Elias kannte jeden Laut der Hamburger Rechtsmedizin – doch das Scharren aus Kühlzelle Nummer 7 war ihm fremd. Am Morgen hatte man eine Frau eingeliefert: Herzversagen, fünfunddreißig, schön, tot….

Elias kannte jeden Laut der Hamburger Rechtsmedizin – doch das Scharren aus Kühlzelle Nummer 7 war ihm fremd. Am Morgen hatte man eine Frau eingeliefert: Herzversagen, fünfunddreißig, schön, tot....

Das Scharren kam aus Kühlzelle Nummer 7. Elias Falke blieb stehen. Seit fünfzehn Jahren arbeitete er als Sanitäter in der Hamburger Rechtsmedizin, und er kannte die Geräusche des alten Gebäudes: Rohre, Metall, Zugluft. Dieses Geräusch passte nicht dazu.

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Dann hörte er seinen Namen. Eine Frauenstimme. Sie kam aus der Zelle, in der am Morgen Aurelia Brand eingeliefert worden war. Offiziell Herzversagen.

Fünfunddreißig Jahre alt, schön, tot. „Elias, hab keine Angst. Öffne die Tür. “

Er öffnete.

Aurelia Brand saß auf dem Metalltisch und lächelte. „Ich war nie tot“, sagte sie. „Ich habe nur sehr gut simuliert. “

Elias lehnte sich gegen den Türrahmen.

„Das ist unmöglich. Ich habe deinen Puls gefühlt. “

„Ein Präparat. Es verlangsamt Herzschlag und Atmung bis zur Unkenntlichkeit.

Nach zwölf Stunden lässt die Wirkung nach. “

Er ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Warum? “

„Mein Mann will mich töten.

Ich musste sterben, um zu überleben. “

Sie erzählte ihm von Kasper von Dom, genannt der Baron. Restaurants, Baufirmen, davor und dahinter Erpressung, Geldwäsche, Auftragsmorde. Sie hatte versucht, ihn zu verlassen.

Er hatte gesagt, er bringe sie lieber um, als sie gehen zu lassen. „Ich habe den Tod nur vorgetäuscht. Morgen Vormittag kommt er zur Identifizierung. Er wird dich bezahlen, damit du den Körper schnell einäscherst.

Nimm das Geld. Wenn er weg ist, hilfst du mir zu verschwinden. “

Aurelia nannte eine Summe. Eine halbe Million Euro.

Elias dachte an seine Frau Jette, an ihre kleine Wohnung, an die Tochter, die studieren wollte. Er dachte an die Reisen, von denen sie nur geträumt hatten. „Gut“, sagte er. „Ich helfe dir.

Aurelia trank Tee im Personalraum und wartete auf den Morgen. Sie hatte lange gebraucht, um hierherzukommen. Vor fünfzehn Jahren war sie eine normale Studentin gewesen, bis Kasper sie in einer dunklen Gasse vor Betrunkenen gerettet hatte. Er war ihr Held gewesen.

Erst viel später hatte sie verstanden, dass er kein Retter war, sondern ein Besitzer. Sie hatte alles gesehen: die nächtlichen Anrufe, die stummen Besucher, die blauen Knöchel. Sie hatte gehört, wie er einen Konkurrenten beseitigen ließ, als wäre es ein Einkauf. Sie hatte versucht zu fliehen, zweimal.

Beim zweiten Mal hatte er ihre Freundin ins Krankenhaus schlagen lassen. „Du bist mein Eigentum“, hatte er gesagt. „Ich töte dich lieber, als dich freizugeben. “

Vor sechs Monaten hatte sie zufällig gehört, wie Kasper mit seinem Assistenten Leopold Kroll über sie sprach.

„Sie weiß zu viel. Wir müssen sie beseitigen. “

Da begann sie ihren eigenen Tod zu planen. Ein Arzt mit Spielschulden besorgte ihr das Präparat.

Sie versteckte Geld, schuf Papiere, kaufte ein Flugticket. Gestern Abend nahm sie das Mittel. Eine Stunde später war sie klinisch tot. Jetzt lag sie auf dem Metalltisch in Zelle 7, als am Samstagmorgen die schwarze Limousine vorfuhr.

Kasper von Dom war größer, als Elias erwartet hatte. Ein hartes Gesicht, kalte Augen, ein Mann, der keine Fragen duldete. Neben ihm standen Leopold Kroll und ein zweiter Mann. Elias führte sie zur Zelle.

Kasper sah seine Frau lange an, ohne jede Regung. „Sie ist es“, sagte er. „Einäscherung. Heute noch.

Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Jacke. „Wie viel? “

„Fünftausend“, stieß Elias hervor. Kasper zahlte ohne mit der Wimper zu zucken.

„Bis heute Abend muss alles erledigt sein. Die Asche hole ich morgen ab. “

„Selbstverständlich. “

Als die Männer gegangen waren, setzte sich Aurelia auf.

Sie nahm ein Mittel, das den Kreislauf stabilisierte, und reichte Elias einen Zettel. „Schweizer Konto. Eine Million Euro. Die Hälfte gehört dir.

Elias starrte auf die Zahlen. Sein Leben hatte sich in wenigen Stunden in eine Richtung gedreht, die er nie für möglich gehalten hatte. Aurelia schnitt sich die Haare kurz, zog die Kleidung einer Reinigungskraft an und nahm eine dunkle Brille. Sie verließen die Rechtsmedizin durch den Personaleingang.

Am Busbahnhof holte sie einen Rucksack mit Papieren und Geld. Darin lag ein Reisepass auf den Namen Kosima Steiner. „Aurelia Brand ist tot“, sagte sie. „In ein paar Stunden gibt es von ihr nur noch Asche.

Sie fuhren zum Flughafen. Der Check-in lief glatt. An der Wartehalle bestellten sie Kaffee. „In einer halben Stunde beginnt das Boarding“, sagte Aurelia.

„Bald ist alles vorbei. “

Dann wurde sie blass. Am Informationsschalter stand Leopold Kroll. Neben ihm Malte Jensen, Kaspers zweiter Handlanger.

Leopold hatte sein Telefon in der Hand. „Er hat uns gesehen“, sagte Aurelia. Leopold hatte den ganzen Vormittag ein ungutes Gefühl gehabt. Der Baron war zu ruhig gewesen, der Sanitäter zu nervös.

Dann die Erinnerung an ein Telefongespräch, das Aurelia vor zwei Wochen geführt hatte: Prag. Er hatte die Flüge nach Prag und Zürich überprüfen lassen. Dort stand sie nun. Er rief Kasper an.

„Sie lebt. Sie versucht, nach Zürich zu fliegen. “

„Halt sie fest. Ich bin unterwegs.

Aurelia floh mit Elias Richtung Gate, aber Kroll schnitt ihnen den Weg ab. „Was für ein Zufall“, sagte er höflich. „Für eine Tote. “

Sie umzingelten das Paar.

Aurelia wusste, dass Kasper in wenigen Minuten eintreffen würde. Also schrie sie: „Polizei! Hilfe! Diese Männer verfolgen mich!

Im Terminal drehten sich die Leute um. Polizisten kamen. Leopold und Malte traten zurück. Auf der Wache nannte Aurelia sich Kosima Steiner und behauptete, ihr Mann wolle sie töten.

Der Kommissar, Frank Siebert, nahm ihre Aussage auf. Dann meldete der Diensthabende: „Draußen wartet Kasper von Dom. Er will eine Vermisstenanzeige aufgeben. “

Kasper trat ein, mit besorgter Miene.

„Gott sei Dank lebst du“, sagte er. Dann wandte er sich an den Kommissar: „Meine Frau ist krank. Sie ist in psychiatrischer Behandlung. Sie glaubt, ich und meine Leute wollen sie töten.

Er zog Atteste aus der Tasche. Diagnose: paranoide Störung mit Verfolgungswahn. Offiziell gestempelt und unterschrieben. „Die Dokumente sind gefälscht“, sagte Aurelia.

„Du hast doch selbst Stimmen gehört“, seufzte Kasper. Aurelia spielte ihren letzten Trumpf aus: „Ich habe Beweise für seine Verbrechen. In einem Banksafe. “

Sie fuhren zur Bank.

Der Kommissar öffnete den Ordner. Briefe, Fotos, Bankbelege, Aufzeichnungen. Kasper blieb ruhig. Er zeigte auf ein Dokument: „Das Datum stimmt nicht.

Da war ich auf Geschäftsreise. Hier, mein Reisepass. “ Er erklärte jedes Beweisstück als Fälschung, als Konstrukt einer kranken Frau, als Erpressungsversuch. Die Daten passten nicht, die Gespräche waren montiert.

Aurelia verstand: Er hatte ihr die Unterlagen selbst untergeschoben, um sie unglaubwürdig zu machen. Die echten Dokumente hielt er versteckt. „Leider sehen wir keine Beweise“, sagte der Kommissar. „Dafür aber Anzeichen einer ernsten Störung.

„Ich nehme meine Frau mit nach Hause“, sagte Kasper. „Sie wird niemanden mehr belästigen. “

Auf dem Rückweg flüsterte er: „Du hast nicht gewonnen. Deine echten Unterlagen finde ich noch heute.

Aurelia bat im Stau, auf die Toilette zu dürfen. Ein Beamter begleitete sie. Als er sich abwandte, rannte sie durch einen Personaleingang und verschwand in der Menge. Elias hatte derweil das Nötigste gepackt, Jette eine Nachricht hinterlassen und seinen alten Freund Tilmann um Hilfe gebeten.

Tilmann gab ihm den Schlüssel zu seinem Wochenendhaus im Wald. Am Abend tauchte Aurelia dort auf. Sie hatte seine SMS erhalten und Tilmann überredet, sie zu bringen. „Kasper hat mich ausgetrickst“, sagte sie.

„Aber ich habe noch etwas getan: Ich habe Kopien der echten Unterlagen an die Staatsanwaltschaft, das BKA und drei Zeitungen geschickt. Ich musste nur auf senden klicken. “

Tilmann erklärte sich bereit, einen Fluchthelfer in Dresden zu organisieren. Er fuhr noch in derselben Nacht los.

Aurelia und Elias warteten im Wochenendhaus. Kasper von Dom saß derweil in seinem Büro. „Der Sanitäter hat einen Freund, Tilmann Foss. Er ist gestern Richtung Dresden gefahren.

“ Leopold meldete: „Meine Leute haben auch ihr Versteck gefunden. “

Vier Männer umstellten das Wochenendhaus am Nachmittag. Aurelia und Elias flohen durch den Hintereingang in den Wald. Sie liefen bis zum Ortsrand, wo Tilmann plötzlich neben einem alten VW-Bus stand.

„Steig ein“, sagte er. „Der Wagen gehört meinem Nachbarn. “

Die Verfolger blieben im Schlagloch stecken. Tilmann fuhr über Waldwege zu einem verlassenen Jagdhaus, wo Lutz Wimmer wartete, ein ehemaliger Grenzer.

Gegen zweitausend Euro führte er sie nachts durch den Sumpf zur tschechischen Grenze. „Von hier aus schafft ihr es allein“, sagte er. „In drei Kilometern liegt ein Dorf. “

Sie verabschiedeten sich von Tilmann.

Dann überquerten Aurelia und Elias die Grenze. Im Morgengrauen saßen sie an einer Bushaltestelle im tschechischen Dorf. Aurelia holte einen Umschlag aus dem Rucksack. „Dein Anteil“, sagte sie.

„Du kannst hingehen, wohin du willst. Wenn du willst, komm mit in die Schweiz. Ich habe dort eine Wohnung, auf einen anderen Namen gekauft. “

Elias nahm das Geld.

„Und Kasper? “

„Der hat bald andere Sorgen. “ Sie lächelte. „Die Unterlagen sind unterwegs.

Bis wir in Zürich ankommen, läuft gegen ihn ein Verfahren. “

Sie fuhren nach Prag. Aurelia kaufte zwei Flugtickets nach Zürich. Als das Flugzeug abhob, sah sie aus dem Fenster.

„Frei“, sagte sie leise. „Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren. “

Elias blieb zunächst in Prag. Wenige Tage später las Kasper von Dom in Hamburg die Schlagzeile: „Bekannter Gastronom wegen krimineller Vereinigung festgenommen.

“ Seine Anwälte kamen zu spät. Aurelia hatte ihn nicht nur überlebt, sie hatte sein Imperium zerstört. Ein halbes Jahr verging. Aurelia, jetzt offiziell Kosima Steiner, arbeitete als Übersetzerin in Zürich.

Elias kehrte nach Deutschland zurück. Er zog mit Jette und seiner Tochter Rieke in eine kleine Stadt bei Lübeck, verkaufte die alte Wohnung, kaufte eine neue und arbeitete in einer Uhrmacherwerkstatt. Rieke studierte Psychologie. Im Sommer fuhren sie ans Meer.

Kasper von Dom wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Leopold Kroll und Malte Jensen erhielten ebenfalls lange Strafen. Tilmann Foss zog zu seiner Schwester nach München und arbeitete weiter als Programmierer. Manchmal rief er Elias an, und sie erinnerten sich an die Tage, die ihr Leben verändert hatten.

Manchmal siegt die Gerechtigkeit. Auch wenn man dafür den eigenen Tod inszenieren und in einem anderen Land neu anfangen muss. Aurelia hatte etwas bekommen, das mehr wert war als Geld: Sie hatte ihre Freiheit.