München – Die Jagd nach Josef Mengele, dem Lagerarzt von Auschwitz, galt über drei Jahrzehnte als das größte Rätsel der Nachkriegszeit. Mossad-Agenten, der legendäre Nazi-Jäger Simon Wiesenthal und westdeutsche Staatsanwälte scheiterten immer wieder an einem Mann, der für den Tod von tausenden Menschen verantwortlich gemacht wird. Nun belegen Dokumente und Ermittlungsakten, dass die wahre Geschichte hinter seiner Flucht nichts mit einem geheimen Spionagenetzwerk zu tun hatte, sondern mit einem Familienunternehmen in Schwaben und einem Bruder, der bis zu seinem Tod als angesehener Bürger lebte, ohne je vor Gericht zu stehen.
Die zentrale Erkenntnis der Recherchen ist ernüchternd: Es war nicht die perfide Effizienz einer SS-Untergrundorganisation, die den “Todesengel von Auschwitz” schützte. Es war die schlichte, bürokratische Verwaltung von Geld und Kontakten durch die Firma Karl Mengele und Söhne in Günzburg. Diese Firma, einst einer der größten Hersteller von Dreschmaschinen in Deutschland, wurde zum finanziellen Rückgrat eines der meistgesuchten Kriegsverbrecher der Geschichte.
Die Ermittlungen des US-Justizministeriums kamen später zu einem vernichtenden Schluss: Der Hauptgrund für Mengeles jahrzehntelange Freiheit war das Vermögen seiner Familie, nicht die Hilfe ausländischer Geheimdienste.
Josef Mengele, geboren 1911, war von Mai 1943 bis Januar 1945 als Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Überlebende beschreiben ihn als einen Mann, der an der Rampe mit einer Handbewegung über Leben und Tod entschied, oft pfeifend und scheinbar gelangweilt. Seine Experimente an Zwillingen und Kindern, die Injektionen, die absichtlichen Infektionen und die Vergleiche an Leichen, gelten bis heute als Inbegriff der medizinischen Perversion des NS-Regimes.
Er behandelte den Mord an Kindern als wissenschaftliche Gelegenheit, eine Routine, die tausendfach wiederholt wurde.
Nach Kriegsende gelang ihm 1949 die Flucht über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien, mit einem Rotkreuz-Pass auf den Namen Helmut Gregor. Doch anders als das Bild des gehetzten Flüchtlings vermuten lässt, war Mengele kein mittelloser Mann im Untergrund. Er war ein gut finanzierter Emigrant, dessen Reise, die falschen Papiere und der Lebensunterhalt von seiner Familie in Günzburg bezahlt wurden.
Der entscheidende Beweis für sein Sicherheitsgefühl kam 1956, als er sich in Buenos Aires traute, seinen echten Namen wieder anzunehmen.
Mengele ging damals zur westdeutschen Botschaft in Buenos Aires und ließ sich eine beglaubigte Kopie seiner eigenen Geburtsurkunde ausstellen. Anschließend ließ er seine argentinischen Ausweispapiere gerichtlich ändern, der Alias Helmut Gregor wurde gestrichen, er war wieder offiziell Josef Mengele. Dieser Vorgang zeigt: Er war kein Mann, der sich versteckte, sondern einer, der erkannt hatte, dass das System zu seiner Verfolgung versagte.
Westdeutsche Beamte ließen ihn gewähren, Berichten zufolge lautete die Anweisung aus Bonn, die Sache ruhen zu lassen, da kein Haftbefehl vorliege.
Das eigentliche Herzstück der Fluchthilfe war jedoch ein Mann, der nie im Rampenlicht stand: Hans Sedlmeier. Er war ein leitender Angestellter der Firma Mengele und ein lebenslanger Freund von Josef. Sedlmeier wurde zur Schaltstelle der gesamten Operation.
Er transportierte Briefe und Geld zwischen Günzburg und Südamerika, er hielt den Kontakt aufrecht und verwaltete die Finanzströme wie eine normale geschäftliche Angelegenheit. Diese Banalität ist das eigentlich Ungeheuerliche: Die Unterstützung des meistgesuchten Mannes der Welt wurde wie eine wiederkehrende Ausgabe in einer Firmenbilanz behandelt.
Die Familie selbst pflegte über Jahrzehnte die Legende, nichts von den Verbrechen gewusst zu haben. Alois Mengele, der jüngere Bruder, gab später an, erst spät von der vollen Wahrheit erfahren zu haben. Doch ein Bericht des Spiegels aus dem Jahr 1985 zeichnet ein anderes Bild.
Demnach schickte Alois um 1960 Sedlmeier eigens nach Paraguay, um Josef in bayrischem Dialekt zu fragen, ob er denn wirklich etwas getan habe. Diese Detail, so berichtet, zeigt die bewusste Selbsttäuschung einer Familie, die einen Kurier über den Ozean schickte, um eine Frage zu stellen, deren Antwort sie bereits kannte.
Die Verbindung zwischen Flüchtling und Familie war keine Einbahnstraße. 1958 heiratete Josef Mengele in Uruguay Martha, die Witwe seines verstorbenen Bruders Karl. In Günzburg wurde dies als strategischer Schachzug gewertet, um seinen Anteil am Familienvermögen zu sichern.
Ein Jahr später erhielt er die paraguayische Staatsbürgerschaft. Er war kein bemitleidenswerter Angehöriger, der von großzügigen Verwandten getragen wurde, sondern ein Teilhaber an seiner eigenen Verbergung. Das Geld floss nach Süden, und sein Anspruch auf das Erbe blieb bestehen.
Die Konsequenzen für die Beteiligten sind bis heute ein Skandal. Alois Mengele, der Bruder, der die Flucht organisierte und nach dem Tod des Vaters 1959 die Firma übernahm, starb 1974 als reicher und angesehener Mann. Er wurde nie angeklagt.
Hans Sedlmeier, der Kurier, musste sich zwar einem Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung stellen, doch die Verjährungsfristen hatten den Fall ausgehöhlt. Er musste nie mit den Konsequenzen seines Handelns rechnen. Das System, das Mengele schützte, schützte auch seine Helfer.
Der Gipfel der Ironie folgte 1986. Die Firma Mengele, die den Kriegsverbrecher finanziert hatte, war inzwischen in Schieflage geraten und wurde vom Freistaat Bayern mit Steuergeldern vor der Insolvenz gerettet. Die Enkel von Josef Mengele, Karl-Heinz und Dieter, führten das Unternehmen weiter.
Der Staat, der den Mörder jagte, rettete das Unternehmen seiner Helfer. Diese Entscheidung wirft ein grelles Licht auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik, wo wirtschaftliche Interessen oft schwerer wogen als moralische Verpflichtungen.
Josef Mengele selbst starb 1979 beim Schwimmen nahe Bertioga in Brasilien. Er wurde unter dem falschen Namen Wolfgang Gerhard begraben. Sein Sohn Rolf, der ihn 1977 besucht hatte, schwieg jahrelang über den Tod des Vaters.
Die Welt jagte einen Toten, während die Familie das Geheimnis bewahrte. Erst 1985 führte die Beschlagnahmung der Korrespondenz von Hans Sedlmeier die Ermittler zu dem Grab. Die Exhumierung und der spätere DNA-Abgleich im Jahr 1992 bestätigten schließlich die Identität.
Die Frage, die bleibt, ist keine der Logistik, sondern der Moral. Wo endet Loyalität gegenüber der Familie und beginnt Komplizenschaft mit einem Mörder? Die Familie Mengele hat diese Frage über Jahrzehnte hinweg beantwortet, mit jedem Brief, den Sedlmeier trug, mit jedem Geldtransfer, mit jedem Schweigen.
Sie entschieden sich für den Komfort eines einzelnen Mannes und gegen jede Form der Gerechtigkeit für seine Opfer. Eine Mutter, die 1944 auf der Rampe von ihrer Tochter getrennt wurde, erhielt nie eine Entschuldigung.
Die Ermittlungsakten zeigen, dass die Männer, die Mengele versteckten, keine Dämonen waren, sondern Geschäftsmänner, die eine pragmatische Entscheidung trafen. Sie wogen das Risiko ab und kamen zu dem Schluss, dass es sich lohnte. Sie vertrauten darauf, dass die Behörden nicht genau hinschauen würden, und sie behielten recht.
Die Geschichte von Josef Mengele ist nicht die Geschichte eines genialen Verbrechers, sondern die Geschichte einer Gesellschaft, die wegsah, und einer Familie, die ihre Verantwortung verweigerte.
Der Fall wirft bis heute Fragen auf, die über die Person Mengele hinausgehen. Er zeigt, wie tief die Verstrickung von Industrie und NS-Verbrechen reichte und wie schwer es der jungen Bundesrepublik fiel, diese Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Firma Mengele profitierte vom Wirtschaftswunder, während ihr bekanntestes Familienmitglied in Südamerika ein komfortables Leben führte.
Die Justiz versagte, die Politik versagte, und die Familie versagte auf eine Weise, die man als aktive Mittäterschaft bezeichnen muss.
Die Recherchen über Hans Sedlmeier belegen, dass die Firma nicht nur passiv Geld zur Verfügung stellte, sondern aktiv die Kommunikation aufrechterhielt. Sedlmeier war kein einfacher Bote, er war ein Manager der Fluchthilfe. Er koordinierte die Kontakte, er wählte die sicheren Wege, er sorgte dafür, dass die Geldströme nicht auffielen.
Seine Korrespondenz, die erst nach Mengeles Tod sichergestellt wurde, ist ein Dokument der Skrupellosigkeit, die sich hinter einer Fassade von Biederkeit verbarg.
Die Familie Mengele hat sich nie öffentlich von Josef distanziert, solange er lebte. Im Gegenteil, sie sorgte dafür, dass er versorgt war. Die Frage, ob Alois Mengele die vollen Ausmaße der Verbrechen kannte, ist historisch nicht abschließend geklärt, aber die Indizien sind erdrückend.
Wer einen Kurier nach Südamerika schickt, um zu fragen, ob der Bruder ein Mörder ist, der hat die Antwort bereits im Herzen getragen. Er wollte sie nur nicht hören, um sein Gewissen zu beruhigen.
Das Versagen der Ermittler ist ein eigenes Kapitel. Die Mossad-Agenten, die Eichmann in Argentinien aufspürten, ließen Mengele mehrfach entkommen, weil sie ihn schlichtweg nicht fanden. Simon Wiesenthal, der unermüdliche Jäger, verfolgte falsche Spuren, weil die Familie geschickt Desinformation streute.
Die westdeutschen Behörden zeigten wenig Eifer, einen der ihren zu belangen. Diese Kombination aus familiärer Abschottung und behördlicher Lethargie ermöglichte es einem Massenmörder, in Frieden zu altern.
Die Rettung der Firma durch den Freistaat Bayern im Jahr 1986 ist ein Symbol für das gebrochene Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte. Die Staatsregierung unter der CSU entschied sich, Arbeitsplätze zu sichern, und ignorierte dabei die historische Last des Unternehmens. Es war eine pragmatische Entscheidung, die zeigt, dass wirtschaftliche Vernunft oft über moralische Bedenken gestellt wurde.
Die Opfer von Auschwitz erhielten keine Entschädigung von der Firma, aber der Staat zahlte, um die Firma zu retten.
Die Geschichte von Josef Mengele und seiner Familie ist eine Mahnung, dass das Böse oft nicht in den Schatten lauert, sondern in den Aktenordnern von Unternehmen und in den Wohnzimmern angesehener Bürger. Es ist die Geschichte von Menschen, die wegsahen, um ihr eigenes Leben nicht zu gefährden. Die Frage, die bleibt, ist, wie viele andere Mengeles es gab, die dank solcher Netzwerke unerkannt blieben.
Die Akten sind noch nicht geschlossen, und die Wahrheit ist oft banaler und brutaler als jede Verschwörungstheorie.



