Essen im 2. Weltkrieg: Was Soldaten aßen, wenn die Vorräte leer waren (Schuhleder & Co.)

Der Krieg ist ein gefräßiges Ungeheuer, das nicht nur Munition und Treibstoff verschlingt, sondern vor allem eines fordert: Kalorien. In den Generalstabsplänen und Logistikhandbüchern der großen Armeen des Zweiten Weltkriegs war die Ernährung des Soldaten eine exakte Wissenschaft. 3600 bis 4000 Kalorien pro Tag waren vorgesehen, um einen kämpfenden Mann bei Kräften zu halten.

Die Propaganda aller Seiten zeigte Bilder von dampfenden Feldküchen, von frischem Brot und herzhaften Eintöpfen, die in den Pausen zwischen den Gefechten ausgeteilt wurden. Doch die Realität an den Fronten, fernab der Heimat und der Nachschublinien, war eine völlig andere. Wenn die logistische Kette riss, wenn die Einkesselung perfekt war oder der Feind die Konvois bombardierte, verwandelte sich der moderne Krieg in einen archaischen Kampf ums Überleben.

Der Hunger wurde zu einem Feind, der oft grausamer und tödlicher war als die Kugel des Gegners. Was Soldaten in ihrer ultimativen Verzweiflung aßen, spottet oft jeder Beschreibung und zeugt von der unfassbaren Zähigkeit des menschlichen Organismus.

Zu Beginn jeder Operation trug der Soldat die sogenannte eiserne Portion bei sich. Es war die letzte Reserve, oft bestehend aus hochkalorischen Keksen, Fleischkonserven wie den berühmten Corned Beef oder der deutschen Erbswurst und etwas Schokolade. Der Verzehr war nur auf direkten Befehl des Offiziers erlaubt.

Doch im Chaos des Rückzugs oder in der Isolation des Dschungelkrieges war diese Ration oft schon nach wenigen Tagen verbraucht. Was folgte, war der Abstieg in die kulinarische Hölle. Die erste Stufe dieses Abstiegs war meist der Zugriff auf die tierischen Begleiter der Armee.

Obwohl der Zweite Weltkrieg als der erste hochtechnisierte Krieg der Geschichte gilt, waren Millionen von Pferden im Einsatz. Die Wehrmacht allein nutzte fast 3 Millionen Pferde als Zugtiere und Transportmittel. Wenn der Nachschub ausblieb, verwandelte sich das Transportmittel in Nahrung.

Pferdefleisch wurde zur Hauptproteinquelle an der Ostfront. Doch in der eisigen Kälte Russlands bei minus 40 Grad war selbst das Schlachten eine Herausforderung. Das Fleisch der gefallenen Tiere gefror innerhalb von Minuten zu steinharter Konsistenz.

Die Soldaten mussten Äxte und Sägen verwenden, um Stücke aus den Kadavern zu brechen. Oft wurde das Fleisch roh gelutscht, da kein Brennmaterial für ein Feuer vorhanden war.

Ein besonders dramatisches Kapitel der Ernährungskatastrophe schrieb die 6. Armee im Kessel von Stalingrad. Als im Winter 1942 der Ring der Roten Armee geschlossen wurde, waren fast 300.

000 Menschen eingeschlossen. Die versprochene Luftversorgung durch Hermann Göring war eine Lüge. Statt der nötigen 500 Tonnen pro Tag landeten oft nur wenige Kisten.

Der Hunger breitete sich rasend schnell aus. Zuerst aß man die Pferde. Als diese verschwunden waren, richtete sich der Blick auf andere Lebewesen.

Hunde und Katzen verschwanden von den Straßen der Ruinenstadt. Ein toter Hund wurde zu einem kostbaren Gut, das auf dem Schwarzmarkt im Kessel gegen Goldringe oder wertvolle Uhren getauscht wurde. Doch der Hunger trieb die Männer noch weiter.

In den Berichten der Überlebenden finden sich Schilderungen, die das Grauen greifbar machen. Man begann Jagd auf Ratten zu machen. Diese Tiere, die sich von den Leichen in den Trümmern ernährten, wurden zur letzten Hoffnung auf Protein.

Es war ein bizarrer Kreislauf des Todes. Die Ratten fraßen die gefallenen Kameraden und die Lebenden aßen die Ratten. Um den Geschmack des oft ranzigen oder kranken Fleisches zu überdecken, nutzten die Soldaten Schießpulver als Gewürzersatz.

Das in den Patronen enthaltene Pulver schmeckte salzig und schwefelig und gaukelte dem Gaumen eine Würze vor, die nicht existierte.

Wenn auch die Tiere verschwunden waren, begann die Phase der Surrogate, der Ersatzstoffe, die eigentlich nicht für den menschlichen Verzehr gedacht waren. Hier kommt der Mythos vom Schuhleder ins Spiel, der jedoch eine bittere Realität war. Leder ist chemisch betrachtet gegerbte Tierhaut.

Es enthält Kollagen, ein Strukturprotein. In ihrer Verzweiflung schnitten Soldaten Teile ihrer Ausrüstung ab. Gürtel, Koppeln, Taschen oder Teile der Stiefelschäfte.

Dieses Leder wurde nicht einfach gekaut, denn das wäre unmöglich gewesen. Es wurde stundenlang oder tagelang in geschmolzenem Schnee gekocht. Das Ziel war es, das Leder weich zu machen und das Kollagen herauszulösen, um eine trübe leimartige Suppe zu erhalten.

Der Nährwert dieser Ledersuppe war verschwindend gering und die Gerbstoffe und Chemikalien, mit denen das Leder behandelt worden war, führten oft zu schweren Magenkrämpfen und Vergiftungserscheinungen. Doch das Gefühl, etwas Warmes im Magen zu haben, etwas zu kauen, das Widerstand bot, war psychologisch überlebenswichtig. Es ging darum, dem Magen eine Beschäftigung zu geben, um das nagende Gefühl der Selbstverdauung für wenige Stunden zu betäuben.

Auch andere Materialien wurden zweckentfremdet. An der Ostfront und in den Lagern berichteten Gefangene davon, dass sie Knochenleim aßen. Leim wurde damals oft aus Tierknochen und Häuten hergestellt.

Wenn man Zugang zu einer Tischlerei oder Werkstatt hatte, stahl man den festen Leim, weichte ihn in Wasser ein und aß die gallertartige Masse. Ebenso wurde Sägemehl, das eigentlich als Streckmittel für das sogenannte Kommissbrot gedacht war, pur verzehrt. In den Bäckereikompanien wurde das Mehl immer knapper, sodass der Anteil an Sägemehl, Kartoffelschalen und sogar Stroh im Brot immer weiter erhöht wurde, bis das Resultat eher einem Ziegelstein aus Zellulose glich als einem Nahrungsmittel.

Dieses Brot lag schwer im Magen, verursachte blutige Durchfälle und lieferte kaum Energie. Ein ganz anderes, aber nicht weniger schreckliches Szenario bot sich den Soldaten im Pazifikkrieg. Auf den Inseln im Dschungel, abgeschnitten von der Außenwelt durch die amerikanische Blockade, kämpften die japanischen Garnisonen einen aussichtslosen Kampf gegen den Hunger.

Hier war nicht die Kälte das Problem, sondern die Hitze und die Fäulnis. Reisvorräte verschimmelten innerhalb von Tagen. In ihrer Not wandten sich die Soldaten der Flora und Fauna des Dschungels zu.

Sie aßen Schlangen, Eidechsen und Insekten. Palmenherzen und unbekannte Wurzeln wurden ausgegraben. Oft mit fatalen Folgen, da viele tropische Pflanzen giftig sind.

Es gibt dokumentierte Fälle, in denen japanische Einheiten begannen, Grasfleisch zu kultivieren, einen Euphemismus für den Versuch, aus absolut nichts Essbares zu gewinnen. Doch die wohl dunkelste Seite des Hungers im Pazifik war der Kannibalismus. In den späteren Kriegsjahren, als die Versorgungslinien der kaiserlichen Armee komplett zusammengebrochen waren, wurden Fälle bekannt, in denen das Fleisch von gefallenen Feinden oder sogar eigenen Kameraden verzehrt wurde.

Dies geschah nicht aus kulturellen Riten, sondern aus reinem biologischen Überlebenszwang. Diese Vorfälle wurden von den Alliierten Gerichten nach dem Krieg untersucht und Zeugen berichteten von der totalen Entmenschlichung, die der extreme Hunger bewirkt. Der Mensch hört auf, ein moralisches Wesen zu sein und wird zu einem reinen Stoffwechselmechanismus.

Die körperlichen Folgen dieser Mangelernährung waren verheerend. Das erste Anzeichen war der Verlust des Unterhautfettgewebes. Die Augen sanken tief in die Höhlen, die Wangenknochen traten hervor.

Doch paradoxerweise sahen viele der verhungernden Soldaten in den späteren Stadien gar nicht abgemagert aus, sondern aufgedunsen. Das sogenannte Hungerödem sorgte dafür, dass sich Wasser im Bauchraum und in den Beinen ansammelte. Der Körper, dem Proteine fehlten, konnte das Wasser nicht mehr im Blut halten.

Soldaten, die wie wandelnde Leichen aussahen, hatten dicke teigige Bäuche, ein trügerisches Bild, das oft kurz vor dem Herzversagen auftrat.

Psychologisch richtete der Hunger ebenso große Schäden an. In den Tagebüchern und Briefen von Soldaten an der Front dreht sich oft alles nur noch um ein Thema: Essen. Männer, die im Schlamm und unter Beschuss lagen, führten stundenlange Gespräche über die Lieblingsgerichte ihrer Kindheit.

Sie tauschten Rezepte aus für Kuchen, Braten und Klöße, die sie nie kochen würden. Man nannte dies Magenfantasien. Das Gehirn, unterversorgt mit Glucose, flüchtete sich in eine Traumwelt des Überflusses.

Diese Obsession führte oft zum Zusammenbruch der Disziplin. Soldaten verließen ihre sicheren Stellungen, um auf einem verlassenen Feld nach einer einzigen gefrorenen Kartoffel zu graben und bezahlten diesen Ausflug oft mit dem Leben durch einen Scharfschützen. Auch die Naturheilkunde wurde bis zum Äußersten ausgereizt.

Man kochte Tee aus Kiefernadeln, um dem Skorbut, dem Vitamin-C-Mangel entgegenzuwirken. Rinde von Birken und Eichen wurde abgeschabt und gekaut, um das Hungergefühl zu dämpfen und die Gerbstoffe gegen den allgegenwärtigen Durchfall zu nutzen. Alles, was auch nur entfernt organisch war, wurde auf seine Essbarkeit geprüft.

Zahnpasta, Schuhcreme und Vaseline wurden verzehrt, in der verzweifelten Hoffnung, dass die darin enthaltenen Fette und Öle dem Körper Energie liefern könnten.

Das Ende des Krieges im Mai 1945 brachte für viele nicht das sofortige Ende des Hungers. In den Kriegsgefangenenlagern, besonders auf den Rheinwiesen und in Sibirien, setzte sich das Sterben fort. Die Infrastruktur Europas war zerstört, die Felder verwüstet.

Was die Soldaten dort aßen, Wassersuppen mit wenigen Kohlblättern, Gras und Rindenbrot, war kaum besser als das, was sie an der Front zu sich genommen hatten. Die Geschichte des Essens im Zweiten Weltkrieg ist eine Geschichte der absoluten Reduktion. Sie zeigt uns, dass Zivilisation nur drei Mahlzeiten tief ist.

Wenn diese Mahlzeiten ausbleiben, fallen alle Hemmungen, alle kulturellen Errungenschaften und alle moralischen Bedenken. Der Soldat, der seinen eigenen Ledergürtel kocht, um nicht zu sterben, ist ein Mahnmal für die Zerbrechlichkeit unserer Existenz. Wenn wir heute in den Supermarkt gehen und uns über die Auswahl beschweren oder Lebensmittel wegwerfen, weil das Verfallsdatum um einen Tag überschritten ist, sollten wir uns an jene Männer erinnern, für die eine Handvoll Sägemehl oder ein Stück sehniges Pferdefleisch der Unterschied zwischen Leben und Tod war.

Der Geschmack des Krieges ist nicht der Geschmack von Sieg oder Niederlage. Es ist der Geschmack von Leder, Leim und Verzweiflung.