber nach. Ich rief Marcus an. „Ich muss mit dir reden. “
„Ich bin beschäftigt“, sagte er.
„Ich komme trotzdem. “
Ich ging zur Bar, setzte mich an die Theke, und er stellte ein Glas vor mich hin, ohne zu fragen. „Wer ist Marcus? “, fragte ich.
Er wurde blass. „Was? “
„Lena hat mich Marcus genannt. Sie sagte, ich hätte sie mit einer anderen betrogen.
Sie sagte, jemand hätte es ihr erzählt. Was weißt du darüber? “
Marcus drehte sich um, wischte die Theke, aber ich konnte sehen, dass seine Hände zitterten. „Ich weiß nichts“, sagte er.
„Du lügst“, sagte ich ruhig. Er seufzte tief. Dann sah er mich an, und zum ersten Mal in all den Jahren sah ich echte Schuld in seinen Augen. „Ich habe sie getroffen“, sagte er.
„Vor ein paar Wochen. Sie suchte dich. Sie kam hierher, um dich zu suchen, weil sie dachte, du wärst hier. Und ich … ich habe mit ihr geredet.
Wir haben geredet, und dann …“
„Und dann was? “
„Sie hat mich nach deinem Namen gefragt. Und ich weiß nicht, warum, aber ich habe ihr meinen Namen gesagt. Ich habe nicht gesagt, wer ich bin.
Ich habe sie reden lassen, und sie dachte, ich wäre ich. Sie dachte, ich wäre ihr Freund, der sie verlassen hat. “
Ich starrte ihn an. „Und du hast ihr nicht gesagt, dass du nicht ich bist?
“
„Nein. Ich weiß nicht, warum. Ich war verwirrt. Sie war so traurig, und sie wollte reden, und ich … Ich habe mich wertlos gefühlt, weil ich nie jemanden hatte, und ich wollte, dass sie mich für jemanden hält, der geliebt wird.
Auch wenn es nicht wahr war. “
Ich stand auf. Mein Blut kochte. „Du hast sie mir weggenommen.
Du hast sie gegen mich aufgebracht, indem du so getan hast, als wärst du ich. “
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte nicht, dass sie dich verlässt. Ich wollte nur wissen, wie es sich anfühlt, begehrt zu werden.
“
Ich ballte die Fäuste. Ich hätte ihn schlagen können. Aber ich tat es nicht. Ich drehte mich um und ging hinaus in die Nacht.
Ich rannte zu Lenas Haus. Es regnete, und die Straßen waren leer. Ich klopfte an ihre Tür, wieder und wieder, bis sie öffnete. „Was willst du?
“, fragte sie müde. „Lena, die andere Frau existiert nicht. Das war nicht ich. Das war mein Freund Marcus, der so getan hat, als wäre ich.
Er wollte dich belügen, weil er einsam war. Aber ich habe dich nicht betrogen. Ich habe dich verlassen, ja, das habe ich getan. Das war falsch.
Aber ich habe dich mit niemandem betrogen. “
Sie sah mich an. In ihren Augen standen Tränen, aber sie ließ mich nicht hinein. „Und wie soll ich dir glauben?
“
„Ich habe keinen Beweis“, sagte ich. „Aber ich bin hier. Ich bin nicht weggelaufen. Ich stehe vor deiner Tür, im Regen, und ich sage dir die Wahrheit.
“
Sie schwieg. Dann sagte sie: „Ich habe dich nie Marcus genannt. “
„Du hast es getan“, sagte ich. „Auf dem Markt.
Du hast mich Marcus genannt. “
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe dich nicht Marcus genannt. Ich habe deinen Namen gesagt.
Ich habe gesagt: Du hast mich betrogen, David. “
Ich blinzelte. Mein Name war nicht David. Etwas stimmte nicht.
Ich ging nach Hause, das Wasser tropfte von meinen Haaren, und ich setzte mich an den Küchentisch. Mama saß noch wach. „Mama“, sagte ich. „Was hat die Wahrsagerin wirklich zu dir gesagt?
“
Mama sah mich an. Sie legte den Teelöffel auf den Teller und faltete die Hände. „Sie hat gesagt: Dein Sohn wird zu sehr lieben. Er wird mehr als eine Frau brechen.
Aber er wird auch eines Tages herausfinden, dass er nicht der einzige Mann auf der Welt ist, der das tut. “
„Was bedeutet das? “
„Ich weiß es nicht“, sagte Mama. „Aber ich habe immer gespürt, dass es in dieser Prophezeiung noch etwas anderes gibt.
Etwas, das nicht mir gehörte, sondern dir. “
Ich starrte in meine Hände. Die schwarze Katze an meiner Kette fühlte sich schwer an, als wollte sie mich erinnern, dass ich nicht alles kontrollieren konnte. Am nächsten Tag rief ich die Wahrsagerin an.
Ich ging zu ihr, in ihr kleines Haus am Rand der Straße, wo die Vorhänge immer zugezogen waren und Kerzen auf dem Tisch standen. Sie öffnete die Tür, bevor ich klopfen konnte. „Ich wusste, dass du kommen würdest“, sagte sie. „Was hast du meiner Mutter wirklich gesagt?
“, fragte ich. Sie lächelte – ein trauriges Lächeln. „Setz dich. “
Ich setzte mich.
Sie nahm meine Hand und drehte sie um. Dann sah sie mich an. „Ich habe deiner Mutter nicht die ganze Wahrheit gesagt“, sagte sie. „Ich habe ihr gesagt, dass du zu sehr lieben wirst.
Ich habe ihr gesagt, dass du Herzen brechen wirst. Aber ich habe ihr nicht gesagt, dass du eines Tages eine Frau treffen wirst, die dich an sich bindet. Und dass du wählen musst: zwischen der Liebe, die du kennst, und der Liebe, die du noch nicht verstehst. “
„Was soll das heißen?
“
„Lena ist nicht die Frau, die du lieben sollst. Sie ist ein Wegweiser. Aber auch Marcus ist kein Zufall. Und der falsche Name, den du gehört hast – das war kein Versehen deiner Ohren.
Das war eine Botschaft. “
„Von wem? “
„Von dem Teil von dir, der weiß, dass du nicht alles unter Kontrolle hast“, sagte sie. „Du bist der Mitternachtsmann, weil du immer dann kommst, wenn alle schlafen.
Aber eines Tages wirst du jemanden treffen, der auch nachts wach ist. Und dann wirst du dich entscheiden müssen, wer du sein willst. “
Ich verließ ihr Haus mit mehr Fragen als Antworten. In den nächsten Wochen meldete sich Lena nicht mehr.
Marcus rief mich an und entschuldigte sich, aber ich war noch nicht bereit, ihm zu verzeihen. Mama sagte, ich solle mir Zeit nehmen, um zu verstehen, wer ich bin, bevor ich nach Liebe suche. Und dann traf ich sie. Maria.
Sie stand vor der Bäckerei meiner Tante, mit einem Regenschirm, der nicht viel nützte, weil der Wind so stark war. Sie lachte in den Regen hinein, ohne sich Sorgen zu machen. „Du hättest einen besseren Schirm kaufen können“, sagte ich. „Wozu?
“, fragte sie. „Der Regen kommt trotzdem. “
Ich wusste in diesem Moment: Sie war anders. Und im selben Moment wusste ich, dass ich Angst hatte.
Weil ich wusste, dass die Wahrsagerin recht hatte – ich musste eine Wahl treffen. Ich konnte weiter der Mitternachtsmann sein, der kam und ging, ohne zu bleiben. Oder ich konnte bleiben, die Angst aushalten und lernen, dass Liebe nicht heißt, jemanden zu verlassen, bevor es wehtut. Maria grinste mich an, und Regen lief über ihr Gesicht.
„Na, kommst du da rein in den Trockenen, oder willst du hier mit mir nass werden? “
Ich sah mich kurz um. Die Straße war leer, die Läden machten zu. Und ich hatte Zeit genug, um zu antworten.
„Ich denke, ich bleibe“, sagte ich.


