Als ich die Arztpraxis verließ, trat eine fremde Frau an mich heran. Sie fasste meinen Arm und flüsterte: »Ihre Tochter schläft mit meinem Mann. Gemeinsam planen sie, sich Ihr Erbe unter den Nagel zu reißen. «
Ich blieb wie erstarrt stehen.

Friedrich Hartmann, achtundsechzig, ehemaliger Offizier der Bundeswehr, Witwer. Nach zweiundvierzig Jahren Dienst glaubte ich, alles gesehen zu haben. Den Verrat aus den eigenen Reihen hatte ich nicht einkalkuliert. Die Frau war nicht älter als fünfzig, gut gekleidet.
Aber ihre Augen waren voller Schmerz und Trauer. »Petra Müller«, sagte sie leise. »Ich beobachte meinen Mann seit Wochen. Heute habe ich ihn mit Ihrer Tochter aus dem Haus kommen sehen.
Sie küssten sich minutenlang, völlig unbeeindruckt von den Menschen um sie herum. «
»Das muss ein Irrtum sein«, stammelte ich. »Meine Annika würde niemals –«
Sie schüttelte den Kopf und zog ihr Handy hervor. Fotos.
Annika in den Armen eines fremden Mannes, vor einem teuren Restaurant, leidenschaftlich küssend. Das Datum: letzten Dienstag – genau an dem Tag, an dem sie mir von einem wichtigen Geschäftstermin erzählt hatte. »Mein Mann heißt Dr. Thomas Müller«, fuhr Petra fort.
»Rechtsanwalt, spezialisiert auf Erbrecht. Ich habe ihre Gespräche belauscht. Ihre Tochter will Sie zu einem Testament bewegen, das ihr alles hinterlässt. « Sie stockte.
»Und dann? « Meine Stimme zitterte. »Dann reden sie darüber, wie praktisch es wäre, wenn alte Menschen einfach verschwinden würden. Besonders wenn sie allein leben.
«
Die Welt drehte sich um mich. Ich musste mich an einem Laternenpfahl festhalten. Annika, mein einziges Kind. Ich hatte alles für sie geopfert.
Jetzt sollte sie meinen Tod planen? »Warum erzählen Sie mir das? «
»Weil ich seit fünfundzwanzig Jahren mit Thomas verheiratet bin. Weil wir drei Kinder haben, die ihren Vater brauchen.
Und weil Ihr Tod nicht nur Ihnen schaden würde, sondern meiner Familie alles nehmen. «
Sie reichte mir einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. »Ich habe Beweise. Fotos, Audioaufnahmen, Dokumente.
Wir können uns morgen treffen. «
Ich fuhr wie in Trance nach Hause. Das Haus, das ich mir nach der Pensionierung gekauft hatte, wirkte plötzlich wie ein Gefängnis. Um sieben klingelte das Telefon.
Annika, wie jeden Abend. »Hallo Papa, wie war dein Tag? Warst du beim Arzt? « Ihre Stimme klang so liebevoll wie immer.
»Ja, war ich. Alles in Ordnung. «
»Gut. Du musst auf dich aufpassen, Papa.
« Eine kleine Pause. »Übrigens, erinnerst du dich an das Gespräch über dein Testament? Ich denke, wir sollten das bald regeln. Man weiß ja nie, was passiert.
«
Mein Magen verkrampfte sich. »Warum die Eile? «
»Keine Eile. Aber du lebst allein in dem großen Haus.
Was, wenn dir etwas zustößt? «
Nach dem Telefonat saß ich lange im Sessel und starrte an die Wand. Am nächsten Morgen traf ich Petra in einem kleinen Café außerhalb der Stadt. Sie brachte eine dicke Mappe mit.
»Schauen Sie sich das an. «
Darin lagen Fotos von Annika und Thomas – vor Notaren, Banken, Anwaltskanzleien. Dazu Kopien aus Thomas’ Büro: Akten von älteren Menschen, die nach einer Testamentsänderung plötzlich gestorben waren. Wilhelm Braun, einundsiebzig, Witwer.
Herzinfarkt, drei Wochen nach der Unterschrift. Seine Erbin hieß Sandra Wagner. »Das ist Annika«, sagte Petra. »Sie benutzt falsche Identitäten.
«
Martha Schmidt, neunundsechzig. Robert Klein, einundsiebzig. Die Erben waren immer dieselbe Frau. »Wie viele haben sie umgebracht?
«, fragte ich. »In den letzten drei Jahren mindestens sieben. Wahrscheinlich mehr. Mein Mann ist ein Psychopath.
Ihre Tochter ist noch schlimmer. Sie fangen alleinstehende, wohlhabende alte Menschen ein, setzen die Testamente auf und bringen sie dann um – mit einem langsam wirkenden Gift, das den natürlichen Tod vortäuscht. Ein korrupter Arzt stellt den Totenschein aus. «
»Und das soll in diesem Land möglich sein?
«
»Sie können zur Polizei gehen. Aber Thomas ist ein angesehener Anwalt. Annika wirkt wie eine liebevolle Tochter. Meine Beweise sind nicht legal beschafft.
«
»Sie meinen, sie kommen damit durch? «
»Oder wir spielen ihr Spiel mit. Lassen sie glauben, ihr Plan funktioniert, sammeln weitere Beweise und sorgen dafür, dass sie bekommen, was sie verdienen. «
»Ich brauche einen Plan.
«
Petra lächelte zum ersten Mal. »Den habe ich bereits. «
In den folgenden Tagen beobachtete ich Annika genauer. Als sie vorschlug, gemeinsam zum Notar zu gehen, um mein Testament zu aktualisieren, wusste ich: Petra hatte recht.
»Papa, du musst praktisch denken«, sagte Annika auf der Fahrt. »Das Haus, deine Ersparnisse, die Lebensversicherung – alles sollte geregelt sein. Für den Fall der Fälle. «
»Du hast recht«, antwortete ich und spielte den ahnungslosen alten Mann.
»Gut, dass du dich um solche Dinge kümmerst. «
Sie drückte meine Hand – die Hand, die bald mein Todesurteil unterschreiben würde. Beim Notar war Thomas Müller bereits anwesend. Ein gutaussehender Mann in den Fünfzigern, graue Schläfen, teurer Anzug.
Er begrüßte mich herzlich. Das Testament wurde geändert. Annika erbte alles: das Haus, die Ersparnisse, die Lebensversicherung. Insgesamt eineinhalb Millionen Euro.
Genug, um zu töten. Als wir das Notariat verließen, umarmte mich Annika. »Danke, Papa. «
»Nichts zu danken, Liebling.
« Sie wusste nicht, dass ich längst meinen eigenen Plan gestartet hatte. Am Abend rief ich Petra an. »Es ist vollbracht. Sie erbt alles.
«
»Gut. In den anderen Fällen dauerte es nie länger als zwei Wochen bis zum Vorfall. «
Ich hatte bereits Kameras installieren lassen – eine in Annikas Haus, eine in meiner Küche. Als ehemaliger Offizier wusste ich, was gründliche Aufklärung bedeutet.
Donnerstagabend klingelte es. Annika stand vor der Tür, mit Pralinen und einer Flasche Rotwein. »Papa, ich dachte, wir verbringen einen schönen Abend zusammen. «
»Eine wunderbare Idee, Liebling.
«
Die Kamera in der Küche lief. Annika öffnete den Wein und schenkte zwei Gläser ein. Dabei bemerkte ich, wie sie etwas in mein Glas fallen ließ. Ein kleiner weißer Kristall, der sich sofort auflöste.
»Auf uns, Papa«, sagte sie und hob ihr Glas. Ich hob meins, trank aber nicht. »Bevor wir anstoßen: Hol mir bitte die kubanischen Zigarren aus der Küche. Die zum Geburtstag.
«
»Aber Papa, das Rauchen ist schlecht für dein Herz. «
»Ein letzter Genuss. In meinem Alter darf man sich das erlauben. «
Sie seufzte und ging in die Küche.
Ich tauschte die Gläser. Als sie zurückkam, nahm sie das Glas, das ich ihr hingestellt hatte – das vergiftete. Wir tranken gleichzeitig. Ich beobachtete ihr Gesicht.
Zehn Minuten lang geschah nichts. Dann wurde sie blass. »Papa, mir ist plötzlich so schwindelig. «
»Soll ich einen Arzt rufen?
«, fragte ich gespielt besorgt. »Nein, nein, es geht schon. « Sie trank noch einen Schluck. Nach fünf Minuten begann sie zu zittern.
»Papa, etwas stimmt nicht. Ich fühle mich so seltsam. «
Ich ließ die Maske fallen. »Das Gift wirkt schneller als erwartet.
«
»Gift? Papa, was redest du da? «
Ich holte ihr Handy aus der Handtasche. Auf dem Display stand die Nachricht an Thomas: »Papa trinkt gerade den Wein.
In einer Stunde ist alles vorbei. Dann können wir endlich zusammen sein. «
»Das Gift, das du in mein Glas getan hast – ich habe die Gläser getauscht, während du in der Küche warst. Du hast deinen eigenen Todestrunk genommen.
«
Annika begann zu weinen. »Papa, bitte hilf mir. Ruf einen Krankenwagen. «
»So wie du mir geholfen hättest?
Ich weiß alles. Wilhelm Braun, Martha Schmidt, Robert Klein. Petra Müller hat mir alles erzählt. «
»Petra?
« Annika krallte sich an ihren Bauch. »Was hat diese –«
»Die Wahrheit. Dass du und Thomas eine Bande von Mördern seid. Dass alte Menschen eure Opfer sind.
Dass ich euer nächstes war. «
»Papa, bitte. « Ihre Stimme wurde schwächer. »Ich bin deine Tochter.
«
»Meine Tochter ist vor Jahren gestorben. Was vor mir sitzt, ist ein Monster in ihrem Körper. «
Ich rief Petra an. »Sie hat das Gift genommen, das für mich bestimmt war.
«
»Gut. Ich rufe Polizei und Notarzt. Die Kameras haben alles aufgezeichnet. «
Zwanzig Minuten später war das Haus voller Polizisten und Sanitäter.
Annika wurde ins Krankenhaus gebracht. Sie überlebte, mit schweren Organschäden. Das Gift war stark genug zum Töten, aber langsam genug, um natürlich zu wirken. Hauptkommissar Weber leitete die Ermittlungen.
Die Kameraaufnahmen zeigten, wie Annika das Gift in mein Glas fallen ließ. Ihr Handy enthielt hunderte Nachrichten über die Mordpläne. In Thomas’ Anwaltskanzlei fanden die Ermittler gefälschte Dokumente, Gift und eine Liste weiterer potenzieller Opfer. Thomas wurde noch am selben Abend verhaftet, als er fliehen wollte.
Auch der korrupte Arzt Dr. Schneider wurde festgenommen. Drei Wochen später saß ich im Gerichtssaal. Annika wurde im Rollstuhl hereingefahren, noch immer schwach vom Gift.
Sie sah mich an, voller Hass. »Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen? «, fragte der Richter. Annika wandte sich zu mir.
»Er ist mein Vater. Er hätte mich retten sollen, nicht vergiften. «
Ich stand auf. »Euer Ehren, darf ich antworten?
« Der Richter nickte. »Achtundsechzig Jahre habe ich versucht, ein ehrenvoller Mann zu sein. Meinem Land zu dienen. Meine Familie zu lieben.
Als meine Frau starb, habe ich dieses Kind allein großgezogen. Ich gab ihr alles. Als Dank wollte sie mich ermorden. Sie ist nicht mehr meine Tochter.
Was hier sitzt, ist ein Parasit, der das Gesicht meines Kindes trägt. «
Annika brach in Tränen aus. »Papa, bitte. «
»Nein.
Du hast die Verbindung durchtrennt, als du beschlossen hast, mich zu töten. Es gibt keinen Weg zurück. «
Das Urteil war eindeutig. Annika: fünfzehn Jahre wegen Mordes in sieben Fällen und versuchten Mordes.
Thomas Müller: lebenslang. Dr. Schneider: zwölf Jahre. Nach dem Prozess wartete Petra vor dem Gerichtsgebäude.
»Wie fühlen Sie sich? «
»Leer. Aber erleichtert. Die Gerechtigkeit hat gesiegt.
«
»Was werden Sie jetzt tun? «
»Leben. Zum ersten Mal seit dem Tod meiner Frau. «
Ein Jahr später verkaufte ich das große Haus – zu viele schlechte Erinnerungen.
Ich zog in eine kleine Wohnung. Im selben Haus wohnte Margarete, eine dreiundsechzigjährige Witwe. Sie war das Gegenteil von allem, was mein Leben vergiftet hatte: ehrlich, warm, ohne Hintergedanken. Wir trafen uns zu Spaziergängen, Abendessen, Theaterbesuchen.
»Friedrich«, sagte sie eines Abends, »du redest nie über deine Familie. «
Ich erzählte ihr alles. Sie hörte still zu, ohne zu urteilen. »Du hast das Richtige getan«, sagte sie.
»Du bist ein guter Mann, das sieht man. «
Vor zwei Monaten heirateten wir. Annika schreibt mir aus dem Gefängnis, Briefe voller Reue und Bitten um Vergebung. Ich lese sie alle.
Aber ich antworte nie. Manche Brücken lassen sich nicht wieder aufbauen. Letzten Monat besuchten uns Petra und ihre Kinder. Sie hat wieder geheiratet, einen Lehrer, der ihre Kinder wie seine eigenen behandelt.
Sie gründete eine Stiftung für Opfer von Erbschleicherei. »Ohne Sie«, sagte sie, »hätten Thomas und ich nie gestoppt. «
Heute bin ich neunundsechzig. Jeden Morgen stehe ich auf, küsse meine Frau, trinke meinen Kaffee und schaue in den Spiegel.
Der Mann, der mir entgegenblickt, ist älter und grauer geworden. Aber er hat seine Würde zurück.


